Gestern
war Badehosewetter: Sonnig und angenehm warm. In der Capitanerie
vom Sportboothafen Port St-Louis-du-Rhône stand im Wetterbericht:
Leichte Brise, anderntags Winde mit 8 Beaufort. Da
"braut" sich was zusammen: 8 Beaufort sind immerhin 40
Knoten oder 75 Stundenkilometer.
Seit einigen Tagen sind
wir im alten, 300 x 400m messenden, von Palmen und Platanen
eingesäumten Handelshafen. In einer Ecke ist die grosse Schleuse,
die jedes Schiff durchfahren muss, welches von oder in die Rhône
möchte, denn die Flussmündung selbst ist nicht schiffbar. Von
hier aus führt dann ein 5 km langer Kanal direkt in den Golfe de
Fos und ins Mittelmeer hinaus. Auf der, der Schleuse
gegenüberliegenden Seite, befindet sich der Sportboothafen. An 10
langen Schwimmponton haben über 300 Boote Platz. Am äussersten
Ende eines der Stege ist unsere Pethy festgemacht.
Links von uns, auf einem
7 Meter Segelboot, wohnt ein noch älteres Ehepaar als wir es
schon sind. Aus Dänemark kommend. Beide bereits weiss im Haar und
mit braungebrannten Gesichtern; Barcelona heisst ihr Ziel. Da
möchten sie auf ihrem schwimmenden Zuhause, das sie liebevoll
hegen und pflegen, den Winter verbringen. My home is my Castle.
Sie, zum Mann passend, zusätzlich englischsprechend. Er, hager,
einfach aber sauber gekleidet, Falten im Gesicht. Als ich ihn
über das Wetter anspreche, schaute er mich mit kugelrunden Augen
an, denkt nach, sagt dann: ja, ja, - ja, ja, - das sagt er immer
zweimal nacheinander - zeigt dann mit dem ausgestreckten
Zeigefinger gegen den Himmel, dann in die Richtung, wo der Wind
herkommen wird, auf die Leinen, die sein Boot mit dem Land
verbinden und lacht mich voller Lebensfreude an. Dabei ist seine
Zahnlücke, in der ein Maurerbleistift problemlos Platz hätte,
gut sichtbar. So gibt er mir gestikulierend seine Antwort auf
Dänisch und das bedeutet: mein Schiff ist bei jedem Wetter sicher
angebunden. Steht da etwa der Mann vor mir, den Hemingway in
seinem Roman "der alte Mann und das Meer" beschrieben
hat?
Rechts von uns, in einer
14 Meter Segeljacht, residiert Madame France. Etwas rundlicher als
diejenige Dame zur linken Seite, dafür jünger. Elegante
Erscheinung, in Kleidung und Bewegung, natürlich mit
entsprechendem Mann und vierbeinigem, weissem, hundeähnlichem
Wollknäuel, das angeblich beisst, wenn man es berührt. Er,
Patriot, gross, war Pilot in der französischen Marine. Beide sind
seit 6 Jahren mit Schiff und Zubehör unterwegs. Frankreich,
Afrika, Kanarische Inseln und natürlich in jedem Winkel des
Mittelmeeres. Sind nun zurück im Heimatland. Nur er putzt,
schruppt, schleift, malt und das auch Sonntags in der Frühe!
Dazwischen richtet er die Satellitenschüssel auf einen
unwahrnehmbar herumsausenden Kunststern aus, stets in
Kommunikation mit seiner Frau, die, für uns unsichtbar, unten im
Schiff vermutlich am Fernseher herumfummelt und dabei gut
verständliche Anweisungen nach draussen ruft. Am Heck ihrer Yacht
steht auf einer Badeplattform ein 50 mal 50cm grosses
Plastikbecken. Darin wächst etwas Grünzeug. Ob es
Küchenkräuter sind die da hochgezogen werden, oder ob es als
Ersatzwiese für den WauWau dient, haben wir nicht herausgefunden.
Heute wiederum
schönstes Wetter, kein Wind, erst am späteren Vormittag
verändert sich die Wetterlage drastisch. Hier noch super Wetter,
ist in der Ferne bereits ein dunkelgraues Wolkenband zu sehen, das
sich scharf abgrenzt vom davor liegenden, stahlblauen Himmel. Nach
einer Stunde ein weiteres, zusätzliches, nun anthrazitfarbenes
Wolkenband dahinter. Daraus zucken Blitze, nach unten, zur Seite,
nach oben. Donner grollt aus weiter Ferne auf uns zu. Ein
Naturschauspiel sondergleichen. Die zwei sich messerscharf
voneinander abzeichnenden Fronten sind beklemmend deutlich zu
sehen. Sie kommen schnell näher, werden bedrohlicher, die Blitze
zahlreicher, der Donner lauter. Die Schiffer laufen draussen
herum, prüfen oder verlegen die Leinen neu, ziehen sie strammer
fest, zeigen mit dem ausgestreckten Zeigefinger gegen den Himmel.
Ja, ja, - ja, ja, so ist das Schifferleben. Jeder ist nur noch mit
sich selbst und seinem Schiff beschäftigt, spürt das daher
kommende Unwetter. Eigentlich ist es erstaunlich ruhig. Selbst die
Möwen und deren Geschrei fehlt, sie sind abgezogen. Die
Fischerboote sind ebenfalls im Hafen, sind heute nicht
ausgelaufen. Die Wasseroberfläche ist glatt, aalglatt, kein
Lüftchen bewegt die Blätter der Palmen, der Platanen. Eine
elektrisch aufgeladene, knisternde, unheimliche Geräuschlosigkeit
liegt über allem, einzig unterbrochen durch das sich immer
wiederholende Donnergrollen. Ist sie das nun; die Ruhe vor dem
Sturm?
Gegen Mittag schauen
alle Schiffer gebannt zu den rasch näherkommenden Fronten hin. Es
ist immer noch warm, erdrückend sommerlich warm. Die
Wolkenbänder befinden sich nun über uns, überziehen den ganzen
Horizont, so weit das Auge reicht. Die Sonne ist dahinter bereits
verschwunden. Der Donner grollt nicht mehr, sondern kracht ganz
ordentlich, jeweils kurz nach dem Blitz. Und es blitzt nun fast
pausenlos.
Minuten später: Erster,
kurzer Windeinfall ins Hafenbecken. Da wo der Wind auf die
Wasseroberfläche trifft, bilden sich 50 cm hohe Wellen. Zusammen
erreichen sie unsere Schiffe, genau seitlich, prallen polternd
gegen die Schiffswand. Nach einigen Minuten nochmals, etwas
länger anhaltend, aber schon heftiger. Dann vereinzelte
Regentropfen, so gross wie Baumnüsse. Beim Aufschlagen ins Wasser
bilden sich Trichter, gleich einer umgestülpten Glocke, da, dort,
überall. An Bord hinterlassen sie ein schlagendes Geräusch:
Tropf, Tropf. Tropf, Tropf. Dann wiederum nichts, wiederum diese
beklemmende Stille: "die Ruhe vor dem Sturm". Die
Schiffer strecken nur noch die Köpfe nach draussen, schauen
besorgt in den Himmel, sagen nichts mehr, zeigen auf nichts mehr.
Man kann nur noch warten, warten auf den Sturm, den man förmlich
spürt, knistern und poltern hört.
Plötzlich sehen wir
ihn! Eine riesige, breite, graue, sintflutartige Wasserwand, kommt
mit unheimlicher Geschwindigkeit auf uns zu. Unvorstellbar! Die
Wand prallt an die am Hafenrand stehende Häuser auf und, gleich
einer Meereswelle, die an einem Felsen aufläuft, peitscht und
spritzt das luftdurchmischte Regenwasser silbrig schimmernd in die
Höhe. Doch gleich wird es wieder mitgerissen, durch die viel
stärkere, horizontale Luftströmung, die nun die Dächer aller
Häuser vollends zudeckt und auf unserer Seite wie ein Wasserfall
herabstürzt. Herabstürzt auf die Vorgärten, auf die Strassen,
in die Palmenalleen und schliesslich über den Hafenrand
hinausschiesst, da auf das Hafenwasser trifft, Gischtfahnen
aufreisst und im Schnellzugstempo auf uns zukommt.
Die Häuser und Bäume
sind nun gänzlich verschwunden und wir Schiffer haben uns
spätestens jetzt ins schützende Innere verzogen. Dann erfasst
die Wasserwand von der Seite her kommend voll unsere Boote. Diese
legen sich gleichzeitig, einem fremden Kommando folgend, ungefähr
im 30 Grad Winkel zu Seite, richten sich wieder auf und stampfen,
schaukeln, schlingern und rollen mit unglaublicher Wucht weiter.
Bis zu diesem Zeitpunkt
war, mit Ausnahme des Donnerkrachens, eigentlich alles ruhig,
still, so als ob der Sturm schneller vorangekommen wäre als der
Schall. Doch mit dem Erreichen der Wasserwand war die Stille
beendet. Ein Dröhnen, Gurgeln, Zischen ging los, ein einziges
undefinierbares Geheul. Dazu war rundum nun alles gräulichweiss,
Sichtweite Null. Nur noch die Gischt vom aufgewühlten Hafenwasser
war zu sehen. Dann, neuer, zusätzlicher Lärm, ein dröhnendes
Schlagen wie mit einem Hammer, einmal, zweimal, mehrmals, immer
wieder. Durch die Plastikfenster hindurch sind deutlich die vom
Deck aufspringenden, weissen Pingpongbälle sichtbar: Hagel!
Ein Sitzkissen wird
gegen die sich vom Winddruck stark nach innen wölbenden
Klarsichtscheiben gedrückt. Nutzlos, innert Sekunden sind diese
mehrfach durchlöchert. Bald sind auf der Schiffsleeseite 5 cm Eis
an Deck und es kesselt, dröhnt und hämmert weiter. Auf der
Luvseite kann sich das Eis nicht halten, weil es vom Starkwind
gleich wieder runtergeblasen wird. Dabei stampft und rollt unsere
Pethy ununterbrochen hin und her, zerrt hörbar an den Leinen,
will freikommen.
Überall, wo nur eine
kleine Ritze im Persenning ist, tropft und rinnt Regenwasser ins
Schiff. Drücke das Sitzkissen immer noch an die Scheiben,
versperre mich in unangenehmer Schräglage und so gut wie möglich
das Gleichgewicht haltend, mit Schulter, Händen und Füssen gegen
die wilde Schaukelei und merke dabei, dass ich langsam immer mehr
und mehr durchnässt werde.
Dann nach ungefähr 20
Minuten, so plötzlich wie angefangen, war das Naturereignis
vorbei. Kein Regen, kein Hagel mehr, nur noch säuselnde Winde,
eine angenehme Ruhe. Die Orkanfront ist durch, abgezogen, Richtung
Marseille, der Himmel klart auf. Das Wasser rundum immer noch
aufgewühlt, in Bewegung, braun, voller Blätter, Zweige, Äste.
Dafür sind die Platanen am Hafenrand kahl, fast blattlos. Die
Palmen haben dem Sturm standgehalten. Überall ergiesst sich noch
Wasser aus den überschwemmten Strassen in das Hafenbecken. Die
ersten Autos fahren wieder und die Feuerwehr heult mit Blaulicht
durch die Stadt.
Die Boote schaukeln
weniger, die Schiffer kommen mit ihren Fotoapparaten an Deck um
die Eisschichten zu fotografieren. Anschliessend wird das eigene
Schiff inspiziert und erst dann wird diskutiert. Ja, ja, - ja, ja.
Die Leinen haben zum Glück gehalten. Auch bei unseren Nachbarn
links und rechts. Mit Ausnahme durchlöcherter Abdeckungen und
einem, während dem Sturm bei 56 Knoten! (56kn = 11 Beaufort oder
105 km/h) steckengebliebenen Windmesser, sind alle ohne grössere
Schäden davongekommen. Erstaunlich!
Der abendliche
Spaziergang durch die Stadt ist beeindruckend: Laublose Bäume,
Autos und Wasserlachen, voll mit Laub und Äste bedeckt, noch und
noch. Schwatzende Einheimische beherrschen die Szenerie. Die
Meinungen sind gemacht; so etwas hat es seit Menschengedenken hier
noch nie gegeben!
Anderntags berichten die
Medien ausführlich in Text und Bild. In Marseille ertrank eine
Person in den reissenden Fluten, Autos wurden weggeschwemmt und
ganze Strassenzüge verwüstet. Hier in Port St-Louis-du-Rhône
wurden Dächer abgedeckt, Bäume geknickt und infolge des Hagels
sehr viele Autos beschädigt.
So erlebt am Mittwoch,
20. September anno 2000
Peter + Therese
Rippstein auf SY PETHY