erz_gernsheim _friesland
von Gernsheim den Rhein hinunter, 
bis nach Friesland und zurück
eine Fahrt fast ohne Schleusen 
   

       ein Bericht von Harry und Romy aus Mainz; "Moguntia*

Im Juni 99 konnten wir unser neues Stahlschiff eine Privateer 37 von der Werft Nauta in Holland von dem fast unaussprechlichen Namen "Uitwellingerga" in der Nähe von Sneek in Empfang nehmen und nach Deutschland über die Ijssel / Rhein bis zu Rheinkilometer 462 zu unserem Heimathafen nach Gernsheim überführen.

Wie es nun einmal so üblich ist, stellen sich in der Regel bei solchen Überführungsfahrten meist ein oder mehrere kleine Beanstandungen heraus, so dass wir mit der Werft vereinbarten, alle evtl. auftretenden Mängel festzuhalten und im nächsten Jahr auf der Werft nachbessern zu lassen und dies gleich mit einem Hollandurlaub zu verbinden. Die Strecke war uns vor ein paar Jahren von der letzten Überführungsfahrt mit einer Pedro Solano 33 bekannt. Nur hier mussten wir das Schiff in Zuidbroek abholen, wofür ein ganzer Tag mehr benötigt wurde

Unsere Privateer 37 ist ein Multiknickspanter 11.60 x 3.80 m und gut 1.30 m länger als die Pedro Solano 33 und wiegt auch ca. 5 To. mehr, nämlich so um die 12 Tonnen!

Mit der Werft machten wir einen Termin für den 30.5. aus und planten hierfür maximal 1 Woche Werftaufenthalt ein. Der Motor, ein Vetus-Deutz DTA mit 128 PS, brachte es laut Drehzahlmesser auf Vollgas auf 2'900 Umdrehungen, vorgeschrieben waren jedoch nur 2'650. Das vor allen Dingen wollten wir mit einem anderen Propeller beheben lassen, die anderen Beanstandungen waren u.a. der Wasserablauf des Duschbeckens u. die Decke am Schiff wies an den Rändern kleine Falten auf, aber sonst hatten wir kaum Beanstandungen, das Schiff fuhr optimal, v. allem durch die Ausgleichsgelenkwelle von Phyton war die Geräuschentwicklung nur halb so laut wie bei unserer früheren Pedro.

Nun, was meine Frau und ich auf unserer Fahrt nach Holland und zurück alles so erlebten, schildern wir nach Logbuch nachstehend:

26. Mai 2000
Das Schiff war zur Abfahrt bereit. Meine liebe Frau sorgte für die gute Verpflegung, also Essen und Trinken und auserlesene gute Rieslingweine von Trocken bis zur Auslese waren an Bord verstaut. Ersatzteile, wie Impeller, Keilriemen und sonstiges Werkzeug für Notreparaturen waren an Bord einschliesslich der beiden Falträder von diBlasi, die zusammengefaltet an der Reling gut verstaut waren und kaum störten. Das Wetter war gut und wir starteten nach Feierabend noch am Freitag so gegen 15 Uhr und wollten noch ein paar Stunden bis Sonnenuntergang zu unserer bekannten schönen Mariannenaue bei Kilometer 517 die erste Nacht vor Anker verbringen. Der Termin bei der Werft in Holland am 30.5. hatten wir natürlich immer im Auge.

Unser Schiff lief so gut und das Wetter war auch in Ordnung, so dass wir kurzfristig beschlossen, unseren ersten Törntag weiter fortzusetzen und die Mariannenaue, wo wir sonst oft an den Wochenenden vor Anker liegen, im Rückspiegel zu lassen und noch das "Binger Loch" in Angriff zu nehmen. Vorbei an den bekannten Weinorten Rüdesheim, Bingen, dem bekannten Mäuseturm, wo allmählich die Strömung sehr stark zunimmt, fuhren wir noch an Assmannshausen, Trechtinghausen, Bacharach, Lorch, Oberwesel, vorbei an der Loreley bis nach St. Goar, Rheinkilometer 556,5 wo wir einen sehr schönen Gastliegeplatz mit Strom- und Wasseranschluss in Anspruch nehmen konnten. Nun, wir brauchten weder Wasser noch Strom, da alle 4 Verbraucherbatterien mit je 170 Ah bis zum Rand voll waren. Die erste Anlaufstation war geschafft und wir waren sehr überrascht, dass wir an dem ersten Tag noch soweit kamen (94 Kilometer). Die Strömung in diesem Abschnitt ist einfach enorm und die Talfahrt macht Freude. Wir wurden kaum von der Berufsschifffahrt überholt. Allerdings bin ich sehr froh, dass ich mir einen grossen Rückspiegel zugelegt habe, so dass nicht ständig eine Nackenverrenkung nach achtern erfolgen muss. Die erste Nacht schliefen wir sehr gut, obwohl der Hafen ansonsten sehr laut ist. Von beiden Seiten fahren die Züge das Rheintal auf und ab und der LKW-Verkehr ist auch nicht zu überhören. Aber die Aussicht ist einmalig. Direkter Blick auf die Burg Rheinfels und das Rheintal; immer wieder herrlich!.

27.5. Regen, feucht, kalt! Das Verdeck wird ganz geschlossen und ist absolut dicht. So ein gutes Verdeck hatten wir zuvor noch nie. Einfach Spitze! Alle 3 Scheibenwischer mussten in Aktion treten und nahmen ihre Arbeit zur vollen Zufriedenheit auf. Nun ging es weiter den Rhein hinunter. Die Abfahrt zur Lahn lag hinter uns und Koblenz (592) war in Sicht. Die Strömung ist noch erheblich, ab Koblenz am Deutschen Eck kommt die Mosel hinzu, die Landschaft ist faszinierend. Wie weit wollen wir am 2. Tag fahren? Das Wetter blieb schlecht, der Wind nahm zu. - Wir hatten Köln (690) im Auge. Doch wir kannten den Hafen, der uns eigentlich gar nicht gefiel. Die Steganlage ist in schlechtem Zustand, die Aussicht ist gleich Null, da die Kaimauern mehrere Meter hoch sind. Also beschliessen wir weiter zu fahren bis zum Sendeturm in Düsseldorf. (Marina Düsseldorf 743). Der Hafen war uns gut bekannt und es ist gar nicht weit bis zur Altstadt in Düsseldorf.

 


Wie wir in den Hafen einliefen und Frau Gast von der Steganlage vergeblich suchten, waren wir sehr überrascht: Die Steganlage war weg und wir fanden nur eine Baustelle. Wir fuhren ein Stück zurück und entdeckten, dass man wegen Restaurierung der Kaimauer die gesamte Anlage auslagerte. Frau Gast kam, wie immer freundlich, auf uns zu, nahm die Leine entgegen und wir konnten unser Schiff bei ziemlich starkem Wind unter Zuhilfenahme der Bugschraube gut vertäuen. Wir nahmen gleich den Weg in die Altstadt nach Düsseldorf auf. In jeder Kneipe lachte uns das gute "Dunkelbier" entgegen. Im Gegensatz zu Köln, wo fast jeder das bekannte Kölsch trinkt. Nach einem Rundgang durch die Altstadt und einer guten Stärkung gingen wir zurück zum Hafen, wo wir die Nacht verbrachten.

Am 28.5. gegen 8 Uhr weckte uns Frau Gast mit frischen Brötchen und der 3. Tag begann sehr gut, zumal der Regen langsam nachliess, nur der Wind war immer noch heftig. So verliessen wir gegen 9.30 Uhr den Düsseldorfer Hafen am Rheinturm und es ging weiter bergab. Leider nahm auch der Regen wieder zu und die Scheibenwischer mussten Schwerstarbeit leisten. Nach ca. 3 Stunden Fahrt hörte allmählich der Regen auf und der Wind nahm unaufhaltsam zu. Die Gischt war so stark, dass weiterhin die Scheibenwischer im Einsatz blieben. Eigenttlich hatten wir vor, bis zur früheren Grenzstation nach Lobith zu fahren, doch der Wind blies und blies immer mehr. Über Funk auf Kanal 10 meldete sich die Berufsschifffahrt mit Warnmeldungen, dass z.T. das Manövrieren immer schwerer würde. 

   Die Wasserschutzpolizei meldete Windstärke 8 mit zunehmender Tendenz   

Unser Schiff lag verhältnismässig ruhig, aber Sorgen machten wir uns um das Verdeck; wird es einreisen oder hält es? Wir hatten nur einen Steuerstand. Den zweiten im Salon hatten wir bewusst weggelassen, da die Sicht nach achtern von innen derart eingeschränkt ist, dass ein Fahren auf dem Rhein lebensgefährlich wird. Den 2. Steuerstand auf unserer früheren Pedro haben wir so gut wie nie nutzen können. Wir fuhren zu 95 % immer auf dem oberen Fahrstand. Und das Schiffsinnere lässt sich mit nur einem Steuerpult auch viel besser einrichten ....

Unterdessen hatten wir auf dem Rhein Sturmstärke erreicht. Die WAP meldete Stärke 10 (!) auf dem Rhein. Wir machten uns immer mehr Sorgen um das Verdeck, doch es hielt, aber ich wollte es nicht herausfordern. Die Berufsschifffahrt hielt sich am Sonntag in Grenzen. Ich wollte bewusst nicht an einem Montag durch den Ruhrpott. Der Wind blies immer heftiger, so dass wir uns kurzfristig für den Hafen Wesel entschieden. Wir beschlossen, hier halt zu machen und wollten abwarten, wie sich das Wetter entwickelt. Doch im Hafen Wesel (814) angekommen, war ein normales Anlegen gar nicht möglich, da auch im Hafen starker Wellengang war. Wie ohne Schaden zu nehmen am Gaststeg anlegen?

Ich tastete mich ganz langsam an den Anlegesteg. Plötzlich tauchten vier freundliche Helfer auf und drückten unser schweres Schiff mit aller Kraft vom Steg ab. Natürlich hatten wir 6 grosse Fender zuvor ausgebracht, so dass nun mit letzter Kraft von allen Beteiligten ein Anlegen am Steg in Wesel noch möglich war. Sträucher, ja sogar kleine Bäume fielen um. Wir waren wirklich froh, dass wir hier erst einmal sicher waren. Ein weiteres Stahlboot nahm Kurs auf den Hafen Wesel und mit vereinter Kraft war auch hier ein Anlegen möglich, obwohl der liebe Bordhund von dem einlaufenden Schiff gar nicht so lieb war. Er bellte und protestierte gegen unsere Hilfe ganz erheblich. Der Skipper war ja sehr mit dem Anlegen beschäftigt und konnte den Hund zunächst nicht in seine Koje bringen. Aber alles verlief gut. Der Trost war da!

Die wirklich guten Küchen von allen 3 Clubs im Hafen von Wesel sind unbedingt zu empfehlen und jeder Skipper, der an Wesel (Kilometer 814 ) vorbeikommt, sollte nicht versäumen, den Hafen anzulaufen und die kulinarischen Erzeugnisse zu geniessen. Wir verbrachten eine verhältnismässig ruhige Nacht.

Am 29.5. hatte der Wind deutlich abgenommen, doch dafür regnete es immer mehr. Der Wetterbericht war gar nicht gut. In Holland hörten wir, das 2 Menschen ums Leben kamen und auch über Nordrhein-Westfalen vernahmen wir nur Schreckensmeldungen. Die Aussichten waren nicht gut. Aber sollen wir uns jetzt hier in Wesel noch mehrere Tage aufhalten? Alle Termine kommen durcheinander. Unser Dickschiff müsste das eigentlich schaffen. Der Wind blies um 6 Bf. Langsam gewöhnten wir uns an das schlechte Wetter. Nach einem guten Frühstück beschlossen wir, die Fahrt weiter fortzusetzen und verliessen den Hafen Wesel.

Wir nahmen Kurs auf die Bijland-Plassen bei Kilometer 864. Diese sind vom Rhein nicht einsehbar. Ein wunderbares Freizeit- und Erholungsgebiet mit kleinen Inseln und vor allem auch eine gut anzufahrende Tankstelle mit allen Treibstoffsorten und die Möglichkeit zum Wasserbunkern. Es besteht die Möglichkeit, direkt vor den kleinen Inseln zu ankern oder auch diese auch direkt anzufahren (wichtig für Bordhunde!). Auch eine abgesteckte Wasserskistrecke findet man, dies aber in weiter Ferne, so dass die Geräuschentwicklung nicht zu hören ist. Ferner verfügt dieses Gebiet über Anlegemöglichkeiten im Hafen mit Servicestation und Hebekränen. Die Einfahrt zu den Bijland-Plassen ist gut markiert und vom Rhein aus an der kleinen Brücke zu erkennen. Wir füllten unseren 500 Liter-Tank wieder auf und nahmen Kurs auf den Pannerdens-Kanal (867).

Die Wolken wurden immer dichter, der Regen nahm weiter zu. Nachdem wir den Pannerdens-Kanal verlassen hatten, fuhren wir in die Geldersee-Ijssel. Die Strömung ist zu Beginn stark und nimmt nach und nach kontinuierlich ab. Nachdem wir so ca. 40 Kilometer auf der Ijssel unterwegs waren, fing es plötzlich an zu Blitzen und zu donnern u. ein sehr starker Hagelschlag füllte unser Schiff, so dass uns nur noch die Schlittschuhe fehlten, um auf dem Achterdeck eine Pirouette hinzulegen. In 50 Meter Entfernung schlug der Blitz ein und spaltete einen Baum. Jetzt war der Hagelschlag so stark und die Sicht derartig eingeschränkt, dass ich nur knapp über Leerlaufgeschwindigkeit die Ijssel heruntertuckern konnte. Wieder machten wir uns grosse Sorgen um das Verdeck, es hielt aber auch diesem Sturm stand. Die Sicht wurde noch schlechter, die Scheiben fingen an zu beschlagen. Unter Deck holten wir unsere kleine Gebläseheizung heraus, schalteten den Umformer ein; durch die entwickelte Wärme wurden die Scheiben nach und nach wieder frei. Das hat gut funktioniert. Langsam kamen wir nach Kampen (996). Wir schauten uns zunächst nach einem Liegeplatz um, aber irgendwie hat es nicht geklappt und wir fuhren weiter zum Ketelmeer. Der Regen lässt allmählich nach, aber die Wolkendecke will nicht aufreissen. Es ist schon mittlerweile 18 Uhr. Wir tuckern trotzdem weiter und hoffen, dass sich der Wind gegen Abend noch legt.

Vor uns liegt jetzt das Ijsselmeer. Da es uns nicht gerade freundlich begrüsst, überlegen wir, ob wir noch Kurs in Richtung Lemmer nehmen und versuchen sollen, das Fahrverhalten auf dem Ijsselmeer auszuloten. Die Windstärke auf dem Ijsselmeer liegt zwischen 5 und 6. Die Gischt fegt über das Verdeck, die Sicht ist nicht gerade optimal. Alle losen Gegenstände unter Deck und auf dem Deck müssen gut gesichert werden. Das Schiff rollt von einer auf die anderen Seite. Wir müssen sicheren Halt suchen. Nein, bis Lemmer fahren wir nicht mehr, es wird immer dunkler und die Sicht ist nach wie vor schlecht. Es war schon 20 Uhr. Wir beschliessen nach Urk zu fahren in der Hoffnung, einen Liegeplatz zu finden. Zu dieser Jahreszeit waren wir fast alleine an der Kaimauer von Urk. Sehr gepflegt, viele Stromanschlüsse und gute Festmacher. Ein sehr hübsches kleines aber lebhaftes Fischerdorf. Kleine und grössere Fischkutter sind zu begutachten. Es wird immer dunkler und wir bleiben für die Nacht in Urk.

Der Wind hat am 30.5. nur noch eine Stärke von 3 bis 4. Wäre das nicht der Fall gewesen, wären wir über die Kanäle in Richtung Lemmer weitergefahren, doch bei dieser Windstärke fuhren wir übers Ijsselmeer nach Lemmer. Es regnete nicht mehr und das Wetter wurde immer besser. Es machte das erste Mal richtig Spass, mit dem Schiff unterwegs zu sein. Zur Mittagszeit erreichten wir Lemmer. Da wir noch genügend Zeit hatten, beschlossen wir, um es uns anzusehen, direkt mit dem Schiff nach Lemmer hineinzufahren. Die Kaimauern waren verhältnismässig leer, so dass wir direkt hinter der Schleuse an einem sehr guten Fischlokal festmachen konnten. Wir versuchten die gebotenen Spezialitäten und unternahmen einen Rundgang in Lemmer. Das Städtchen ist eigentlich immer sehenswert, nur im Hochsommer ist es einfach total überlaufen, aber Ende Mai war nicht allzuviel los.

Gegenüber von unserem Festmacheplatz lag ein Plattboot, das auf die Öffnung der Brücke wartete (es war Mittagszeit in Lemmer) um hinaus aufs Ijsselmeer zu fahren. Da es aber mit dem Bug nicht in Richtung Ijsselmeer lag, versuchte der Skipper das Plattboot von ca. 9 Meter unter Motor zu drehen. Irgendwie misslang dies und das Boot kam direkt auf uns zu. Nur durch lautstarkes Zurufen gelang es uns, den Skipper auf uns aufmerksam zu machen, der im letzten Augenblick den Rückwartsgang einlegte. Nur durch den starken Schub und unter grösstem körperlichen Einsatz gelang es, das Plattboot von unserem Schiff wenige Zentimeter fernzuhalten, sonst hätte es einen heftigen Zusammenstoss gegeben. - Nun das war ein total misslungenes Wendemanöver des Plattboot-Skippers. Uns begegneten in diesem Kanal sehr viele Charterer, die ihre ersten Fahrversuche unternahmen, und wir kamen zu der Überzeugung, das nächste Mal Lemmer mit dem Schiff nicht mehr anzulaufen sondern lieber über die Aussenschleuse Lemmer zu umfahren. Wir waren also ganz froh, den Hauptkanal von Lemmer wieder verlassen zu können und fuhren termingerecht zur Werft bis Uitwellingerga.

Hier konnten wir erst einmal in Ruhe unser Schiff festmachen, begrüssten den Werftinhaber Hrn. Nauta und besprachen die nötigen Arbeiten, die ja noch zu erledigen waren. Man muss wissen, dass die holländischen Uhren etwas langsamer laufen und so werden auch von den Mechanikern lange Kaffeepausen eingehalten und es geht langsam aber beständig voran. So kam auch am anderen Tag der spezielle Mechaniker für den Vetus-Deutz-Motor, um alle Komponenten zu prüfen. Wir machten eine ausführliche Probefahrt, die ja eigentlich schon im Jahr zuvor hätte stattfinden müssen, um alle Einstellarbeiten noch vorzunehmen.

Anhand von Präzisionsgeräten stellte man fest, dass der Motor die vorgeschriebene Drehzahl von 2’650, es waren eigentlich 2’7, erreicht und nicht wie an unserem Fahrstand abgelesen 2’9. Der Drehzahlmesser wurde nachjustiert, was wiederum bedeutete, dass wir keinen anderen Propeller benötigen. Die Geschwindigkeit wurde per GPS mit 8,5 Knoten gemessen. Wahrscheinlich werden auch knapp 9 Knoten erreicht, sofern tieferes Wasser vorhanden ist. Der Prinz-Margrit-Kanal lässt so eine Geschwindigkeit jedenfalls nicht zu, zumal der Wellenschlag nicht gerade wenig wäre. Probefahrten sind also mit "hoher" Geschwindigkeit auf einem Kanal nicht ohne weiteres möglich. An den nächsten Tagen wurde noch ein zweiter Ablauf in der Duschwanne installiert, die Decke in Ordnung gebracht, das Victron-Ladegerät etwas höher eingestellt und wir waren alle zufrieden. Die Cockpitabdeckung liessen wir noch ändern und das Steuerrad wurde gegen ein anderes mit 50 cm anstelle 60 cm ausgetauscht. Der Werftaufenthalt dauerte vom 30.5. - 2.6.20.

Am 3.6. setzten wir unsere Fahrt in Richtung Grouw auf dem Prinz-Margrit-Kanal fort bis zum Princenhof. Das künstlich angelegte Fahrrevier ist im Sommer ausgesprochen gut gefüllt. Herrliche kleine Inseln, auch Hotels und einige schöne Anlaufstellen sind hier vorhanden. Allerdings liegt die Wassertiefe nur um ca. 1,20 m. Es gibt auch Stellen, die nur 80 cm und weniger tief sind. Also Vorsicht, man benötigt genaues Kartenmaterial, um gut planen zu können. Oftmals sieht man sehr trübes Wasser aufsteigen, wenn’s flach wird. Immer wieder sollte der Wasserfilter für die Motorkühlung kontrolliert werden. Trotzdem ein besuchenswertes Erholungsgebiet. Es ist üblich, die Inseln nicht länger als 3 Tage zu blockieren, damit in der Hochsaison auch andere in den Genuss kommen. Es gibt ja so viele kleine Inseln, da fällt es nicht sonderlich schwer weiterzuziehen und an der nächsten Insel festzumachen. Erstaunt sind wir immer wieder über die Sauberkeit der Inseln. Fast überall stehen mehrere Müllcontainer, aber so aufgestellt, dass sie nicht sonderlich stören. Jede Woche werden die Container geleert. Genügend Auslauf für Kinder und Hunde ist vorhanden. Wir blieben bis zum 4.6. auf den Inseln.

Am nächsten Tag ging es weiter über einige Kanäle in den Norden bis Franeker. Ein hübscher kleiner Ort, wo die berühmten Valk-Yachten gebaut werden. Kurz hinter Franeker drehten wir bei und nahmen Kurs auf Leeuwarden, wo wir einen Anlegeplatz suchten. Man parkt mitten in der Stadt. Alleine die Kanaldurchfahrt durch Leeuwarden ist sehr zu empfehlen, ebenso der Stadtbesuch. Leider haben wir den Ort jetzt zum 3. Mal nur im Regen kennengelernt, aber mit etwas Fantasie kann man sich hier Sonnenschein auch vorstellen.

Am 6.6. setzten wir unseren Törn in Richtung Prinz-Margriet-Kanal, weiter über den Friso-Kanal nach Stavoren fort. Im Hafen "De Roggebroek" in Stavoren haben wir einen wunderschönen Liegeplatz erhalten. Mit unseren Falträdern erkundeten wir die Umgebung und fuhren so ca. 30 Kilometer in und um Stavoren herum. U.a. ist hier auch die Werft von den Staverse-Kottern zu Hause. Sehr gute robuste Schiffe der gehobenen Klasse. Fische schmecken hier besonders gut. Der Ort ist klein, aber wirklich sehenswert. Ein Blick am Hafen auf die Windmessung des Ijsselmeers ergab Windstärke 5 - 6. Es bläst ganz hübsch.

Am 8.6. tankten wir in Stavoren und wollten eigentlich über das Ijsselmeer über Lemmer nach Lelystad fahren. Der Wind nahm aber weiter zu, so dass wir kehrtmachten und gemütlich über die Seen und Kanäle nach Lemmer zurückfuhren, allerdings nicht mehr durch Lemmer, sondern aussen über die Schleuse. In der Schleuse wir ein sehr nettes Ehepaar aus Deutschland kennen. Diese waren schon Rentner und hatten jede Menge Zeit. Ihre Valk-Yacht liegt fest in Franeker. Wir fuhren parallel bis Lelystad, wo wir im Hafen dann festmachten und übernachteten. Wir wollten am anderen Tag über die Randmeere wieder zum Ketelmeer zurück. Unsere Nachbarn setzten ihren Törn in Richtung Westerschelde fort.

Der Hafen in Lelystaat ist einer der besten mit allem Komfort. Für unser Schiff (11.60) zahlten wir ca. 31,50 Gulden für die Nacht. Diese waren es aber Wert. Alleine die grosszügigen Duschen! Ohne Zeitbegrenzung konnten wir sie benutzen und auch alle weiteren Einrichtungen. Ein Fein-schmeckerlokal ist ebenfalls vorhanden. Wir deckten uns noch mit Spezialkarten von den Randmeeren / Flevoland ein, wo jede kleine Boje und natürlich immer wichtig, die genaue Wassertiefe vermerkt ist.

Am Freitag fuhren wir durch die grosse Schleuse in Leylystad über’s Ijsselmeer in Richtung Amsterdam. Die Sonne schien u. der Wind blies nur ganz schwach. Die Wellen kräuselten sich leicht im Sonnenschein. Es war eine sehr schöne Fahrt bis wir dann am Pampus links abbogen zu den Randmeeren in Richtung Harderwijk. Man sollte hier ein paar Tage für dieses Gebiet einrechnen, sofern der Kurs Richtung Ketelmeer angesagt ist. Die Fahrt setzten wir bis Zeewolde / Harderwijk fort, wo wir eine kleine "Robinson-Insel" ansteuerten. Es war unterdessen Pfingsten geworden. Vor ein paar Jahren hatten wir einmal die ganze Insel für uns allein, diesmal nicht. Trotzdem ein sehr schönes ruhiges Erholungsgebiet. Wir verweilten bis zum 11.6.

Am nächsten Tag fuhren wir über Elburg ins Vossemeer zum Ketelmeer, über Kampen zur Ijssel, wo das Wetter wieder einmal schlechter wurde. Unser nächster Ort war Wijhe. Ein ganz kleiner Ort mit einem sehr kleinen Hafen, der nächstes Jahr ausgebaut werden soll. Die Anlegestege sind zum Teil nur 6 Meter lang. Daher war es ausserordentlich schwierig, das Schiff in die richtige Position zu bekommen. Da wir zudem noch starken Wind hatten, war es nicht einfach anzulegen, es war aber zu spät, um noch weiter zu fahren. Ein 2. Stahlboot lag im Hafen. Der Skipper war anwesend und half uns beim Anlegen. Die Belegung der Leinen ging so schnell vonstatten, dass ich wirklich staunte. Wir bedankten uns später mit einer guten Flasche Wein, die wir gemeinsam mit dem Ehepaar tranken. Dabei stellte sich heraus, dass er früher Berufsschiffer war. Jetzt war mir klar, weshalb seine Handgriffe so professionell waren. Wir plauderten noch den ganzen Abend und tauschten unsere Erfahrungen aus. Es war ein sehr schöner Tag!

Am 13. erreichten wir Zupthen. Einmalig schön, vor allem liegt der Hafen direkt in der Altstadt. Der Hafenmeister ist sehr engagiert und weist jeden Ankömmling sofort in die richtige Box. Der Hafen war verhältnismässig voll, so dass wir an der Kaimauer festmachen mussten. Man merkt hier den leichten Schwell, da die Berufsschifffahrt auf der Ijssel vorbeidonnert und die Wellen z.T. ins Hafenbecken laufen. Der Ort Zupthen ist u.E. einer der schönsten Holland's. Viele Restaurants, Einkaufsmöglichkeiten, viel Tourismus, ein lebendiger Ort und der Hafen mittendrin …

Am nächsten Morgen, 14.6., 7.30 Uhr, gings weiter stromaufwärts, wieder über den Pannerdenskanal zurück zum Rhein. Unser Drehzahlmesser pendelte sich um 2’100 ein. Die Berufsschiffahrt hat in letzter Zeit auf dem Rhein sehr stark zugenommen. Vor allem kommen aus Rotterdam die grossen Fracht- und Containerschiffe und fahren den Rhein hinauf bis Basel. Kaum entdeckt man eine sich öffnenden Lücke! Ständige Konzentration und Gegenlenken durch die starke Strömung ist unumgänglich. Sobald der Pannerdenskanal verlassen wird, beginnt eine weniger schöne Strecke. Vielmehr als 8 - 9 Kilometer pro Stunde stromaufwärts sind nicht zu schaffen. In den uns bekannen Bijland-Plassen haben wir wieder unseren Spritvorrat aufgefüllt. Der Durchschnittsverbrauch lag bei 8 Liter pro Stunde. Auf den holländischen Kanälen benötigten wir nur ca. 5 Liter, aber die Strömung verlangt dem Motor schon etwas mehr Leistung ab. Dieser schnurrt wie eine Nähmaschine, keine Klagen.

Wir beschlossen, wieder nach Wesel zu fahren, wo wir doch so gute Erfahrung machten und das tolle Essen lockte ebenfalls. Nachdem wir 11 Stunden hinter dem Lenkrad verbracht hatten, erreichten wir an diesem Tag gegen 20 Uhr noch Wesel und wurden nicht enttäuscht.

Am 15.6. setzten wir die Fahrt um 8.30 nach einem guten Frühstück stromauf fort. Die Wellenbewegung auf dem Rhein war ausserordentlich stark, so dass wir laufend gegensteuern mussten. Wir kamen trotzdem gut voran. Düsseldorf liessen wir liegen und fuhren weiter stromaufwärts bis Neuss, Rhein-Kilometer 736. Nach ca. 10 1/2 Stunden hatten wir 80 Kilometer geschafft. Bei der Strömung ein ganz guter Wert! Der Hafen von Neuss war total leer, keine Menschenseele zu sehen. Wir suchten uns einen freien Platz und legten an. Den Hafen konnten wir nicht verlassen. Die Tür vom Yachtclub war verschlossen. Das war aber weiter nicht schlimm, denn wir benötigten weder Wasser noch Strom. Die Batterien waren randvoll.

Am 16.6. traten wir schon um Sieben in der Früh die Weiterfahrt an, da wir noch eine weite Strecke vor uns hatten. An diesem Tag fuhren wir 12 Stunden und schafften 98 Kilometer nach Oberwinter (Rhein-Kilometer 639). Die lange Fahrzeit kommt einem gar nicht so lang vor, da wir uns alle paar Stunden abwechselten und des öfteren ein Rundgang um das Schiff stattfand, genauso wie das ständige Kontrollieren vom Motorlauf usw. Einen Ölverbrauch konnten wir bisher nicht feststellen. Wir sind immer froh, wenn dieser Reiseabschnitt vorbei ist. Die vielen rauchenden Schornsteine, Kernkraftwerke und vor allem auch die Geruchsbelästigungen der auf beiden Rheinseiten liegenden Fabriken lassen keine grosse Freude aufkommen. In diesem Rheinabschnitt vermisse ich unsere frühere Polar 390, die mit 2 x 230 PS Volvo-Diesel ausgestattet war. Da absolvierten wir die Strecke von den Bijland-Plassen in Holland bis nach Wiesbaden-Schierstein an einem einzigen Tag. Eine Erholung war das allerdings nicht.

Doch zurück nach Oberwinter. Diese Hafenanlage ist im Jahr 2000 neu fertig gestellt worden und es besteht die Möglichkeit sich hier einzukaufen. Die Landschaft ist sehr interessant, aber die Strömung darf man nicht unterschätzen! Die Gaststätte heisst "Pfannkuchenschiff" und hat natürlich einen ausgezeichneten Pfannkuchen zu bieten neben allen weiteren bekannten Speisen. Also alles sehr empfehlenswert, zumal auch gleich noch eine Tankstelle auf dem Gelände ist. Das Wetter wurde immer besser und langsam sogar warm bis heiss.

Wir verliessen Oberwinter am 17.6. und stampften weiter den Rhein hinauf. Die Landschaft wird jetzt immer schöner. Man kann sagen, ab Höhe Bonn mit dem Ausblick auf das Siebengebirge lässt sich die Umgebung geniessen und man erinnert sich sofort an den Rheingau mit seinen hohen Bergen. Wir passierten wieder das Deutsche Eck bei Koblenz und vor uns lag die "Gebirgsstrecke". Kurz hinter Koblenz überholte uns das grosse Passagierschiff Italy/ Avanti und liess uns nur sehr wenig Platz zum manövrieren. 


  Die Mannschaft hatte wahrscheinlich einen grossen Spass daran, so nah 
wie möglich an uns vorbeizufahren, und uns kräftig ins Schaukeln zu bringen  
 

Das war nicht gerade eine nette Geste denn wir liefen noch lange im Kielwasser hinterher bis sich unser Schiff erst nach und nach wieder beruhigte. Die Drehzahl erhöhte ich nun langsam auf 2.400 Umdrehungen, da die Strömung immer stärker wurde. Hinter uns kamen laufend Frachtschiffe, die sich langsam immer näher schoben und uns dann natürlich auch überholten.

Wir passierten den Ort Kästert bei Km 563 und plötzlich quietschte es aus dem Motorraum. Es hörte sich an, als hätte jemand eine Kreissäge angestellt und fängt damit an, Knochen zu sägen. Sofort nahm ich das Gas weg, das fürchterliche Geräusch wurde zwar etwas leiser, ging aber nicht weg. In der Nähe war ein Steiger von den Köln-Düsseldorfer Fahrgastschiffen, den ich direkt ansteuerte. In diesem Streckenabschnitt gibt es keine Anlegemöglichkeiten. Das Ufer ist voll mit grossen Steinen. Nachdem meine zweite Hälfte schnell die Backbordseite mit Fendern belegt hatte, steuerte ich direkt den Steiger an und wir machten fest. Ich vermutete die gleiche Ursache wie im letzten Jahr; dass sich eine abgetrennte Leine in die Schiffsschraube verwickelt hätte. Ich liess die Badeleiter hinunter, setzte meine Taucherbrille auf und tauchte hinab zum Propeller. Die Strömung war so gross, dass sie mich weggerissen hätte, wenn ich mir keinen festen Halt gesucht hätte. Der Propeller war aber frei. Ich drehte ihn mehrmals mit der Hand herum und konnte keine Behinderung feststellen. Nach kurzer Verschnaufpause starte ich wieder den Motor und legte vorsichtig den Gang ein. Ich lies zunächst den Motor mit ca. 1’000 Umdrehungen arbeiten. Durch die Strömung stand das Schiff still. Ein Quietschen war nicht mehr zu hören. Also versuchten wir die Fahrt fortzusetzen. Mit ca. 2’000 Touren fuhren wir bis zum Hafen der Loreley bei Km. 555. Das Schiff fuhr, als wäre zuvor nichts geschehen. Nachdem wir an diesem Tag 84 Km. hinter uns hatten, warfen wir im Loreley-Hafen den Anker und verbrachten eine ruhige Nacht.

Am Sonntag, 18.6., hieven wir gegen 8 Uhr den Anker und waren sehr gespannt, wie sich das Schiff in der grössten Gegenströmung verhält. Genau 9 Kilometer lang war alles in Ordnung, doch dann setzte wieder das starke Quietschgeräusch ein und ausserdem stank es nach verbranntem Gummi. Inzwischen hatten wir Rheinkilometer 541 erreicht und es gab zunächst keine Möglichkeit irgendwo anzulegen. Auch das Ankern kann man getrost vergessen, die Strömung ist viel zu stark. Meine Frau übernahm zunächst das Steuer. Die Drehzahl wurde so stark reduziert, dass sich das Schiff gerade noch manövrieren liess. Immer mehr Qualm stieg aus dem Motorraum auf. Man kann sich gar nicht vorstellen, was einem in so einem Moment alles durch den Kopf schiesst. Auf den ersten Blick sah ich, dass der Gummigestank von der Volvo-Stopfbuchse herkommt. Ich dachte, dass sich vielleicht etwas in dieser Stopfbuchse festgesetzt hat und drückte mit der Hand mehrmals die Stopfbuchse bis Rhein-Wasser herausdrückte. Sie war so heiss, dass ich Handschuhe anziehen musste, um sie überhaupt anfassen zu können. "Aussen" konnten wir dann einen Steiger, wiederum von der Köln-Düsseldorfer Flotte, ausmachen.

Wir nahmen also direkten Kurs auf den Steiger. Schnell brachten wir alle Fender, die wir greifen konnten an die Backbordwand, denn der Wellenschlag von den vorbeifahrenden Schiffen war sehr gross. Mit letzter Kraft konnten wir notdürftig das Schiff am Steiger festmachen. - Jetzt war ich erst einmal heilfroh, dass wir Funk an Bord hatten. Ich informierte über Kanal 10 

"an alle Schiffsfunkstellen...", 

dass ich Probleme mit meiner Wellenanlage habe und im Augenblick nicht manövrierfähig bin. Und siehe da, gut 10 Schiffe, die in der Nähe waren, haben ihre Geschwindigkeit gedrosselt und hielten verhältnismässig guten Abstand zu uns. Ich bedankte mich natürlich über Funk bei allen. Dann kletterte ich sofort wieder in den Motorraum und versuchte mit einem Eimer Kühlwasser die Stopfbuchse abzukühlen, was auch mehr oder weniger gelang. Ich drückte immer wieder die Stopfbuchse durch. Plötzlich machte es "flupp" und wir konnten erkennen, dass sich eine Art Ölklumpen am Wellenende absetzte. Woher der Klumpen kam weiss keiner genau, aber irgend etwas hatte sich unseres Erachtens getan. Doch ich getraute mich zunächst noch nicht weiterzufahren. Per Funk rief ich die Revierzentrale an, die sich auch sofort meldete. Ich bat um evtl. Schlepphilfe bis zum nächsten Hafen. Die Revierzentrale wollte prüfen, welche Möglichkeiten bestehen und bat um die Telefon-Nummer meines Handy. Nach ca. 5 Minuten meldete sich die Revierzentrale und teilte leider mit, dass sich kein Polizeiboot in unserer Nähe befände resp., dass das eine, das helfen könnte, mit Zollformalitäten beschäftigt sei. Und da Sonntag sei, stünde im Augenblick auch keine Werft zur Verfügung, die man anrufen könnte. In ca.1,5 Kilometer Entfernung befände sich der Ort Lorch mit einer Anlegemöglichkeit, jedoch Auskunft über die genauen Untiefen könnten leider nicht gemacht werden.

Nun wollten wir versuchen, den Anleger in Lorch zu erreichen. Alles ging von vorne los, Motor starten, Gang einlegen, Ohren aufsperren und Leinen los. Mit ca. 1’600 Umdrehungen setzte sich unser Schiff langsam in Bewegung. Es quietschte nicht. Wir nahmen Kurs auf die Hauptfahrrine und tasteten uns langsam voran. Jetzt konnte ich eine Fähre erkennen, die die rechte Uferseite in Lorch anfuhr. Über Funk fragte ich nach evtl. Untiefen. Trotz mehreren Anrufen war von der Fähre keine Antwort zu bekommen. Vielleicht hatte die Fähre den Funkverkehr abgeschaltet oder war nicht besonders gut auf uns gesonnen? Ich wollte versuchen, der Fähre nachzufahren, doch plötzlich kam über Funk der Hinweis: 

  "Stopp, auf keinen Fall der Fähre folgen, 
diese hat nur einen Tiefgang von 40 cm! 
Hier ist Jupp 2"  

Ich stoppte sofort die Maschine und meldete mich über Kanal 10 an Jupp 2. Nachdem wir anschliessend auf Kanal 11 alles weitere besprachen, bekam ich genaue Anweisung über Funk wie ich den Anlegesteg von Lorch erreichen kann. So wies mich "Jupp 2" Meter für Meter an den Yachtclub von Lorch. Als wir hier festmachten, mussten wir erst einmal tief Luft holen und ich suchte Jupp 2. Wir wurden herzlich empfangen und wir erzählten von unserem Problem. Jupp, den wir inzwischen persönlich kennenlernten, bot an, uns bis nach Bingen in den Hafen abzuschleppen. Es seien gut 2 Stunden Bergfahrt und er kenne auch einen Taucher, namens Volker Leewald, der uns bestimmt helfen könnte. Er setzte sich mit ihm in Verbindung und der Mann nahm sich wenig später unserer an. Durch die enorm starke Strömung musste erst einmal ein Tau unter den Rumpf gespannt werden, damit sich der Taucher festhalten konnte. Bevor er seine Pressluftflaschen holte, wolle er sich erst einmal die Öffnung der Wasser-Wellenschmierung ansehen, die er mit einem starken Wasserschlauch durchspülen wollte.

Nach mehrmaligem Einsetzen der starken Wasserspülung mit Frischwasser konnte die Zufuhr der Wellenschmierung durchgespült werden, die sich ja direkt vor dem Propeller befand. Ob das natürlich etwas bringt, konnte zu diesem Zeitpunkt nicht festgestellt werden. Jupp und seine Stegkollegen wollten uns auf alle Fälle mit einem Boot begleiten, für den Fall, dass wir unterwegs Probleme bekämen. Alle waren aber zuversichtlich, dass das Problem nun gelöst sei. Wir waren voller Unruhe, da wir nun durch das dicht befahrene Gebiet von Lorch nach Bingen fahren mussten und ja nicht sicher waren, ob die Welle mitspielt.

Zunächst fuhr ein Wassermotorrad voran und wies uns den Weg in die Fahrrinne. Wenig später folgten uns die Begleitmannschaft, was uns sehr beruhigte. Ich ging mit der Drehzahl nicht über 1’500 Umdrehungen. Das bedeutete 2 ganze Kilometer pro Stunde. In der Höhe von Burg Rheinstein, also kurz vor dem Binger Loch kam ein grosses Frachtschiff mit Mazda-Fahrzeugen beladen immer näher. Ich wusste nicht mehr, wohin ich noch ausweichen sollte. Die Klippen waren schon zum Greifen nahe. Ich rammte fast eine der grünen Tonnen, da das Frachtschiff immer näher kam. 

 Via Funk versuchte ich Kontakt mit dem Schiffsführer 
aufzunehmen, der wahrscheinlich vor hatte, uns zu versenken 
 

Als der Abstand auf unter einen Meter gesunken war, legte ich das Gerät weg um beide Hände fürs Lenkrad resp. die andere für den Gashebel einsetzen zu können. Ich "legte den Gashebel auf den Tisch" und konnte so einer Kollision im wirklich letzten Moment aus dem Weg gehen. Die Welle spielte mit. In diesem Moment war ich erst einmal heil froh, dass wir überlebten und heil aus dieser Situation herauskamen. Nachdem dieser verfluchte Frachter vorbeigezogen war und sich allmählich mein Blutdruck senkte, drosselte ich die Drehzahl wieder auf 1’500 und wir erreichten sehr, sehr langsam Bingen. Unsere Begleiter waren noch in ferner Sicht und wir verabschiedeten uns zunächst über Funk. Schlagartig lässt nun die Strömung nach und man merkt ganz deutlich, wie das Schiff wieder richtig Fahrt aufnimmt.

Wir überlegten nun, laufen wir Bingen an oder fahren wir zu unserer geliebten Mariannenaue und gehen da vor Anker. Da Sonntag war und sowieso keiner auf der Werft in Bingen anzutreffen war und auch kein Quietschen mehr zu hören war, beschlossen wir, die Mariannenaue an diesem Tag noch anzulaufen. Ich erhöhte die Drehzahl auf 2’100 Touren und wir erreichten noch am Abend unseren Ankerplatz bei herrlichem Sonnenschein. Diesen Sonnenuntergang werden wir so schnell nicht vergessen und den Tag als solchen auch nicht!

Am 19.6. um 10 Uhr hieven wir den Anker. Inzwischen fühlten wir uns schon wesentlich stärker, befanden wir uns doch nun auf der "Hausstrecke". In ca. 6 Stunden müssten wir, wenn alles gut geht, unseren Heimathafen erreichen. Sollte jetzt noch etwas dazwischen kommen, so könnten wir jederzeit Stationen anlaufen, die wir kennen und in Mainz wäre ja eine Werft, die uns bestimmt helfen könnte. Sofern aber alles funktioniert, hatten wir vor, direkt unseren Heimathafen anzulaufen. Es ging dann aber alles gut und wir erreichten ihn ohne irgendwelche weiteren Probleme, waren froh, wieder heil zurückgekehrt zu sein. Die Fahrt war hier erst einmal zu Ende.

 

Neugierige und technisch versierte sind sicher am Nachsatz interessiert:

Was war nun eigentlich die Ursache des Wellenquietschens? Das Thema beschäftigte mich natürlich sehr. Unterdessen nahmen wir Kontakt mit der Mainzer Schiffswerft auf und bekamen auch einen Termin. Die Werft hat eine Helling und man kann ohne Probleme bis ca. 25 Tonnen herausheben. Diagnose: "Volvo-Buchse" durchgebrannt. Ursache unbekannt. Rückfrage bei und Antwort der Werft : "Das kann schon einmal passieren, ist aber weiter nicht schlimm".

Stimmt: In holländischen Kanälen ist es bestimmt kein Problem, aber bitte nicht im Binger Loch !!!

Ich liess zwischenzeitlich die ganze Wasserzuführung der Wellenkühlung ändern. Keine Kühlung von achtern, sondern von vorne, so dass ein separater Rumpfdurchbruch angebracht wurde mit spezieller Wasserkühlung von vorne. Dann wurde eine Vetus-Dichtung montiert, mit der wir bis jetzt zufrieden sind. Der Umbau ging in der Werft leider nicht ohne Probleme ab, diese hier aber aufzulisten, dauerte zu lang und würde mehrere Seiten füllen. Bis jetzt sind wir also sehr zufrieden und freuen uns auf den nächsten Urlaubstörn.

Die Moguntia-Crew
Harry u. Romy, Mainz

 

Der Artikel erscheint im L'ancre de Kembs in den Ausgaben Juni und September 2001


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