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  Die Ruhe vor dem Sturm ...  

       ein Erlebnisbericht der Pethy - Crew, Peter + Therese Rippstein
 

Gestern war Badehosewetter: Sonnig und angenehm warm. In der Capitanerie vom Sportboothafen Port St-Louis-du-Rhône stand im Wetterbericht: Leichte Brise, anderntags Winde mit 8 Beaufort. Da "braut" sich was zusammen: 8 Beaufort sind immerhin 40 Knoten oder 75 Stundenkilometer.

Seit einigen Tagen sind wir im alten, 300 x 400m messenden, von Palmen und Platanen eingesäumten Handelshafen. In einer Ecke ist die grosse Schleuse, die jedes Schiff durchfahren muss, welches von oder in die Rhône möchte, denn die Flussmündung selbst ist nicht schiffbar. Von hier aus führt dann ein 5 km langer Kanal direkt in den Golfe de Fos und ins Mittelmeer hinaus. Auf der, der Schleuse gegenüberliegenden Seite, befindet sich der Sportboothafen. An 10 langen Schwimmponton haben über 300 Boote Platz. Am äussersten Ende eines der Stege ist unsere Pethy festgemacht.

Links von uns, auf einem 7 Meter Segelboot, wohnt ein noch älteres Ehepaar als wir es schon sind. Aus Dänemark kommend. Beide bereits weiss im Haar und mit braungebrannten Gesichtern; Barcelona heisst ihr Ziel. Da möchten sie auf ihrem schwimmenden Zuhause, das sie liebevoll hegen und pflegen, den Winter verbringen. My home is my Castle. Sie, zum Mann passend, zusätzlich englischsprechend. Er, hager, einfach aber sauber gekleidet, Falten im Gesicht. Als ich ihn über das Wetter anspreche, schaute er mich mit kugelrunden Augen an, denkt nach, sagt dann: ja, ja, - ja, ja, - das sagt er immer zweimal nacheinander - zeigt dann mit dem ausgestreckten Zeigefinger gegen den Himmel, dann in die Richtung, wo der Wind herkommen wird, auf die Leinen, die sein Boot mit dem Land verbinden und lacht mich voller Lebensfreude an. Dabei ist seine Zahnlücke, in der ein Maurerbleistift problemlos Platz hätte, gut sichtbar. So gibt er mir gestikulierend seine Antwort auf Dänisch und das bedeutet: mein Schiff ist bei jedem Wetter sicher angebunden. Steht da etwa der Mann vor mir, den Hemingway in seinem Roman "der alte Mann und das Meer" beschrieben hat?

Rechts von uns, in einer 14 Meter Segeljacht, residiert Madame France. Etwas rundlicher als diejenige Dame zur linken Seite, dafür jünger. Elegante Erscheinung, in Kleidung und Bewegung, natürlich mit entsprechendem Mann und vierbeinigem, weissem, hundeähnlichem Wollknäuel, das angeblich beisst, wenn man es berührt. Er, Patriot, gross, war Pilot in der französischen Marine. Beide sind seit 6 Jahren mit Schiff und Zubehör unterwegs. Frankreich, Afrika, Kanarische Inseln und natürlich in jedem Winkel des Mittelmeeres. Sind nun zurück im Heimatland. Nur er putzt, schruppt, schleift, malt und das auch Sonntags in der Frühe! Dazwischen richtet er die Satellitenschüssel auf einen unwahrnehmbar herumsausenden Kunststern aus, stets in Kommunikation mit seiner Frau, die, für uns unsichtbar, unten im Schiff vermutlich am Fernseher herumfummelt und dabei gut verständliche Anweisungen nach draussen ruft. Am Heck ihrer Yacht steht auf einer Badeplattform ein 50 mal 50cm grosses Plastikbecken. Darin wächst etwas Grünzeug. Ob es Küchenkräuter sind die da hochgezogen werden, oder ob es als Ersatzwiese für den WauWau dient, haben wir nicht herausgefunden.

Heute wiederum schönstes Wetter, kein Wind, erst am späteren Vormittag verändert sich die Wetterlage drastisch. Hier noch super Wetter, ist in der Ferne bereits ein dunkelgraues Wolkenband zu sehen, das sich scharf abgrenzt vom davor liegenden, stahlblauen Himmel. Nach einer Stunde ein weiteres, zusätzliches, nun anthrazitfarbenes Wolkenband dahinter. Daraus zucken Blitze, nach unten, zur Seite, nach oben. Donner grollt aus weiter Ferne auf uns zu. Ein Naturschauspiel sondergleichen. Die zwei sich messerscharf voneinander abzeichnenden Fronten sind beklemmend deutlich zu sehen. Sie kommen schnell näher, werden bedrohlicher, die Blitze zahlreicher, der Donner lauter. Die Schiffer laufen draussen herum, prüfen oder verlegen die Leinen neu, ziehen sie strammer fest, zeigen mit dem ausgestreckten Zeigefinger gegen den Himmel. Ja, ja, - ja, ja, so ist das Schifferleben. Jeder ist nur noch mit sich selbst und seinem Schiff beschäftigt, spürt das daher kommende Unwetter. Eigentlich ist es erstaunlich ruhig. Selbst die Möwen und deren Geschrei fehlt, sie sind abgezogen. Die Fischerboote sind ebenfalls im Hafen, sind heute nicht ausgelaufen. Die Wasseroberfläche ist glatt, aalglatt, kein Lüftchen bewegt die Blätter der Palmen, der Platanen. Eine elektrisch aufgeladene, knisternde, unheimliche Geräuschlosigkeit liegt über allem, einzig unterbrochen durch das sich immer wiederholende Donnergrollen. Ist sie das nun; die Ruhe vor dem Sturm?

Gegen Mittag schauen alle Schiffer gebannt zu den rasch näherkommenden Fronten hin. Es ist immer noch warm, erdrückend sommerlich warm. Die Wolkenbänder befinden sich nun über uns, überziehen den ganzen Horizont, so weit das Auge reicht. Die Sonne ist dahinter bereits verschwunden. Der Donner grollt nicht mehr, sondern kracht ganz ordentlich, jeweils kurz nach dem Blitz. Und es blitzt nun fast pausenlos.

Minuten später: Erster, kurzer Windeinfall ins Hafenbecken. Da wo der Wind auf die Wasseroberfläche trifft, bilden sich 50 cm hohe Wellen. Zusammen erreichen sie unsere Schiffe, genau seitlich, prallen polternd gegen die Schiffswand. Nach einigen Minuten nochmals, etwas länger anhaltend, aber schon heftiger. Dann vereinzelte Regentropfen, so gross wie Baumnüsse. Beim Aufschlagen ins Wasser bilden sich Trichter, gleich einer umgestülpten Glocke, da, dort, überall. An Bord hinterlassen sie ein schlagendes Geräusch: Tropf, Tropf. Tropf, Tropf. Dann wiederum nichts, wiederum diese beklemmende Stille: "die Ruhe vor dem Sturm". Die Schiffer strecken nur noch die Köpfe nach draussen, schauen besorgt in den Himmel, sagen nichts mehr, zeigen auf nichts mehr. Man kann nur noch warten, warten auf den Sturm, den man förmlich spürt, knistern und poltern hört.

Plötzlich sehen wir ihn! Eine riesige, breite, graue, sintflutartige Wasserwand, kommt mit unheimlicher Geschwindigkeit auf uns zu. Unvorstellbar! Die Wand prallt an die am Hafenrand stehende Häuser auf und, gleich einer Meereswelle, die an einem Felsen aufläuft, peitscht und spritzt das luftdurchmischte Regenwasser silbrig schimmernd in die Höhe. Doch gleich wird es wieder mitgerissen, durch die viel stärkere, horizontale Luftströmung, die nun die Dächer aller Häuser vollends zudeckt und auf unserer Seite wie ein Wasserfall herabstürzt. Herabstürzt auf die Vorgärten, auf die Strassen, in die Palmenalleen und schliesslich über den Hafenrand hinausschiesst, da auf das Hafenwasser trifft, Gischtfahnen aufreisst und im Schnellzugstempo auf uns zukommt.

Die Häuser und Bäume sind nun gänzlich verschwunden und wir Schiffer haben uns spätestens jetzt ins schützende Innere verzogen. Dann erfasst die Wasserwand von der Seite her kommend voll unsere Boote. Diese legen sich gleichzeitig, einem fremden Kommando folgend, ungefähr im 30 Grad Winkel zu Seite, richten sich wieder auf und stampfen, schaukeln, schlingern und rollen mit unglaublicher Wucht weiter.

Bis zu diesem Zeitpunkt war, mit Ausnahme des Donnerkrachens, eigentlich alles ruhig, still, so als ob der Sturm schneller vorangekommen wäre als der Schall. Doch mit dem Erreichen der Wasserwand war die Stille beendet. Ein Dröhnen, Gurgeln, Zischen ging los, ein einziges undefinierbares Geheul. Dazu war rundum nun alles gräulichweiss, Sichtweite Null. Nur noch die Gischt vom aufgewühlten Hafenwasser war zu sehen. Dann, neuer, zusätzlicher Lärm, ein dröhnendes Schlagen wie mit einem Hammer, einmal, zweimal, mehrmals, immer wieder. Durch die Plastikfenster hindurch sind deutlich die vom Deck aufspringenden, weissen Pingpongbälle sichtbar: Hagel!

Ein Sitzkissen wird gegen die sich vom Winddruck stark nach innen wölbenden Klarsichtscheiben gedrückt. Nutzlos, innert Sekunden sind diese mehrfach durchlöchert. Bald sind auf der Schiffsleeseite 5 cm Eis an Deck und es kesselt, dröhnt und hämmert weiter. Auf der Luvseite kann sich das Eis nicht halten, weil es vom Starkwind gleich wieder runtergeblasen wird. Dabei stampft und rollt unsere Pethy ununterbrochen hin und her, zerrt hörbar an den Leinen, will freikommen.

Überall, wo nur eine kleine Ritze im Persenning ist, tropft und rinnt Regenwasser ins Schiff. Drücke das Sitzkissen immer noch an die Scheiben, versperre mich in unangenehmer Schräglage und so gut wie möglich das Gleichgewicht haltend, mit Schulter, Händen und Füssen gegen die wilde Schaukelei und merke dabei, dass ich langsam immer mehr und mehr durchnässt werde.

Dann nach ungefähr 20 Minuten, so plötzlich wie angefangen, war das Naturereignis vorbei. Kein Regen, kein Hagel mehr, nur noch säuselnde Winde, eine angenehme Ruhe. Die Orkanfront ist durch, abgezogen, Richtung Marseille, der Himmel klart auf. Das Wasser rundum immer noch aufgewühlt, in Bewegung, braun, voller Blätter, Zweige, Äste. Dafür sind die Platanen am Hafenrand kahl, fast blattlos. Die Palmen haben dem Sturm standgehalten. Überall ergiesst sich noch Wasser aus den überschwemmten Strassen in das Hafenbecken. Die ersten Autos fahren wieder und die Feuerwehr heult mit Blaulicht durch die Stadt.

Die Boote schaukeln weniger, die Schiffer kommen mit ihren Fotoapparaten an Deck um die Eisschichten zu fotografieren. Anschliessend wird das eigene Schiff inspiziert und erst dann wird diskutiert. Ja, ja, - ja, ja. Die Leinen haben zum Glück gehalten. Auch bei unseren Nachbarn links und rechts. Mit Ausnahme durchlöcherter Abdeckungen und einem, während dem Sturm bei 56 Knoten! (56kn = 11 Beaufort oder 105 km/h) steckengebliebenen Windmesser, sind alle ohne grössere Schäden davongekommen. Erstaunlich!

Der abendliche Spaziergang durch die Stadt ist beeindruckend: Laublose Bäume, Autos und Wasserlachen, voll mit Laub und Äste bedeckt, noch und noch. Schwatzende Einheimische beherrschen die Szenerie. Die Meinungen sind gemacht; so etwas hat es seit Menschengedenken hier noch nie gegeben!

Anderntags berichten die Medien ausführlich in Text und Bild. In Marseille ertrank eine Person in den reissenden Fluten, Autos wurden weggeschwemmt und ganze Strassenzüge verwüstet. Hier in Port St-Louis-du-Rhône wurden Dächer abgedeckt, Bäume geknickt und infolge des Hagels sehr viele Autos beschädigt.

So erlebt am Mittwoch, 20. September anno 2000

Peter + Therese Rippstein auf SY PETHY

 

Der Artikel erschien in der L'ancre de Kembs Ausgabe Sept. 2002


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