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" 2 Katastrophentage 
auf dem Canal du Rhone à Sete "
       ein Bericht von Reinhard Blew; "Nixtun"
 

Es ist nicht so, dass man mich als absoluten Neuling auf dem Wasser bezeichnen könnte. Als jahrelanger Segler aus dem schönen Kiel habe ich schon so manchen Sturm abgewettert und seit nunmehr acht Jahren bin ich, altersgemäß, Mitglied der Motorboot fahrenden Zunft. Dennoch war einiges neu für mich, auf der immerhin 3 ½ Monate dauernden Fahrt von Sneek in Friesland nach Homps am Canal du Midi. 

In Sneek konnten wir nämlich nach 3 Jahren Wartezeit Ende Mai 2003 endlich unsere „NIXTUN“, eine Aquanaut Beauty 1050, in Empfang nehmen und uns 14 Tage später auf die lange Reise nach Südfrankreich machen.

Nun, wer kennt sie nicht, diese dumme Angst vor der ersten Schramme an einem nagelneuen Boot die ersten Schleusen wurden noch mit Zittern und Zagen angesteuert hängen die Fender auch richtig sind die Leinen sauber aufgeschossen liegt der Bootshaken bereit. Ijssel, Waal, Maas, Canal de l'Est, alles schrammenfrei  nun kehrte wieder ruhige Gelassenheit an Bord ein.

Das neue Boot wurde langsam vertraut, wurde unser Boot. An der Saône, in St.Jean-de-Losne, ließen wir es Anfang August für 4 Wochen liegen, die Sommerferien waren zu Ende, meine Frau musste wieder in die Schule und auch auf mich wartete zuhause etwas Arbeit.

Anfang September ging es dann mit einem französischen Bekannten, Christian, auf den nächsten Teil der Reise. Bei konstant strahlendem Wetter glitten wir die Saône und Rhône hinab und gelangten am Sonntag, dem 21.9.03 über die Schleuse St. Gilles schließlich in den Hafen des gleichnamigen Städtchens. Die Sonne strahlte unverändert vom Himmel wir hatten's geschafft; die restliche Strecke bis Palavas, dort hatte ich für eine Woche einen Liegeplatz reserviert, schien eine ruhige Tagestour auf einem friedlichen Kanal zu werden.

Der Montag Morgen überraschte uns dann zwar mit einem grauen Himmel, das kannten wir gar nicht mehr, im übrigen aber „business as usual“. Wir legten schon um 8:15 Uhr ab, für unsere Verhältnisse also kurz nach Mitternacht und machten uns bei langsam einsetzendem Nieselregen auf die Reise.

Der Nieselregen war von kurzer Dauer, der graue Himmel wechselte von tristem Grau in bedrohliches blauschwarz und es begann wie aus Eimern zu schütten. Wie schön, wenn man einen Innenfahrstand sein eigen nennen kann; rechtzeitig, bevor dumpfes Grollen auch noch ein heranziehendes Gewitter ankündigte, verschwanden wir unter Deck. Just da ging es dann auch richtig los; wie nennt man noch mal die Steigerung von Wolkenbruch? Wie wir später aus dem Radio erfuhren, gingen in wenigen Stunden 200 Liter (!) Wasser pro Quadratmeter der schönen Camargue nieder.

Die Scheibenwischer waren längst an ihrer Leistungsgrenze angekommen, das nahe Kanalufer ließ sich nur noch erahnen und das Ganze wurde von einem Donnerschlag nach dem anderen begleitet so langsam hörte die Sache auf, wirklich noch Spaß zu machen. Aber auch das längste Gewitter geht irgendwann einmal vorüber, der Regen wurde gegen Nachmittag erträglicher, das Gewitter zog ab und wir näherten uns unserem Zielhafen Palavas. Eine letzte Brücke und genau an dieser leuchtete uns ein kräftiges, rotes Licht entgegen. Langsam näherten wir uns demselbigen, stoppten auf, guckten etwas ratlos auf die schon zum Greifen nahen Liegeplätze. Diese aber lagen an dem kleinen Flüsschen Lez, normalerweise ein besseres Bächlein, ruhig, harmlos, jetzt aber sah ich in der Ferne einiges sehr rasch vorbeitreiben kurzum, ich drehte um und wollte mich auf die Suche nach einem Platz am Ufer machen.

Christian, mein französischer Begleiter, wollte sich jedoch nicht geschlagen geben, er wollte am Abend noch seinen Zug nach Hause erreichen. Also rief er über’s Handy die Capitainerie des Hafens an. „Ach“, so bekam er zu hören, „das bisschen Hochwasser sollten wir doch, bitte schön, nicht so ernst nehmen. Man könne ohne Probleme den Hafen ansteuern und das rote Licht werde vom VNF alle Nas' lang vorsorglich eingeschaltet, das habe nichts zu bedeuten.

Mit etwas gemischten Gefühlen näherte ich mich nach einem erneuten Wendemanöver in dem recht schmalen Kanal, erneut dem roten Licht. Na, wenn die Capitainerie sagt, kein Problem, man will ja auch nicht als übervorsichtig gelten .... Langsam schob ich die Nase des Schiffs vor in Richtung der Kreuzung, zwischen Fluss und Kanal, einer Kreuzung, die allseits von wunderbar stabilen Betonkais umgeben war. Es war schon dämmrig und doch erkannte ich beim Näherkommen, dass die Strömung alles andere als harmlos war. Ich wollte gerade wieder rückwärts gehen, da riss es mir im Wortsinn die neun Tonnen Schiff unterm Hintern weg Ich konnte mich gerade noch mühsam an den, Gott sei Dank, stabil verschraubten Steuerstuhl klammern.

Was dann kam (meine Erinnerung weist da ein paar Lücken auf, es ging einfach alles zu schnell), versuchte ich mit Vollgas die andere Kanalmündung zu erreichen, keine Chance, nähere mich statt dessen, durch die Strömung in ein Affentempo versetzt, mit „Fullspeed“ vierkant dem Betonkai voll rückwärts, das reißt das Boot (Radeffekt) um 90° herum, damit liegt der Bug gegen die Strömung, aber setzt so hart längsseits an die (sehr niedrige) Kaimauer, dass ich das Schiff schon reif für den Schrottplatz wähne, aber an der Kaimauer steht eine kräftige Neerströmung, dazu wieder voll voraus, das reicht um Schiff und Besatzung gleichsam in den Kanal auszuspucken.....

Mit noch zittrigen Händen anlegen am benachbarten Steg von VNF außer einigen Kratzern ist dem Schiff nichts passiert (alle Fender waren draußen), dennoch sammeln sich binnen kurzem fast alle Mitarbeiter der VNF um das Boot; der Chef persönlich lässt sich erklären, was los war. Ob er, wie mit energischer Stimme mehrfach versichert, der Capitainerie des Hafens für die uns erteilten Ratschläge wirklich eins auf den Deckel gibt? Wer weiß, mein französisch wäre dem ohnehin nicht gewachsen. Die Lehre vertraue nur den eigenen Augen!

Der nächste Tag wird dann zu einer Irrfahrt Palavas bleibt für uns gesperrt, wegen des Hochwassers würden wir auch nicht mehr unter der Brücke durchpassen, der Versuch, Aigues Mortes anzusteuern, scheitert wenige Kilometer weiter vor den heruntergelassenen Hochwassertoren des Vidourle, also retour und Richtung Frontignan.

Inzwischen hat der Sturm wieder solide 8  - 9 Windstärken erreicht und alle paar Kilometer müssen wir durch schauderhafte Querströmungen, die quer durch den Kanal verlaufen und durch die Entwässerungskanäle der Strandseen entstehen. Etwas entnervt erreichen wir gegen 17:30 Uhr den Hafen von Frontignan, der Wind hat nachgelassen, die Sonne scheint, es wird warm und wir finden auf Anhieb einen ordentlichen Liegeplatz am Kai. Die Welt beginnt wieder lebenswert zu werden. Durch den gestrigen Regentag ist unter Deck aber noch alles klamm; also Luken auf und lüften.

Dann machen wir uns auf Richtung Supermarkt und kommen nach einer ¾ Stunde schwer bepackt zurück. Ich halte die Luft an: Mit dem Heck nur 50 cm von unserem Heck entfernt, legt gerade eine holländische Péniche an, Maschine voll voraus, um uns nicht zu rammen und wir hatten die Heckluke aufgelassen .......

Als wir schließlich um den Hafen herum sind und am Schiff ankommen, ist alles zu spät. Beim Blick in die Achterkajüte kommen die Tränen; es schwimmt wirklich alles. Durch die offene Luke hatte uns der Holländer einen knappen Kubikmeter Hafenwasser in die Achterkajüte gespült und Frontignan liegt am Mittelmeer, hat wunderbar schmutziges Brackwasser.



Drei Stunden später sieht unser Schiff aus wie ein Stand auf dem Flohmarkt, vom Bettzeug über Unterwäsche, Hemden bis hin zu Büchern, alles liegt zum Trocknen an Deck. Selbst die schönen, großen Schubladen unter den Kojen (Stauraum für Wäsche) und Hemden waren vollgelaufen. Der Inverter hatte glücklicherweise wegen Kurzschluss abgeschaltet, die 220 Volt Steckdosen neben der Koje waren ebenfalls abgesoffen. 

Es hat dann ca. eine Woche gedauert, bis ich alles wieder auf Vordermann gebracht hatte Christian, der Glückliche, hatte längst das Weite gesucht und genoss wieder den Komfort des Landlebens, während ich die letzte Wäsche aus dem Trockner eines Waschsalons holte. Einige Tage später begannen nämlich schon die Herbstferien in SchleswigHolstein, meine Frau kam eingeflogen und sie sollte ein trockenes und aufgeräumtes Schiff vorfinden und das tat sie dann auch. 

Die folgende Fahrt auf dem Canal du Midi bis zum Winterliegeplatz war dann wieder wunderschön, wenn mir die Erinnerung an jene zwei Katastrophentage auch noch lange zu schaffen machte.

Reinhard Blew, “NIXTUN”

 

Der Artikel erschien in der L'ancre de Kembs Ausgabe März 2004

Ó F. Engeler, Zufikon

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