| Nach Jahren des Charterns kam eines
Tages, ich kann heute nicht mehr sagen von wem eigentlich, die Idee,
ein eigenes Schiff böte doch viele Vorteile. Man müsste sich nicht
mehr mit ewig unvollständiger oder defekter Ausrüstung
herumschlagen, müsste nicht mehr Unmengen von Bettwäsche,
Küchenutensilien, Ölzeug, etc. durch halb Europa kutschieren und
müsste nicht mehr die unglaublich hohen Charterkosten berappen.
Dass diese im Vergleich zu einem eigenen Schiff geradezu lächerlich
sind, war mit da noch nicht bewusst. Ich habe es tunlichst
vermieden, mir auszurechnen, wie viele Monate wir ein komfortables
Schiff für den Preis unseres eigenen chartern könnten.
Vor allem aber, und das Argument hatte wohl als
einziges letztlich Bestand, man könnte sich das Schiff so
einrichten, wie man es sich erträumt; vorausgesetzt, die Bank
verschliesst sich dieser Einsicht nicht.
Die Idee zu einem eigenen Schiff entstand, wie
gesagt, wohl irgendwann im Jahre 98, war aber zunächst nur ein
zartes Pflänzchen, das sich den folgenden praktischen Erwägungen
kaum gewachsen zeigte: Wo bleibt man denn mit so einem
"Kahn", was kommen für "laufende Kosten" (ein
reiner Euphemismus sie laufen ja gar nicht, schon gar nicht davon)
auf einen zu, ja, hat man nicht nach der ersten Saison auf dem Boot
die Nase voll, sehnt sich nach soliden Hotelbetten ohne
platschendes Wasser ringsum?
Schnell wurde klar: Ein vorheriger Testlauf war
unabdingbar. Also wurde die uns bekannte Firma Locaboat
angeschrieben, ob wir nicht eine "Penichette 935" für 3
Monate chartern könnten und das möglichst im Norden Frankreichs
mit Rückgabe irgendwo im Süden. Mit diesem Ansinnen brachten wir
die wohlgeordnete Locaboat-Welt ein wenig durcheinander. Dennoch
bekamen wir nach längerem Hin und Her die Mitteilung, man könne
uns ein Boot, das generalüberholt aus der Werft in Joigny käme
und eigentlich per Tieflader zu seiner Basis nach Agen gebracht
würde, vermieten. Wir könnten also in Joigny an der Yonne starten
und müssten das Boot dann 3 Monate später in Agen an der Garonne
wieder abgeben.
Allerdings wurden wir darauf hingewiesen, dass
| a) |
für das Befahren der Rhone ein "Permis" erforderlich
sei, und das wir |

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| b) |
fernab der
Locaboat-Basen im Falle eines Defektes mit längeren
Anfahrtszeiten rechnen müssten. |
Das alles konnte uns nicht schrecken, den
Bootsführerschein hatte ich eh und mit etwas handwerklichem
Geschick würden wir vielleicht auch ohne den Pannenservice
auskommen. Meine bessere(?) Hälfte liess sich vom Schuldienst
beurlauben, ich als Selbständiger machte meinen Laden für 3 Monate einfach dicht und übertrug den
Kundenservice an eine
befreundete Firma und so starteten wir im Juli 1999 von Joigny zu
unserer grossen Testfahrt. Über Yonne und Seine nach Paris, dann
über die Marne und den Rhein-Marne-Kanal nach Nancy, über den
Canal de l'Est und die Saone nach Lyon, dann über die Rhone nach
Arles und schliesslich über den Canal du Midi und den
Garonne-Seitenkanal nach Agen.
 |
Wohlgemerkt, unser Boot war eine
Penichette 935, d.h. 9,35 Meter lang und 3,10 M. breit, also wahrlich kein
geräumiger Luxusdampfer,
aber ein schmuckes Boot mit allem, was
man so braucht und man braucht erstaunlicherweise gar nicht so viel.
Das eigentlich geniale an der Konstruktion dieser liebevoll von uns
"Peni" genannten Boote ist die Innenaufteilung. |
Der
"Salon", oder wie immer man die Essecke mit
gegenüberliegender Küchenzeile nennen will, befindet sich an der
optimalen Stelle, nämlich dort, wo andere Schiffe ihre
Achterkajüte haben (natürlich auch das zukünftig Unsrige!). Man
geniesst durch grosse Scheiben nach beiden Seiten und nach hinten
einen wunderschönen Panoramablick, ob man nun Zwiebeln schneidet,
die Spaghetti versucht in den Mund zu bekommen oder mit Freunden
gerade die 5. Flasche Wein entkorkt. Da zudem der "Salon"
sehr niedrig liegt, sitzt man gleichsam auf Entenhöhe, die man beim
Frühstück bequem durch das geöffnete Fenster füttern kann. Ich
bin sicher, diesen Salon werden wir zukünftig häufig vermissen.
Mit solch einem Boot also ging es auf die grosse
Test-Reise, die darüber entscheiden sollte, ob wir uns auf unsere
alten Tage ein eigenes Boot zulegen sollten.
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Ohne jetzt einen Reisebericht geben zu wollen,
der würde allein ein Buch füllen, nur soviel: Der Test verlief
mehr als zufriedenstellend. Nicht nur, dass wir es spielend 3
Monate auf dem begrenzten Raum unseres schwimmenden Ferienhauses
aushielten, ohne uns den Schädel einzuschlagen oder den
Scheidungsanwalt zu bemühen, im Gegenteil, wir waren nun
endgültig von diesem "Herumtreibervirus" infiziert und
die Anschaffung eines eigenen Bootes wurde ernsthaft geplant.
Allerdings und auch das soll nicht verschwiegen werden, zeigten sich
auf dieser Reise auch die Grenzen eines solchen, auf 2 - 3 Wochen
Charter ausgelegten Bootes. Da wir teilweise mehrere Tage an
reizvollen Orten verbrachten, ohne den Motor anzuwerfen, brach
unsere Stromversorgung regelmässig zusammen und wir hatten, vor
allem als es im Oktober kälter wurde, teilweise weder Licht noch
Heizung. Bei 3 Grad Aussentemperatur nicht optimal.
Dennoch, erst mal ging es noch um ein bescheidenes "Second Hand Boot", am
liebsten natürlich
eine "Penichette". Schnell aber stand fest, mit dem
eigenem Boot wollten wir dann auch mal die Nase aus den Flüssen
und Kanälen herausstrecken können, den Wattenweg hinter den
geliebten ostfriesischen Inseln befahren oder mal ein Stückchen
Mittelmeerküste kennen lernen. Doch da schied, leider, leider, eine
Penichette mangels Seetüchtigkeit aus.
Für unsere Zwecke schien uns am ehesten eine
"Vedette hollandais", ein holländischer Stahlverdränger,
in Frage zu kommen. Gebraucht durfte er schon sein, aber er sollte
dann doch dies und jenes mitbringen und die Anzahl dieser "Dies und
Jenes" wuchs mit der Dauer der Suche. Für uns besonders
wichtig, er sollte eine Achterkajüte mit getrennten Betten und
eine Stromversorgung haben, die uns unabhängig von Marinaplätzen
mit Landanschluss machte. Kurzum, die Suche auf dem
Gebrauchtboote-Markt führte bald zu der Erkenntnis, dass entweder
der Preis zu hoch oder die Ausstattung zu weit von unseren
Vorstellungen entfernt war, als dass man den Kauf hätte wagen
können.
Der nächste Schritt war konsequenterweise der
Besuch der Bootsmesse in Düsseldorf. Doch von dort kehrten wir
verwirrter zurück als wir hingefahren waren. Wer, um Himmels
willen, baut in Holland eigentlich keine Stahlyachten??? Wir
machten uns anhand der aus Düsseldorf mitgebrachten Prospekte
eine Liste der in Frage kommenden Werften, es waren anfangs weit
über 20. Dann versuchten wir die Auswahl
einzugrenzen.
Langsam wurde die Zahl überschaubar. Schliesslich waren es aber
doch noch ca. 8 Werften, die in der engeren Wahl waren. Was also
tun?
Kurzentschlossen nahm ich mir Anfang Mai 2000 eine
Woche Urlaub,
 |
meldete mich telefonisch bei den Werften zu einer
Besichtigung an und startete dann zu einer etwas stressigen
Rundfahrt. |
Der Fairness halber will ich hier keine Namen nennen,
aber es ist schon lustig, was man auf einer solchen Tour erleben
kann.
| Obwohl mit fester Kaufabsicht unterwegs, wurde ich
auf der einen Werft behandelt wie ein Grössenwahnsinniger, dem man
bestenfalls bereit war, einige günstige Gebrauchtboote zu
empfehlen, auf einer anderen wiederum empfand man Sonderwünsche
offenbar als Zumutung und war nicht einmal bereit, konkrete
Fragen zur Standardausrüstung zu beantworten! |

|
Zwei der von mir
angesteuerten "Werften" erwiesen sich schliesslich als
"Garagenfirmen", in denen jährlich ein oder zwei Boote
zusammengebastelt wurden, jedes Boot ein Prototyp, wobei mir klar
ist, dass das kein Qualitätsurteil sein muss. In den Prospekten
hiess es zwar, man sei herzlich eingeladen, sich die Werft anzusehen
und auch eine Probefahrt mit dem in Aussicht genommenen Boot sei
jederzeit möglich. Man sollte diese "Einladungen"
allerdings nicht immer zu wörtlich nehmen. Trotz der Voranmeldung
wurde ich nach meinem Eindruck nur in 3 (!) der 8 Werften wirklich
erwartet und eine Probefahrt wurde mir nirgends in Aussicht
gestellt. Allerdings muss zur Ehrenrettung der Werften gesagt
werden, dass ich mir fast überall die Werkhallen und die im Bau
befindlichen Boote ansehen durfte. Auch wurden, mit der einen,
erwähnten Ausnahme, überall meine Wünsche notiert und zum Teil auch meine,
im Nachhinein gesehen, wohl auch etwas sehr laienhaften Fragen, geduldig
beantwortet. Letztlich waren es dann eine
ganze Reihe von Gründen, die uns für
Aquanaut Yachting B.V. in Sneek einnahmen.
Zuerst, und keineswegs unerheblich, war da der
persönliche Eindruck.
 |
Man erwartete mich, man hatte sogar meinen Namen
behalten(!), man war sichtlich um mich bemüht.
Dann die
Werksbesichtigung: Zugegeben, von Stahlbau verstehe ich nicht die
Bohne, aber mich beeindruckte der gut organisierte Arbeitsablauf,
der CNC gesteuerte Schneidetisch und die Kaskos, die kaum Spuren
kräftigen Zurechthämmerns erkennen liessen. Die Lackiererei, auch
davon habe ich keine Ahnung, fand in eigenen Hallen statt, die
sauber und aufgeräumt wirkten. Der Holzausbau (da kann ich schon
eher mitreden), überzeugte mich, die Verarbeitung war sauber und
solide. |
Natürlich war es nicht zuletzt das Schiff, eine
Beauty 1050 AK, die wir auch schon auf der "Boot 2000" in
Düsseldorf gesehen hatten, das den Ausschlag gab. Wir waren von
unserer Penichette mit den grossen Fenstern verwöhnt, wir wollten
es hell haben und rausgucken können. Und die Beauty hatte viele
Fenster. Und sie hatte eine Achterkajüte mit getrennten Betten, Toilette und Bad waren
in separaten Räumen untergebracht. Was wollten wir mehr?
| Das die Werft eine Lieferzeit von knapp 3 Jahren
nannte, störte uns wenig. |

|
Bis 60 wollte ich noch voll arbeiten und hätte
vorher eh keine Zeit für das Schiff. Das konkrete Angebot der Werft
kam Anfang Juni, Ende Juni fuhren wir zum Vertragsabschluss nach
Sneek und waren erst mal 35'000 DM Anzahlung los. Wie ich heute
weiss, tun allzu lange Wartezeiten nicht gut, weder dem Gemüt noch
dem Portemonnaie. In der Folgezeit wurden alle nur denkbaren
Kataloge von Schiffsausrüstern besorgt, jeder Messetermin
wahrgenommen und die Liste der Sonderwünsche wuchs und wuchs und
....... Mein Einkommen wuchs keineswegs in gleichem Umfang. Also
streichen; aber was???
 |
Zwei Jahre "gedanklicher Schiffbau",
dass sind zwei Jahre Stress pur. Inzwischen kenne ich die Kataloge
von Compass, Niemeyer oder Vetus weitgehend auswendig, ich kenne
die Unterschiede zwischen einem Deutz, Yanmar oder VW-Marine Motor. |
Ich könnte aus dem Stehgreif einen zweistündigen Vortrag über
die Probleme der Stromversorgung an Bord von Yachten halten,
kurzum, ich bin in diesen zwei Jahren zu einem hervorragend
halbgebildeten Yachtbauer geworden, bekomme allerdings kaum noch
Besuch, da das Interesse meiner Freunde an den Details einer
zweipolig ausgeführten Elektroinstallation offenbar begrenzt ist.
(Ignoranten! Was gibt es Spannenderes?)
Fazit: Von dem ursprünglich von der Werft
angebotenen Boot ist kaum noch etwas übrig, nein, nicht einmal der
Kasko hat überlebt. Der Motor, um beim Herzstück anzufangen, war
zunächst ein Yanmar, dann sollte es ein Vetus Deutz werden und
jetzt ist schliesslich ein TDI 120-5 von VW-Marine bestellt. Mit der
Stromversorgung tat ich mich am schwersten, die abenteuerlichsten
Ideen wurden entwickelt und verworfen, bis ich im Januar 2002 auf
der Bootsmesse einen Sterlingmotor bewundern konnte.
Kraft-Wärmekopplung, das Stichwort hatte ich schon irgendwo
gehört, das Ding schien mir so eine Art elektrischer Wollmilchsau
zu sein. Stromversorgung ohne Landanschluss und ohne lauten
Generator und gleichzeitig Warmwasserheizung und warmes Duschwasser
als Beigabe. Leider ist die Wollmilchsau auch "sau"-teuer.
Aber eine kleine Erbschaft wird's hoffentlich richten.
| Alea jacta
sun: Die Ausstattungsliste liegt nunmehr fest und die Werft hat mir
(sie hat mich wohl durchschaut) bereits schriftlich angedroht, auf
alle jetzt noch gewünschten Änderungen erhebe sie einen
"Strafzoll" von mindestens 10%.
Zur Untätigkeit verdammt, bleibt mir nichts
anderes übrig: Ich zähle jetzt die Tage (auf Stundenniveau bin ich
immerhin noch nicht heruntergekommen), bis die erste Stahlplatte
für unser Boot geschnitten wird. Diesen Monat, Oktober 2002 soll es
losgehen. Und dann, liebe Werftleute, zieht euch warm an! |
 |
Dauernd
wird ein neugieriger Kunde mit Argusaugen jeden Arbeitsschritt
verfolgen, pausenlos etwas zum Herumnörgeln finden, ja, euch
überhaupt erst mal beibringen, wie man ein vernünftiges Schiff
baut....... Nein, ganz so wild wird es wohl nicht werden, allein die
Entfernung (ca. 500 km) wird mich daran hindern, euch allzu sehr zur
auf die Nerven zu gehen.
|
Der
Artikel erschien in der L'ancre de Kembs Ausgabe Dezember 2002
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