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    Der Impeller in der Küchenwaage    

 


ein authentischer Bericht der Moonlight - Crew

A
m Auffahrtsdonnerstag '99 liess sich das Wetter nicht besonders an. Wir dösten länger als sonst, warteten ab, ob sich bald freiwillig "verräterische Spuren" in unserer Achterkabinen- Decke spiegeln würden oder nicht. Entdecken wir nämlich jeweils nach Sonnenaufgang durch die Vorhänge hindurch an unserer Kabinendecke ein schillerndes Glitzern und Funkeln kann das Duvet beruhigt zurückgeschlagen werden, dann scheint draussen die Sonne in vollen Zügen! Trotz Verwünschungen funkelte es aber auch um 10 Uhr noch immer nicht und so standen wir schliesslich ohne auf.

Gegen Mittag beschlossen wir mit unserem Stegkollegen Gabriel mit "Moses" Orient trotz noch immer nicht sehr überzeugendem Wetter einmal Richtung Mulhouse zu fahren und bei der Schleuse 41, die trotz vielen Versuchen in den letzten Tagen weder per Funk noch per Telefon erreicht werden konnte, einmal nach dem Rechten zu sehen.

Wir legten ab und wurden von einigen, emsig an ihren Schiffen arbeitenden Kollegen mit den besten Wünschen verabschiedet. Da uns schon kurz nach Loch Ness (für Aussenstehende: Dies sind die kläglichen, aber deshalb nicht minder gefährlichen Reste der Sockel einer ehemaligen Drehbrücke, die links und rechts des Kanals, ähnlich einer Schleuseneinfahrt mehr oder weniger hoch aus dem Wasser herausragen)

ein grosser Durst überkam, stellten wir die Maschinen ab, banden unsere zwei Schiffe zusammen und liessen uns vor dem Hafen Niffer treiben. Bis der Apéro genossen war, bliess uns der Wind und die Strömung einmal in einem grossen Kreis rundherum.

Da wir genügend Zeit hatten, tuckerten wir danach mit wenig Drehzahlen weiter. Nach ca. ¾ Std. Fahrt mit weniger als 1500 Touren meldete unsere Maschine plötzlich mit einem sehr giftigen und eindringlichen Alarmton Überhitzung an. Nachdem uns dies vor Wochenfrist schon einmal passierte, wussten wir inzwischen immerhin,

was die offenbar durchaus ihre Daseinsberechtigung habende, eine Schwimmer- Nadel zeigende, Alarmlampe im Armaturenbrett bedeutet und stellten (wie auch damals) sofort die Maschine ab. Ein Blick auf die Kühlwassertemperaturanzeige im Innensteuerstand bestätigte die sichere Vermutung: Der Zeiger auf gut über 110 o und plötzlich nahmen die sensiblen Nasen der Crew auch unangenehmen Geruch aus dem Motorraum wahr. Der Deckel wurde, nach profimässig schnellem Zusammenrollen des neuen Teppichs, entfernt und sofort quoll eine Dampffahne aus dem "Kraftwerkraum". Das Kühlwasser verabschiedete sich in dampfförmigen Zustand mittels Überdruckventil in die Bilge. Viel tun kann man offenbar in so einer Situation nicht, wir staunten höchstens, wie viel Dampf über Minuten entwich und wie der Wasserstand in der Bilge zentimeterweise stieg. Per Funk wurde die etwas vorausfahrende "Toccata" über unsere Misere orientiert, Gabriel riet, obwohl die Strömung gering war (aber eine kühle Biese blies) sofort den Anker zu werfen. Dies haben wir sofort erledigt (wobei sofort bedeutet, dass der Anker erst dann fiel, als der Ankerkasten entrümpelt worden war ...).

Gabriel legte dann längsseits an und nahm eine Nase voll Dampfgeruch auf. Er vermutete darauf zuerst einen evtl. geplatzten Schlauch und offerierte sofort uns zum Hafen zurück zu schleppen. Auf eine Reparatur mitten im Kanal war niemand aus. Gesagt, getan. Die erste halbe Stunde war es ganz angenehm, ohne eigenes Motorengeräusch mit Fahrt durch den Kanal zu gleiten. Als aber Loch Ness nahte und wir die Lenkfähigkeit des Trosses kurz zuvor noch testeten, wurde es uns schon etwas mulmig. Es ging aber, wohl weil unser "Schlepper" sein Hobby bestens beherrscht und unser Schiff einen langen, geraden Kiel besitzt gut. Trotz der hier merkbaren starken Strömung kamen wir gut durch den Engpass.

Schon vor der Passage von "Loch Ness" stellten wir noch fest, dass unser Schiff/Schiff Funkverkehr offenbar im Hafen mitverfolgt worden war. Es meldete sich nämlich plötzlich Robert (MS Estella), unser direkter Stegnachbar, und fragte nach, was uns passiert sei, teilte dann (beruhigend) mit, dass er im Hafen auf unsere Rückkehr warten würde. Und als wir Loch Ness glücklich hinter uns hatten, meldete er sich erneut und informierte uns, dass er die Lage im Hafen gecheckt hätte: Ein Gästeliegeplatz an Steg Nr. 1 sei noch frei und wir könnten ohne schwierige Manöver dort in einem Zug längs anlegen. Er und Heinz von der "Day Dream" würden auf uns warten und uns beim Anlegen behilflich sein.

Zwar nicht mit Pauken und Trompeten, aber doch mit vielen aufmunternden Worten (wann und wem ähnliches auch schon passiert sei ...) wurde unsere Abschlepp-Einfahrt von vielen Achterdecks aus kommentiert. Auf ausdrücklichen Wunsch unsererseits hatte Robert immerhin darauf verzichtet, die Presse zu informieren (!)

Als die "Moonlight" sicher vertäut war (an dieser Stelle bedanken wir uns bei allen beteiligten Helfern nochmals, wir glauben nicht alle haben ihr "Bergungsbier" abgeholt) ging die "Untersuchung" los: Wann hat es gepippt, woher und wie hat es gerochen, welche Maschinenteile fühlten sich warm oder gar heiss an ? Der Impeller rückte in der Verdachtsliste höher und höher und als ihn zahlreiche Indizien an die Spitze beförderten, wurde dessen Gehäusedeckel entfernt und, .... jawohl, nur noch ein kümmerlicher Rest des vor kaum 6 Wochen implantierten neuen, teuren Stückes war noch vorhanden! 4 der insgesamt 8 "Lippen" lagen noch am Stück im Gehäuse, der Rest war abgeraffelt worden. Wohin hat sich aber dieser bloss begeben ??

Gabriel übernahm souverän die technische Leitung der Aktion, Robert die wissenschaftliche (er liess sich das Handbuch geben und fand in Kürze heraus, dass unser Kühlkreislauf vor der Eruption 19 Liter Wasser beinhaltet hatte). Heinz versicherte, am Steg lehnend und seine Flasche haltend, er wäre in Gedanken ganz bei uns. Das Trio hiess den sich mit allerlei Werkzeug bewaffneten Eigner den wasserzuführenden Schlauch vor dem Impeller zu lösen. Beim Schütteln desselben fielen dann Geräusche auf, die sich als kleine Gummistückchen entpuppten. Und zwar eine ganze Handvoll! Die Freude war gross, währte aber nicht lange, dann liess die Skepsis nämlich schon den einen oder anderen der Anwesenden hinterfragen, ob dies wohl auch alle seien, oder ob nicht doch der Weg bis zum Ölkühler (wie wir es im Dieselmotorenkurs gelernt haben) freigelegt werden müsste?

Einmal mehr bewies Gabriel totale Überlegenheit, er liess sich eine kleine Haushaltwaage bringen (eine solche wird ja wohl auf jedem Schiff ihren Platz haben!?) und wog die zusammengesammelten Trümmer gegen das Gewicht des zum guten Glück vorrätigen neuen Ersatzteiles auf. Nachdem sich eine praktisch aufs Gramm genaue Übereinstimmung ergab, waren alle zufrieden und die Remontage nahm ihren Lauf. Einige aus dem Beraterteam waren nun der Ansicht, die Kühlanlage dürfte nur mit destilliertem Wasser gefüllt werden. Ein Einwand dagegen erfolgte natürlich nicht, aber wo soll an einen Feiertag soviel Wasser beschafft werden? Gabriel gab sich aber auch in diesem Punkt nicht geschlagen, seine Improvisationskünste waren noch lange nicht erschöpft. Er holte eine Pumpe und wir beförderten damit das in der (zuvor absolut sauberen!) Bilge liegende (alte) Kühlwasser durch einen Filter (Haushaltpapier und Melitta eignen sich dafür erprobtermassen nicht) und dann wieder zurück in den Kühler!

Eine Stunde später machten wir uns bei nun schönstem Wetter wieder auf den Weg und gelangten ohne weitere Unterbrüche und "Auspfiffe" an unser Ziel.


Fazit: Glück hat, wer solche Freunde in seinem Umfeld weis. 
Wir danken allen Beteiligten 
nochmals für ihre teils technisch versierte, teils moralisch unterstützende Hilfe !


Der Artikel erschien im L'ancre de Kembs Nr. 4, Juni 1999 

Ó
F. Engeler, Zufikon


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