von Hannover nach Basel
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Francis Meier hat lange Jahre im gleichen Haus gewohnt, wie ich. Damals war er noch Junggeselle. Im Oktober 1981 haben wir zusammen Männerferien an Bord des Charterbootes NAVIGATOR auf den Norfolk Broads verbracht. Mit seiner Frau Rosmarie besuchte ich die Primarschule. Francis hat in der Nähe von Hannover eine Yacht gekauft und mich gefragt, ob ich ihm bei der Überführung helfen würde. Solche Gelegenheiten lasse ich mir nicht entgehen und habe sofort zugesagt.
Wir fuhren sofort zum Boot Yachthafen Idensen (km136.0), wo uns Wolfgang alle technischen Details und die Einrichtung erklärte. Später kam seine Frau Rita dazu (deshalb heisst das Boot RiWolf) und wir fuhren mit ihr zum Grosseinkauf in den nahen Supermarkt um die Grundausrüstung für die Überführung einzukaufen. Die RIWOLF ist ein stattliches Boot: Eine in England gebaute ARGO, Halbgleiter aus GFK (Schalendicke 4.5 cm), Motorisierung 2 x 140 PS Volvo Penta Turbodiesel, Länge 10 m 05, Breite 3 m 74. Die Ausstattung ist mehr als komplett: Trimmklappen, Echolot, Radar, GPS mit Plotter, Rhein- und Seefunk, Autopilot mit Fernsteuerung, Ruderlageanzeige, Gegensprechanlage zum Vordeck, Suchscheinwerfer, Fishfinder, Landstromanschluss, Radio, TV, zusätzlicher Eisschrank im Cockpit, Diesel: Haupttank 700 Liter, zwei Reservetanks im Bug zu je 90 Liter, Beiboot mit 4 PS Aussenborder.
Um 13 Uhr traf Rosmarie ein und bald darauf warfen wir die Leinen los. Wolfgang und Rita standen mit Tränen in den Augen auf der Brücke vor der Hafenausfahrt, beobachteten mit Argusaugen wie Francis (aus ihrer Sicht Franz) die Hafenmanöver fuhr und schauten zum letzten mal ihrer RIWOLF nach, mit der sie in den letzten 18 Jahre gefahren waren, unter anderem mehrere Male nach Tunesien. Auf dem Mittellandkanal fuhren wir gemütlich zu Tal zum Wasserstrassenkreuz Minden wo der Kanal auf einem Aquädukt über die Weser führt. Es gibt hier zwei Möglichkeiten, auf die Weser zu schleusen: Richtung Nord über die Schachtschleuse (13.2 m Fallhöhe) und Richtung Süd durch die Obere Schleuse (Fallhöhe 6.3 m) und die Untere Schleuse (Fallhöhe 7 m). Unterhalb der unteren Schleuse gibt es auch einen Sportboothafen ausserhalb des Fahrwassers. Beim Bunkerboot (laut DYMC Führer für den Binnenfahrtensport bis 18 Uhr geöffnet) wollten wir um 17.30 Diesel bunkern. Der Mann an Bord im Blaumann winkte ab, also fuhren wir weiter zum Yachthafen des Mindener Yachtclub e.V. in Hahlen (km 97.0). Der Hafenmeister wies uns sofort einen Liegeplatz zu, den er eigentlich für die grossen holländischen Boote reserviert hatte. Er erklärte uns den Hafen: Restaurant, WC, Duschen auf dem Clubschiff, Einkaufsmöglichkeiten nur 400 m entfernt, Brötchen für das Morgenessen kann man beim Hafenmeister bestellen, sie werden um 9 Uhr geliefert. Am Freitag fuhren wir als erstes die kurze Strecke nach zurück zum Bunkerboot in Minden (km 100.0). Der Mann im Blaumann begrüsste mich mit den Worten: "Wo hast Du Deine Einlässe? Ah, das wart Ihr gestern. Sportboote machen wir ausser in Notfällen nur bis 17 Uhr". Ferner erfuhr ich von ihm: Diesel für Sportboote kostet in Deutschland ungefähr einen Euro pro Liter. Die Berufsschiffahrt ist von einem Teil der Fiskalabgaben befreit und bezahlt 40 Cents pro Liter. Wir füllten den Haupttank auf und zusätzlich die beiden bisher leeren Reservetanks, was auch die Fahreigenschaften der RIWOLF verbesserte. Dann ging es zurück zum Yachthafen Hahlen wo wir nochmals anlegten. Rosmarie und Francis gingen die 400 m zum Einkaufen, um die Vorräte an Bord zu ergänzen, ich blieb als Ankerwache zurück und wartete ziemlich lange, weil die vom Hafenmeister angesagten 400 m in Wirklichkeit etwa einen Kilometer lang waren. Dann wurden die Leinen losgeworfen: Wir fuhren über den Mittellandkanal weiter zu Tal bis zum Nassen Dreieck nach Uffelen wo er bei Kilometer Null in den Dortmund-Ems-Kanal mündet. Der Mittellandkanal wurde in den Jahren 1906 bis 1938 für 600-Tonnen-Schiffe und Schleppzüge gebaut. Er verbindet die grossen deutschen schiffbaren Flüsse Rhein, Weser Elbe und Oder in der Ost-West-Richtung, also vom Rhein Richtung Berlin und Osteuropa. Zur Zeit wird er für 2000-Tonnen-Schiffe und Schubverbände mit 3000 Tonnen Tragfähigkeit ausgebaut. Auf den ausgebauten Strecken beträgt die Fahrrinnenbreite 42 m. Es gibt entsprechend viele Baustellen, die mit Vorsicht zu befahren sind (im Zweifelsfall Kanal 10). Die Bauarbeiten werden voraussichtlich im Jahre 2008 abgeschlossen sein. Wir konnten nicht herausfinden, ob es sich hier um trockene Baustellen handelt. Der Kanal führt von der Abzweigung von Dortmund-Ems-Kanal parallel zu den Höhenzügen des Teutoburgerwaldes und des Wiehengebirges Richtung Osten.
Auf dem Mittellandkanal verkehrten im
Jahr 2000 17'544 Berufsfahrzeuge (= 87 %) und 2'680 Sportboote Der Kanal ist kilometriert und sämtliche Brücken (deren gibt es viele) sind mit der Ortsbezeichnung und der auf zwei Stellen genauen Kilometerzahl versehen. Es lohnt sich, in den Sportboothäfen (auf der deutschen Binnenwasserstrassenkarte rot markiert) anzulegen statt auf den Liegestellen für Kleinfahrzeuge (blau markiert) da die Berufsfahrzeuge starken Wellengang verursachen. Bei Kilometer Null verliessen wir den Mittellandkanal und fuhren bei Km 109 auf dem Dortmund-Ems-Kanal weiter zu Berg bis zur Marina Alte Fahrt Fuestrup (km 108.4), einer Perle unter den Sportsboothäfen! Beim Einfahren sahen wir ein oranges Blinklicht im Hafen und das Hinweiszeichen für eine nicht frei fahrende Fähre. Diese existiert tatsächlich. Um den Hafenliegern einen sehr grossen Umweg zum Hafenmeister, zum Restaurant und zu den sanitären Anlagen zu ersparen gibt es eine Fähre, die der Benutzer selber von Hand mit einer Kurbel bedienen muss. Vorher muss das Blinklicht eingeschaltet werden, weil die Fähre die Hafeneinfahrt kreuzt. Die An- und Ablegestellen der Fähre sind mit DOVER und CALAIS bezeichnet. Klaus Nowack, der Hafenmeister, begrüsste uns herzlich und wies sofort darauf hin, dass der Müll hier getrennt entsorgt wird. Nach der Erledigung der Formalitäten stellte er fest, dass wir erst die dritte Schweizer-Crew als Gast im Hafen waren und hisste deshalb umgehend die Schweizer Flagge. Nach einem ausgezeichneten Nachtessen mit freundlicher Bedienung und begleitet von einem guten jugoslawischen Rotwein übersetzten wir mit der Fähre an Bord der RIWOLF zum Schlummertrunk. Am Morgen stellte Francis fest, dass die Verbindung des Landstromkabels gelöst war und im Wasser lag. Er vermutete einen Nachtbubenstreich, obwohl die Marina gegen aussen geschlossen ist. Unser Stegnachbar klärte uns auf: durchfahrende, beladene grosse Berufsschiffe verursachen selbst im Altarm, wo die Marina liegt, mit ihrem Schwell einen Sog, der im Hafen einen Höhenunterschied von bis zu 20 cm verursacht. Damit war das Rätsel gelöst. Am Samstag fuhren wir morgens früh mit vier anderen Sportbooten in die erste Schleuse: Schleuse Münster mit drei Kammern, von denen nur zwei in Betrieb waren. Eine Grossschifffahrtsschleuse, ähnlich, wie auf dem Rhein mit Funkverbindung, allerdings ohne Schwimmpoller. Oberhalb der Schleuse legten wir in der Marina des Monestaria-Yacht-Club Münster e.V. (km70.7) an, um die Stadt zu besichtigen. Gleich neben der Marina gibt es einen Schiffsausrüster, aber keine direkte Verbindung, weil das Tor geschlossen ist. Man muss einen Umweg von zehn Minuten um das ganze Areal in Kauf nehmen. Eigentlich wollten wir Flusskarten und Fenderleinen kaufen (hatte er beides nicht). Als ich ihn nach den Einkaufsmöglichkeiten fragte, war die Antwort: es ist nicht weit, da vorn bis zur Brücke, dann rechts hoch und alles geradeaus. Nach dem Rotlicht ist ein Einkaufszentrum, nur ein paar hundert Meter. Es war wieder mindestens ein Kilometer. Da unterwegs noch eine Kneipe war, habe ich meine ursprünglichen Plan, zu Fuss zur Marina zurückzukehren, geändert: Ich ging mit den Einkäufen (mindestens 6 Kilo) in die nächste Kneipe, rief Francis und Rosmarie per Natel an, bestellte ein Taxi und vertrieb mir die Wartezeit mit einem feinen kühlen Pils, fuhr dann mit dem Taxi zur Marina, um die Einkäufe abzuladen und Francis und Rosmarie einzuladen und gemeinsam ins Stadtzentrum zu fahren. Wir legten noch kurz beim Schiffsausrüster an, der auch ein Bunkerboot betreibt. Francis kaufte günstig ein: Zwei gebrauchte Fender für nur zehn Euro.
Frohgemut fuhren wir weiter, aber nicht weit. Die Wasserschutzpolizei Nordrhein-Westfalen musste noch eine Amtshandlung begehen und forderte uns auf, anzulegen. Eigentlich wollten sie eine ganz genaue Kontrolle durchführen (dafür gibt es einen Kleber, der bestätigt, dass andere Wasserschutzpolizisten nicht mehr kontrollieren müssen). Sie hatten aber noch nie ein Boot kontrolliert, das von einem Schweizer in Deutschland gekauft worden ist und durch die Schweiz nach Deutschland (Grenzach) überführt wird und dort neu registriert wird. Sie begnügten sich damit, den Kaufvertrag und den Versicherungsnachweis zu kontrollieren. Gottseidank, denn wir hatten nur zwei Schwimmwesten und vermutlich keine Notflagge an Bord. Vielleicht ist sie irgendwo unter einer Sitzbank, Koje oder in einer Schublade, wo Wolfgang sie verstaut hat. Als ich die Frage stellte, "können Sie mir als Fachmann sagen, welche Formalitäten ich zu erfüllen habe, wenn ich mit einem Boot, das ich in den Niederlanden erworben und registriert habe, als Schweizer in die Bundesrepublik Deutschland einfahre", kam als Anwort: "Ich bin nur für Nordrhein-Westfalen zuständig, fahren Sie mit Gott". Damit waren wir entlassen. Weiter ging es zum Motor-Yacht-Club Kanalstadt Datteln e.V. (km 39.8). Ein netter Hafen ausserhalb des Fahrwassers mit einem Clubhaus, das nicht als Restaurant geführt wird. Es war nur eine Käseplatte für die Clubmitglieder aufgetischt. Nach den Formalitäten und einem kühlen Pils gab es Nachtessen an Bord: Schweinekoteletts mit Gemüse, von Francis ausgezeichnet zubereitet und eine Flasche Côte du Rhône aus dem Supermarkt in Idensen. Am Sonntag fuhren wir weiter auf dem Dortmund-Ems-Kanal. Bei Datteln, Kilometer Null wechselten wir auf den Rhein-Herne-Kanal. Der Dortmund-Ems-Kanal wurde während den Jahren 1891 bis 1899 mit einem Kostenaufwand von rund 80 Millionen Reichsmark erbaut, um das östliche Ruhrgebiet mit den preussischen Seehäfen zu verbinden. Der Kanal führt von Dortmund auf einer Strecke von 225,85 km mit 15 Kanalstufen und 69,75 m Gefälle nach Papenburg. Das Fahrwasser ist auf den ausgebauten Strecken 30 m und auf den noch nicht ausgebauten 20 m breit.
Auf dem Dortmund-Ems-Kanal fuhren im
Jahr 2000 21'500 Berufsfahrzeuge (= 94 %) und 1'461 Sportboote Da das Endspiel der Fußballweltmeisterschaft 2002 Brasilien – Deutschland ausgetragen wurde, war praktisch niemand auf dem Kanal unterwegs. Wir hörten die Übertragung am Radio. Der Schleusenwärter in Wanne-Eickel machte es sich einfach: Sie können auch bei Rot ausfahren, ich muss noch schnell weg. Als wir mit dem Schleusenwärter Gelsenkirchen in Funkkontakt waren, schoss Ronaldo zum 2 : 0 ein.
Auf der Speisekarte gab es unter anderem auch Spagetti Carabonara. Wegen des Ausgangs der Fußballweltmeisterschaft entschieden wir uns für Huftsteak aus Argentinien mit Backed Potatoes. Als ich der Serviertochter sagte, ich hätte, um den Koch zu beschäftigen, lieber Bratkartoffeln, war die Antwort: ich bin der Koch. Sie hat uns trotzdem freundlich bedient. Auf dem Abendbummel zum Rhein stellten wir fest, dass es einen veritablen Sandstrand gibt, von dem die Italiener nur träumen können. Am Montag fuhren wir früh los und sahen einen Spezialtransport, der mit zwei Schubern grosse Triebwerke zu Berg fuhr. Er sollte uns noch einige Zeit begleiten. Bald kamen wir auf die Welt: Hinter dem Frachter DELTA fuhren wir in Verdrängerfahrt. Die Berufsschiffahrt macht das Wasser ganz schön verrückt. Nachdem wir nach heftiger Krängung zweimal die Geschirrschublade wieder eingeräumt hatten gingen wir bei Kilometer 708 beim Pilgramskopf auf Gleitfahrt, überholten die DELTA und fuhren mit zehn Knoten und gut 3000 Touren in ruhiger Fahrt gegen die Strömung zu Berg. Es ist ein tolles Gefühl mit zehn Knoten und mehr gegenüber dem Land zu Berg zu fahren, die Berufsschiffe und die armen Verdränger-Sportboote zu überholen, aber der Dieselverbrauch ist auch entsprechend gross. Auf dieser Strecke fahren alle Berufsschiffer mit der blauen Tafel. Wir beschlossen, in Köln einen Kulturnachmittag einzulegen und fuhren deshalb beim Malakoff-Turm in den Hafen des Kölner Autbord und Motoryachtclub e.V. (der schreibt sich wirklich so) bei km 687.5. Der Hafenmeister ist früher für die Bragtank gefahren und hat in Inzlingen bei Riehen (Basel) gewohnt. Wir bunkerten Diesel und Wasser. Bei den Formalitäten gab es einige Schwierigkeiten: Jedesmal, wenn der Hafenmeister den Namen Meier in seinen Computer eingab, war die Reaktion: Meier belegt. Francis hatte eine einfache Lösung: er checkte mit dem Ledigennamen seiner Frau ein, als Franz Walz.
Die Wirtin erklärte uns, dass die warme Küche geschlossen sei, dass aber ein Halver Hahn drin liege. Die Nachfrage, was das sei, ergab nur Antworten auf Kölsch: A Röggelsche mit Kies, Butter und Mostert und a Kölsch. Also: es ist kein halbes Poulet, sondern ein frisches Kölsch (Bier, 2 dl in einem geraden Glas), ein Röggelchen (Roggenbrot) met Holländer Kies (Holländischer Käse, in der Regel ein alter Gouda), Butter und Mostert (Senf). Für die Entstehung der Bezeichnung Halven Hahns gibt es mehrere Erklärungen: Am 18. April 1878 kam der als Spassvogel bekannte Wilhelm Vierkötter in das Kölner Brauhaus Zum Grin an der Hohen Pforte um seinen achtzigsten Geburtstag zu feiern. Statt des versprochenen Federviehbratens servierte er seinen geladenen Gästen Brötchen mit Käse, was ihm diese aber nicht übel nahmen. Diesen Scherz fanden die Kölner Gastwirte so originell, dass sie fortan den Halven Hahn auf ihre Speisekarten setzten. Variante der Geschichte: Ein Kölner Wirt wollte auf dem Alten Markt in Limburg bei einem holländischen Käsehändler einen halben Laib kaufen. Der Käsehändler wollte nur ganze Laibe verkaufen, da man halbe Laibe nicht rollen kann. Der Kölner unterstrich sein Anliegen mit den Worten: "Ich will nen halven han".
Am Dienstag wollten wir eigentlich früh losfahren, mussten aber vorher noch den Schlüssel zum Hafeneingang zurückgeben. Der Hafenmeister kam erst um 08.15 zum Dienst; dies mit der Begründung: "Scheiss-öffentliche Verkehrsmittel".
Bei Koblenz auf Höhe der Moselmündung passiert man die Festung Ehrenbreitenstein und das Deutsche Eck. Diese spitz zulaufende Stück Land am Zusammenfluss von Mosel und Rhein trägt diesen Namen seit 1216. 1897 liess Kaiser Wilhelm I hier auf einem mächtigen Sockel ein 350 Zentner schweres Denkmal als Dank für die Einigung des Deutschen Reiches errichten. Die von ihm angestrebte Bezeichnung ‚Wilhelm der Grosse‘ setzte sich in der Geschichtsschreibung nicht durch. 1945 konnte eine amerikanische Geschützbesatzung der Versuchung nicht widerstehen und schoss das Denkmal vom Sockel. 1953 errichtete man an seiner Stelle einen Fahnenmast mit der Deutschen Fahne und 1993 wurde durch eine grosszügige Stiftung eine Kopie des Kaisers zu Pferd samt Siegesgöttin wieder aufgestellt.
Es stellte sich als gute Wahl heraus: Das Essen war gute Hausmannskost, wie bei Muttern. Zudem gab es ein Gratis-Kabarett, mit folgenden Personen und ihren Darstellern: Der Wirt, ein strammer CDU-Wähler, verheiratet mit einer Frau aus den neuen Bundesländern, aber schon verstorben (noch nicht gelöste Erbschaftsprobleme), die Gäste (nach etlichen Korn-Runden): ein Berliner, ein Einheimischer und ein Ossi. Uns nahmen sie für Holländer. Wir haben das aber richtig gestellt und uns gut unterhalten. Am Mittwoch liefen wir als erstes die uns empfohlene Bunkerstation in Budenheim an. Kurz vorher gab es ein ungewöhnliches Geräusch und der Steuerbordmotor lief heiss. Ausserdem schaltete sich die Bilgenpumpe im Motorenraum ein. Wir stellten fest, dass der Deckel auf dem Seewasserfilter einen Riss hatte, deshalb spritzte Wasser aus dem äusseren Kühlkreislaufes in die Bilge und der Motor lief heiss. Telefonisch bestellten wir in Mainz einen neuen Deckel, der uns eine Stunde später per Auto gebracht wurde. Die Kosten waren noch gnädig: Ein Deckel und zweimal der Weg à je 15 km, total "nur" 60 Euro. Wir fuhren weiter zu Berg, am Industriegebiet von Ludwigshafen vorbei. Hier fahren die Berufsschiffer nicht mehr mit der blauen Tafel. Wir passierten zum letzten Mal den Schwertransport, er war mittlerweile an seinem Ziel Ludwigshafen angekommen. Unser nächstes Ziel war Speyer, wo wir im Hafen der Schiffswerft J. Braun KG (km 399.6) anlegten. Ich kannte diese Werft von zwei Fahrten zu Berg und zu Tal mit den Löschbooten der Basler Berufsfeuerwehr und natürlich auch die Stadt. Die Werft hat auch Liegeplätze für Sportboote, Wasser und Strom sind vorhanden und alles ist kostenfrei.
Leider fehlte uns die Zeit, das sehenswerte technische Museum zu besichtigen. Dafür sollte man mindestens einen halben Tag investieren. Wir nutzten die Gelegenheit auch, um unsere Vorräte an Bord zu ergänzen und begaben uns dann zum Nachtessen ins Klosterbrauhaus. Am Nebentisch sassen ein Pariser und ein Strassburger, die ein Seminar in Speyer besuchten und froh waren, dass sie mit uns französisch über die EU, de Gaulle, Le Pen und alles mögliche reden konnten. Es war für uns alle ein interessanter Abend. Die Weiterfahrt am Donnerstag verzögerte sich etwas, weil ein Bugsierboot der Werft Braun ein Berufsschiff zur Helling brachte. Dann ging es weiter zu Berg. Nach den Philippsburger Grund passierten wir das Kernkraftwerk bei km 389 und kurz darauf die MAX HONSEL, ein Schiff, das Grundwasservermessungen durchführt und am 12. Juli 2002 seine Mission in Basel beendet hat und wieder zu Tal fährt. Bei km 382 im Russheimer Grund kreuzten wir die beiden selbstgebauten Katamarane SOLEO und PLANEDO der freien Oberstufenschule Basel-Landschaft auf dem Weg nach Holland. Die zwölf Schüler planten mit ihrem Projektleiter Thomas Wolf eine Reise via Rhein – Nordsee – Südengland – Biskaya – Mittelmeer zur Insel Elba, haben aber bis zum Ablegen in Birsfelden von den zuständigen Behörden lediglich die Bewilligung für das Befahren von Binnengewässern erhalten. Heute war ein Pannentag: Durch eine Berührung der Schraube mit einem Treibholz bei km 372 zwischen dem Liedolfsheimer Grund und dem Leopoldsgrund fiel der Backbordmotor aus. Wir fuhren den Yachthafen Maxau des Motorboot-Clubs Karlsruhe e.V. (km 362.6) an und riefen die nächstgelegene Werkstatt an. Der Mechaniker, ein Grieche, traf um 14 Uhr ein und stellte rasch fest, dass das Boot ausgewassert werden muss. Wir hatten unheimlich Glück im Unglück: Es war soeben ein Boot eingewassert worden und der Pneukran samt Bedienungsmannschaft war noch im Hafen. Sofort wurden die Gurten plaziert, das Boot ausgewassert und der Mechaniker konnte ans Werk gehen. Um 16 Uhr war der Schaden behoben und die RIWOLF wieder eingewassert. Wir benutzten anschliessend die Gelegenheit um Diesel zu bunkern.
Am Freitag hissten wir, wie es sich gehört, vor der Abfahrt die französische Gastlandflagge und fuhren hinter dem Tanker "EILTANK 41" bis zur Schleuse Gambsheim und von dort an allein weiter. Bei km 302, nahe der Wanzenau, kreuzten wir da ein Schiff, das Wasserproben sammelte und die Deutsche Lebensretter Gesellschaft, die mit ihren kleinen schnellen Booten Rundfahrten für Schulkinder durchführte. In die Doppelschleuse Strasbourg fuhren wir mit dem Berufsschiff BARBARA-S, dessen Führer Mühe mit den Schleusenmanövern hatte: Zuerst fuhr er zu nahe an die Backbord-Schleusenwand, obwohl die Vorspring auf Steuerbord festgemacht war und brauchte lange, um das Heck zur Schleusenwand zu bringen. Beim Ausfahren aus der Schleuse fuhr er los, bevor sein Matrose die Achterleine gelöst hatte. Das gab wieder eine Verzögerung. Durch die Schleusen Gerstheim und Rhinau bis zur Schleuse Marckolsheim fuhren wir mit der Barbara-S. Die weiteren Schleusenmanöver gaben keinen Anlass mehr zum Tadel. Um 17.15 fuhren wir in den Yachthafen Vogelgrun ein und bunkerten bei Nesti Fuchs, Hafenmeister und ehemaliger Schleusenwärter in der Scheitelhaltung des Rhein-Rhône-Kanals Diesel und ein paar Flaschen Kronenbourg um den Eisschrank an Bord zu füllen. Bei Nesti kann man sogar mit einer Kreditkarte bezahlen. Wir plauderten noch über die alten Zeiten, als Nesti noch im Amt als Schleusenwärter war (er ging vor rund 10 Jahren mit 57 in Pension). Seine Feststellung: Seit man auf dem französischen Binnengewässern nicht mehr gratis fahren kann, also eine Vignette kaufen muss, werden die Leistungen für die Sportschiffer laufend abgebaut (Beschränkung der Schleusenzeiten, Automatisierung der Schleusen etc.) Er forderte uns auf, an die VNF und an Touristik-Organisationen zu schreiben. Vielleicht hätte es mehr Gewicht, wenn Vereinspräsidenten im Namen ihrer Vereinsmitglieder an diese Organisationen gelangten. Für die Nacht legten wir im Stadthafen Breisach an (km 225.7). Der Hafenmeister, der sich erst zeigte, als wir bereits auf einem freien Platz angelegt hatten ("jetzt kommt halt der Prophet zum Berg, eigentlich ist dieser Platz für grosse Schiffe") gehört zur Kategorie, die wir in Basel als ‚Wichtsogge‘ bezeichnen. Zum Nachtessen begaben wir uns in den immer noch ausgezeichneten Kaiserstühler Hof, wo mir die Serviertochter recht deutlich Avancen machte, die aber in meinem hohen Alter nicht mehr auf fruchtbaren Boden fallen (ich bin etwa dreimal älter als sie).
Wir schlossen dann also hinter der SINGA auf, die genau so schnell fuhr, dass sich das Überholen mit einer Distanz zwischen den Schleusen von 10 – 15 km nicht lohnte. Bis zur Schleuse Kembs fuhren wir ausschliesslich auf dem Grand Canal d’Alsace, also auf dem kanalisierten Rhein. Nach der Schleuse Fessenheim bereitete der Schiffsführer der SINGA die Gurten vor, um einen der beiden Personenwagen an Bord auszuladen. Sein Hund kam sofort aufgeregt an Deck, weil er spürte, dass etwas im tun war und setzte prompt einen Kaktus hinter das Auto. In den Schleusen Ottmarsheim und Kembs waren wir allein. Ab der Schleuse Ottmarsheim hatten wir einen Gast an Bord eine Bachstelze fuhr als Passagier auf der Reling und den Fendern für eine Viertelstunde mit.
Wir passierten die Revierstation am Dreiländereck mit einiger Zeitreserve um rechtzeitig die Schleuse Birsfelden zu erreichen und haben uns dort auch angemeldet. Dann machte uns aber das Boot des Grenzwachtkorps einen Strich durch die Rechnung, sie verlangten, dass wir anlegen damit sie die Papiere überprüfen konnten. Wachtmeister Rutschmann erklärte uns, dass wir uns als ausländisches Boot hätten anmelden müssen (die Revierstation ist allerdings am Samstagnachmittag geschlossen) und liess uns dann aber relativ rasch weiterfahren. Sein Assistent konnte es sich nicht verkneifen, anhand unserer Identitätskarten im Ripol zu überprüfen, ob niemand von uns polizeilich ausgeschrieben war. Am Grün-80-Steg im Dalbeloch ging ich von Bord, weil ich dort wohne. Für mich kam Joggi Zumbrunn als Bootsmann an Bord und ich fuhr mit meinem Auto zum Hafen Grenzach–Hörnle um beim Anlegemanöver zu helfen und die Besatzung der RIWOLF abzuholen und nach Hause zu bringen. Hier war grosser Bahnhof angesagt. Nicht wegen der Ankunft der RIWOLF, sondern weil der Hafen Grenzach Hörnle zu den knapp zweihundert Sportboothäfen Deutschlands gehört, die dieses Jahr mit der Blauen Europa-Flagge ausgezeichnet worden sind. Diese Auszeichnung wird jeweils für ein Jahr für vorbildliche Haltung gegenüber der Umwelt im Wasser und an den Ufern verliehen. Für die Schleusung in der Schleuse Birsfelden mit festen Schleusenzeiten reichte es gerade noch und die RIWOLF legte kurz vor 16.00 in ihrem neuen Heimathafen des Yachtclub Hörnle e.V. in Grenzach an (km 162.5). Nach dem professionellen Festmachen, der Begrüssung durch den Stegwart Stegmaier, den Schatzmeister Jochen und andere nahmen wir noch ein wohlverdientes Bier. Als wir mit dem Auto wegfuhren, sahen wir die SINGA aus der Schleuse in den Hafen Birsfelden einfahren. Generell ist zu sagen, dass die deutschen Sportboothäfen sehr gut geführt sind. Das Personal und die Stegnachbarn sind sehr freundlich und zuvorkommend, es herrscht Ordnung (die Spielregeln sind auch immer ausgehängt). Der Preis für die Übernachtung liegt in der Regel bei einem Euro pro Meter Schiffslänge. Schweizer Kreditkarten sind in Deutschland noch nicht überall akzeptiert (z.B. Supermärkte). An Tankstellen muss in der Regel bar bezahlt werden.
Die Berufsschiffe stammen vorwiegend aus den Niederlanden, es gibt auch Deutsche und vereinzelt Schweizer und Luxemburger. Die Vielfalt der Schiffe gibt einen guten Anschauungsunterricht: Containerschiffe, Tanker, Schleppverbände, Schubverbände, Koppelverbände, Fähren, Tonnenleger, Fahrgastschiffe, Spezialtransporte, Messschiffe, Bagger etc. Bei Begegnungen ist Wahrschau zu halten, damit man mit dem Feldstecher rechtzeitig erkennt ob das Berufsschiff die blaue Tafel zeigt oder nicht. Es lohnt sich auch den Revierfunk abzuhören, der nebst dem Pegelstand Nachrichten über Behinderung der Fahrt bekannt gibt. Die zutreffenden Frequenzen stehen im Rheinhandbuch und sind bei Frequenzwechsel am Ufer durch Tafeln signalisiert.
PS: An der Hochzeit des Dienstchefs Löschboote der Basler Feuerwehr, Oblt Daniel Kofmel wurde eine richtige Flottenparade veranstaltet. Da habe ich Wm Rutschmann vom Schweizerischen Grenzwachtkorps wieder getroffen. Wir haben uns gut unterhalten. Die RIWOLF heisst vorläufig noch so, ist mittlerweile in Deutschland registriert, obwohl der Eigner in der Schweiz wohnt und Schweizer ist.
Der Artikel erschien / erscheint in den L'ancre de Kembs Ausgaben 4/02 und 1/03 die
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