Nach sechs Wochen harter Arbeit an Bord meines neuen Bootes habe ich zur
ersten Reise abgelegt, sie dauerte vom 31. Mai bis am 11. August 2003 wechselnden
Besatzungen, insgesamt sechs.
| Ich habe in dieser Zeit 1'730 km in 245
Betriebsstunden zurückgelegt, 49 Schleusen und 332 bewegliche Brücken passiert. An dieser Stelle möchte ich nicht darüber
berichten, wann und wo der Hund ins Wasser gefallen ist, vor welcher Schleuse ich
warten musste, wie das Wetter war, wann der Wind wie stark und woher geweht hat,
welche Pannen ich hatte, was ich aus eigener Blödheit falsch gemacht habe, wen ich
getroffen und kennen gelernt habe, sondern ganz einfach über meine generellen
Erfahrungen auf meiner ersten Reise auf dem niederländischen Binnenschifffahrtsnetz.
Mein Boot ist in der Scheepswerf Nieko in Franeker, Friesland, fertig gestellt worden. Von dort aus bin ich gestartet und vorerst in Friesland geblieben, mit einem Abstecher nach Meppel in der Provinz Overijssel. Später führte meine Reise Richtung Süden in die Nähe von Amsterdam, von dort über Rotterdam und nach Noord Holland,
anschliessend wieder zurück nach Amsterdam und dann entlang dem östlichen Rand des Ijssel Meeres zurück nach Friesland. Ich fahre seit mehr als dreissig Jahren und habe meine Erfahrungen bisher vorwiegend auf den englischen und französischen
Binnengewässern gesammelt. |
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Mein Boot ist in der Scheepswerf Nieko in Franeker, Friesland, fertig gestellt worden. Von dort aus bin ich gestartet und vorerst in Friesland geblieben, mit einem Abstecher nach Meppel in der Provinz Overijssel. Später führte meine Reise Richtung Süden in die Nähe von Amsterdam, von dort über Rotterdam und nach Noord Holland,
anschliessend wieder zurück nach Amsterdam und dann entlang dem östlichen Rand des Ijssel Meeres zurück nach Friesland. Ich fahre seit mehr als dreissig Jahren und habe meine Erfahrungen bisher vorwiegend auf den englischen und französischen
Binnengewässern gesammelt.
Die niederländischen Gewässer stellen höhere Ansprüche an die Seemannschaft als die französischen oder englischen
Binnengewässer: Der Einfluss des Windes ist stärker und die Windrichtungen wechseln, ebenso die Strömung. Auf den Meeren ist sauberes Kartenlesen erforderlich. Beim Warten vor den beweglichen Brücken müssen Wind und Strömung berücksichtigt
werden. Die Abmessungen und Bedienungszeiten der Schleusen und beweglichen Brücken und die Limiten der festen Brücken müssen bei der Routenplanung berücksichtigt
werden, um unliebsame Überraschungen zu vermeiden.
Die Niederlande sind gegenüber Sportschiffern im Vergleich zu Frankreich
wesentlich freundlicher und offener, ähnlich, wie in England. Dies äussert sich auch beim Kartenmaterial. Dieses ist absolut
brauchbar, auch wenn es nicht den perfekten Standard der Schweizerischen Landestopografie hat, den wir gewohnt sind. Für die
Grobplanung empfiehlt sich die ‚Nautic Ring Vaarkaart Nederland'. Diese Karte gibt eine gute Übersicht, hat klare Signaturen für
Fahrwasser mit folgenden Durchfahrtshöhen: Stehender Mast für Segler, maximal 9 m, maximal 3.5 m, maximal 2,5 m. Für das Fahren sind folgende Unterlagen unerlässlich:
Der Wateralmanak Deel 1 & 2 ist unentbehrlich für das Fahren auf niederländischen und belgischen Binnengewässern. Der Text ist niederländisch, einzelne Teile sind auf Englisch und Deutsch übersetzt.
Der Deel 1 enthält alle Vorschriften und der Deel 2 alle Angaben über Fahrwasser, Schleusen, Brücken, Anlegestellen,
Sportboothäfen und ihre Infrastruktur, Bedienungszeiten, Adressen, Funk und
Radiofrequenzen, wichtige Adressen und Telefonnummern. Deel 2 wird jedes Jahr neu
herausgegeben und ist eng verbunden und abgestimmt mit den verschiedenen Ausgaben der ANWN / VVV Waterkaart. Diese
Wasserkarten sind für das Fahren auf den niederländischen Binnengewässern ein Muss. Sie sind auf Syntosil gedruckt und damit wasserfest und wiederstandsfähig (als mein Hund auf dem Amsterdam Rijn Kanaal
seekrank geworden ist, hat er mir auf die Karte gekotzt. Sie hat es problemlos überstanden). Alle künstlichen Bauten am Wasser, Brükken, Schleusen etc. sind numeriert und an Hand der Nummer im Almanak auffindbar. Dort findet man die Bedienungszeiten, die Abmessungen und die Telefonnummern und Funkfrequenzen.
Die Niederlande sind bekanntlich sehr flach. Deshalb gibt es, verglichen mit
anderen Revieren, relativ wenig Schleusen. Die Hubhöhe der meisten Schleusen ist sehr
gering. Eine der Ausnahmen ist die Friese Sluis, die in Lemmer von Friesland zum Noordoostpolder führt. Man schleust vom Ijsselmeer sechs Meter zu Tal auf die
Lemstervaart. Das heisst das Land liegt sechs Meter unter dem Wasserspiegel des
Ijsselmeers. Ein eigenartiges Gefühl, sich so weit unter dem Wasserspiegel aufzuhalten. Die meisten Schleusen sind gratis, z.B. alle Grossschifffahrtsschleusen. Bei einigen wird ein Schleusengeld erhoben.
Brücken gibt es zahlreiche auf den niederländischen Binnengewässern. Die festen Brücken schränken die Durchfahrtshöhe
absolut ein. Auf den Wasserkarten ist die garantierte Durchfahrtshöhe in Dezimetern
angegeben und an der Brücke selbst kann man die aktuelle ablesen. Sehr häufig sind die Brücken beweglich. Es gibt verschiedene Sorten: Hebebrücken, die wie an
Scharnieren entweder auf einer Seite oder auch in der Mitte geteilt an beiden Ufern in zwei Teilen angehoben werden, Drehbrücken, bei denen sich der Mittelteil auf einem
Pfeiler um 90 Grad dreht, um zwei Durchfahrtswege für die Schifffahrt freizugeben, Schwimmbrücken auf Pontons, die einfach Richtung Ufer weggezogen werden. Wenn diese Brücken durch die Gemeinden bedient werden, wird ein Brückengeld erhoben. Der Preis ist angeschrieben und der Brückenwärter zieht ihn mit einer Art Angelrute ein, an der ein Holzschuh befestigt ist. Der Preis ist jeweils rund ein Euro pro Brücke und Boot.
Die Signalisierung der Bedienung ist ähnlich, wie die der Schleusen auf anderen
Binnengewässern: Kein Licht heisst ausser Betrieb. Zwei rote Lichter bedeuten: zur Zeit nicht in Betrieb, z.B. Mittagspause. Ein
rotes Licht heisst warten. Rot / grün heisst, das Boot ist erkannt, die Brücke wird
vorbereitet (das kann aber auch noch eine Weile dauern). Grün heisst: die Durchfahrt ist
erlaubt. Sobald Du aber siehst, dass der Brückenwärter die rotweissen Barrieren für den Strassenverkehr senkt, kannst Du losfahren. Die Brücke wird sich sehr bald öffnen. Der Brückenwärter erwartet, dass Du sehr rasch durchfährst, weil er den Strassenverkehr nicht länger als notwendig aufhalten will.
Es gibt auch Brücken mit Fernbedienung. Hier musst Du auf einen Knopf am Steiger vor der Brücke drücken, auf einer
Leuchttafel wird dann angezeigt, wann die Brücke geöffnet wird; manchmal gibt es auch ein Telefon, mit dem man sich melden muss.
Auch die Fähren sind zahlreich. Es gibt frei fahrende, solche die an einer Kette oder an einem Drahtseil im rechten Winkel zum Fahrwasser hin und her gezogen werden und Gierfähren, die an einer Kette oder
einem Drahtseil parallel zum Fahrwasser festgemacht sind und hin und her pendeln.
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Sie sind immer mit einer Tafel am Ufer
rechtzeitig signalisiert und ausserdem auf den Karten eingezeichnet. Es ist wichtig, den richtigen Abstand einzuhalten, und die Fähre auf der richtigen Seite zu passieren.
Die Bedienungszeiten für Brücken und Schleusen können im Almanak nachgelesen
werden. |
Die meisten Brücken werden ab 9 Uhr bedient, mit einer einstündigen Mittagspause. Viele schliessen für den Berufsverkehr auf der Strasse zwischen 16.30 bis 17.30 Uhr und sind dann nochmals bis 19.00 Uhr, manchmal auch länger geöffnet. An
Sonn und Feiertagen sind die Öffnungszeiten in gewissen Gegenden sehr beschränkt, oder die Brücken und Schleusen werden überhaupt nicht bedient. Diese Umstände sollten bei der Routenplanung rechtzeitig in
Betracht gezogen werden, um unliebsame Überraschungen zu vermeiden. Ich bin auf verschiedenen Binnenschifffahrtsstrassen gefahren, alle haben ihren eigenen Reiz:
Kleine Kanäle und Flüsse, wie z. B. die Dokkumer Ee oder die Vecht. Diese sind ausgesprochen malerisch mit prächtigen Landschaften und Ortschaften. Allerdings sind die Fahrwasser sehr eng und während der Hochsaison vor allem an Wochenenden mit Vergnügungsbooten aller Arten und Grössen sehr stark befahren.
Flüsse, die als Grossschifffahrtstrassen dienen, wie z.B. Ijssel, Nederrijn oder Lek. Der zum Teil starke Verkehr der Berufsschiffer erfordert grosse Aufmerksamkeit. Vor allem muss rechtzeitig erkannt werden, welcher Frachter die blaue Tafel zeigt und damit
ankündigt, dass er steuerbord an steuerbord kreuzen, d.h. links fahren will, um die Strömung optimal zu nutzen. Ein Feldstecher an Bord ist unerlässlich. Die Einfahrt nach Rotterdam ist eindrücklich: viele elegante, originelle, moderne Bauten; die Schiffe werden immer grösser und ihre Heimathäfen immer weiter entfernt. Wenn man dann auf die Delftse Schie abzweigt, ist man
innert kürzester Zeit wieder in stillen, beschaulichen ländlichen Gegenden. Grosse Seen, wie das Tjeukemeer, das Sneekermeer oder die Randmeere, wie
Wolderwijd, Veluwemeer, Drontermeer. (Merke: In den Niederlanden ist ein See ein Meer und das Meer die Zee). Diese Gewässer sind
betonnt und die Seezeichen sind numeriert. Wichtig ist es die Karte genau zu lesen, um im Fahrwasser zu bleiben und keine
Abzweigung zu verpassen. Auch zum Ansprechen der Seezeichen ist ein Feldstecher
unerlässlich. Je nach Wetter und Saison können hier sehr viele Segelboote unterwegs sein, die nach den geltenden
Binnenschifffahrtsregeln das Vortrittsrecht haben.
Auf den Grossschifffahrtskanälen, wie dem van Harinxma , Prinses
Margriet, Noord Hollandse Kanaal gibt es viel Berufsverkehr (ausser auf dem Noord
Hollandse Kanaal), aber die blaue Tafel ist kaum im Gebrauch, weil es keine Strömung gibt. Die wenigen Grossschifffahrtsschleusen können zu Wartezeiten führen, da die
Berufsschifffahrt Vorrang hat. Die in den relativ neu eingepolderten Gebieten erstellten Kanäle sind zum Teil langweilig, z.B. die Drentse Hoofdvaart oder die Lemstervaart: schnurgerade führen sie fast ausschliesslich durch landwirtschaftliche Gebiete ohne große Abwechslung. In allen Städten gibt es Häfen und Liegeplätze. Die Preise
schwanken zwischen 0.75 bis 1.00 Euro pro Meter Schiffslänge. In der Regel wird das
Hafengeld nach 16 Uhr fällig und wird vom Havenmeester eingezogen. Dafür wird in den meisten Fällen Trinkwasser und Landstrom angeboten. Es gibt auch
GratisLiegeplätze, wie z.B. mitten in Groningen oder die Liegeplätze der Marrekrite in Friesland, wo man 1
3 Tage kostenlos mitten in der Natur liegen kann, allerdings beschränkt sich die Infrastruktur hier auf Pfähle zum
festmachen und Abfallbehälter.
In den Niederlanden gibt es sehr viele
sehenswerte Städte, die ihren Charakter bewahrt haben, wie z.B. Wijk bij Duurstede, Schonhoven (Stadt der
Gold und Silberschmiede), Kampen (hier hängt eine Kuh am Rathausturm; die Einheimischen erklären Dir gerne warum), Deventer, Alkmaar (mit der schönsten Hafenmeisterei in ganz Holland), Harlingen (mit Zugang zur
Waddenzee), Dokkum (mit Liegeplätzen vor zwei Windmühlen), Lemmer, Naarden (eine intakte Festungsstadt mit Stadtmauern und Wassergräben), Elburg, Franeker (mit dem berühmten Planetarium des Eise Eisinga), Weesp (ein guter Ausgangspunkt, um
Amsterdam zu besuchen: 15 Minuten mit der Bahn bis ins Zentrum von Amsterdam), auch einige Städte, die zur Hanse gehört hatten, wie Zutphen, Zwolle, Städte mit
Zugang zum Ijsselmeer, wie Makkum, Hindeloopen (mit einem permanenten Flohmarkt auf einer Fläche von 500 m2). In den neu eingepolderten Landstrichen gibt es auch langweilige, neue Städte, die auf dem
Reissbrett entworfen worden sind.
Für die Grobplanung der Route habe ich die Nauticring Vaarkaart Nederland, im Massstab von 1 : 400'000 benutzt. Die
Tagesrouten habe ich immer am Vorabend mit meinen Gästen besprochen, das Tagesziel festgelegt und dann auf der entsprechenden Ausgabe der ANWB / VVV Waterkaart im Massstab 1 : 50'000 genau geplant, die Durchfahrtshöhen kontrolliert und den
Zeitplan festgelegt (nicht mehr als fünf Stunden Fahrzeit pro Tag, normale
Fahrgeschwindigkeit 8 km /h, Zeit pro bewegliche Brücke 15 Minuten, pro Schleuse 30 Minuten). Dann habe ich die Bedienungszeiten mit den Fahrzeiten abgestimmt und
allenfalls das Tagesziel korrigiert. Ausser in wenigen Fällen mit
Unvorhergesehenem konnten wir unsere Pläne einhalten.
Es lohnt sich, ein wenig Holländisch zu lernen. Ich habe damit gute Erfahrungen gemacht. Die jungen Holländer sprechen sehr gut
Englisch, die meisten auch Deutsch. Schon der kleine Satz:
‚Ik sprek slechts en beetje Nederlands, ik ben Zwitser, sprekt U duits, engels of frans?'
wirkt Wunder, weil die Deutschen in den Niederlanden halt auch heute noch nicht sehr beliebt sind.
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Die Niederlande sind flächenmässig ein wenig kleiner als die Schweiz, ein Fünftel der Fläche besteht aus Wasser und es leben 16 Millionen Menschen in diesem schönen Land. Da die meisten in den
Agglomerationen Amsterdam und Rotterdam wohnen, gibt es im Gegensatz zur Schweiz viele dünn besiedelte Gebiete mit sehr viel Platz und zum Teil sogar ungenutztem Land.
Die niederländische Küche ist deftig und die Portionen sind sehr gross (Ich habe meistens nur eine Suppe und eine Vorspeise bestellt). Die Preise sind verglichen mit der Schweiz niedrig. In allen Restaurants und Läden bekommt man preiswerte Weine, sie stammen durchwegs aus Südafrika,
Australien, Kalifornien, Neuseeland und sind von guter Qualität. Die Kneipen, in denen man sich an der Bar mit allen Leuten unterhalten kann, sind gemütlich und es gibt keine
Polizeistunde. Das Bier ist ausgezeichnet und frisch. Noch eine kleine Besonderheit: da die
Niederlande auf Meereshöhe, zum Teil darunter liegen, ist der Siedepunkt des Wassers höher. Dies äussert sich zum Beispiel darin, dass es weniger Zeit braucht, um Eier weich zu kochen, bzw. nach unseren gewohnten Zeiten werden sie hart.
Nach mehr als dreissig Jahren habe ich in den Niederlanden prächtige neue Reviere kennen, schätzen und lieben gelernt. Die Niederlande sind ein Paradies für den Bootssport. Nicht nur der Reichtum und die Schönheit der Fahrwasser, sondern auch die eindrückliche Abwechslung der
Landschaften und Städte, der nette Empfang für Gäste auf dem Wasser, sei es an Land in den
Beizen, in den Häfen oder in den Werften, falls Wartung oder Reparaturen fällig sind. Ich werde wiederkehren.
Tot ziens!
P. Rudolf von
Rohr
Folgende Unterlagen sind für das Fahren auf NL-Binnengewässern absolut notwendig:

Folgende Unterlagen sind nützlich:

Der
Artikel erschien in der L'ancre de Kembs Ausgabe März 2004
Ó
F. Engeler, Zufikon
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