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" Schiffskauf "

 

Pro Memoria Gedanken um eine grosse Anschaffung von Reinhard und Karin Blew
 
Nach Jahren des Charterns kam eines Tages, ich kann heute nicht mehr sagen von wem eigentlich, die Idee, ein eigenes Schiff böte doch viele Vorteile. Man müsste sich nicht mehr mit ewig unvollständiger oder defekter Ausrüstung herumschlagen, müsste nicht mehr Unmengen von Bettwäsche, Küchenutensilien, Ölzeug, etc. durch halb Europa kutschieren und müsste nicht mehr die unglaublich hohen Charterkosten berappen. Dass diese im Vergleich zu einem eigenen Schiff geradezu lächerlich sind, war mit da noch nicht bewusst. Ich habe es tunlichst vermieden, mir auszurechnen, wie viele Monate wir ein komfortables Schiff für den Preis unseres eigenen chartern könnten.

Vor allem aber, und das Argument hatte wohl als einziges letztlich Bestand, man könnte sich das Schiff so einrichten, wie man es sich erträumt; vorausgesetzt, die Bank verschliesst sich dieser Einsicht nicht.

Die Idee zu einem eigenen Schiff entstand, wie gesagt, wohl irgendwann im Jahre 98, war aber zunächst nur ein zartes Pflänzchen, das sich den folgenden praktischen Erwägungen kaum gewachsen zeigte: Wo bleibt man denn mit so einem "Kahn", was kommen für "laufende Kosten" (ein reiner Euphemismus sie laufen ja gar nicht, schon gar nicht davon) auf einen zu, ja, hat man nicht nach der ersten Saison auf dem Boot die Nase voll, sehnt sich nach soliden Hotelbetten ohne platschendes Wasser ringsum?

Schnell wurde klar: Ein vorheriger Testlauf war unabdingbar. Also wurde die uns bekannte Firma Locaboat angeschrieben, ob wir nicht eine "Penichette 935" für 3 Monate chartern könnten und das möglichst im Norden Frankreichs mit Rückgabe irgendwo im Süden. Mit diesem Ansinnen brachten wir die wohlgeordnete Locaboat-Welt ein wenig durcheinander. Dennoch bekamen wir nach längerem Hin und Her die Mitteilung, man könne uns ein Boot, das generalüberholt aus der Werft in Joigny käme und eigentlich per Tieflader zu seiner Basis nach Agen gebracht würde, vermieten. Wir könnten also in Joigny an der Yonne starten und müssten das Boot dann 3 Monate später in Agen an der Garonne wieder abgeben.

Allerdings wurden wir darauf hingewiesen, dass 

a)  für das Befahren der Rhone ein "Permis" erforderlich sei, und das wir 

b) fernab der Locaboat-Basen im Falle eines Defektes mit längeren Anfahrtszeiten rechnen müssten.

Das alles konnte uns nicht schrecken, den Bootsführerschein hatte ich eh und mit etwas handwerklichem Geschick würden wir vielleicht auch ohne den Pannenservice auskommen. Meine bessere(?) Hälfte liess sich vom Schuldienst beurlauben, ich als Selbständiger machte meinen Laden für 3 Monate einfach dicht und übertrug den Kundenservice an eine befreundete Firma und so starteten wir im Juli 1999 von Joigny zu unserer grossen Testfahrt. Über Yonne und Seine nach Paris, dann über die Marne und den Rhein-Marne-Kanal nach Nancy, über den Canal de l'Est und die Saone nach Lyon, dann über die Rhone nach Arles und schliesslich über den Canal du Midi und den Garonne-Seitenkanal nach Agen.

Wohlgemerkt, unser Boot war eine Penichette 935, d.h. 9,35 Meter lang und 3,10 M. breit, also wahrlich kein geräumiger Luxusdampfer
aber ein schmuckes Boot mit allem, was man so braucht und man braucht erstaunlicherweise gar nicht so viel. 

Das eigentlich geniale an der Konstruktion dieser liebevoll von uns "Peni" genannten Boote ist die Innenaufteilung. 

Der "Salon", oder wie immer man die Essecke mit gegenüberliegender Küchenzeile nennen will, befindet sich an der optimalen Stelle, nämlich dort, wo andere Schiffe ihre Achterkajüte haben (natürlich auch das zukünftig Unsrige!). Man geniesst durch grosse Scheiben nach beiden Seiten und nach hinten einen wunderschönen Panoramablick, ob man nun Zwiebeln schneidet, die Spaghetti versucht in den Mund zu bekommen oder mit Freunden gerade die 5. Flasche Wein entkorkt. Da zudem der "Salon" sehr niedrig liegt, sitzt man gleichsam auf Entenhöhe, die man beim Frühstück bequem durch das geöffnete Fenster füttern kann. Ich bin sicher, diesen Salon werden wir zukünftig häufig vermissen. Mit solch einem Boot also ging es auf die grosse Test-Reise, die darüber entscheiden sollte, ob wir uns auf unsere alten Tage ein eigenes Boot zulegen sollten.

Ohne jetzt einen Reisebericht geben zu wollen, der würde allein ein Buch füllen, nur soviel: Der Test verlief mehr als zufriedenstellend. Nicht nur, dass wir es spielend 3 Monate auf dem begrenzten Raum unseres schwimmenden Ferienhauses aushielten, ohne uns den Schädel einzuschlagen oder den Scheidungsanwalt zu bemühen, im Gegenteil, wir waren nun endgültig von diesem "Herumtreibervirus" infiziert und die Anschaffung eines eigenen Bootes wurde ernsthaft geplant. Allerdings und auch das soll nicht verschwiegen werden, zeigten sich auf dieser Reise auch die Grenzen eines solchen, auf 2 - 3 Wochen Charter ausgelegten Bootes. Da wir teilweise mehrere Tage an reizvollen Orten verbrachten, ohne den Motor anzuwerfen, brach unsere Stromversorgung regelmässig zusammen und wir hatten, vor allem als es im Oktober kälter wurde, teilweise weder Licht noch Heizung. Bei 3 Grad Aussentemperatur nicht optimal.

Dennoch, erst mal ging es noch um ein bescheidenes "Second Hand Boot", am liebsten natürlich eine "Penichette". Schnell aber stand fest, mit dem eigenem Boot wollten wir dann auch mal die Nase aus den Flüssen und Kanälen herausstrecken können, den Wattenweg hinter den geliebten ostfriesischen Inseln befahren oder mal ein Stückchen Mittelmeerküste kennen lernen. Doch da schied, leider, leider, eine Penichette mangels Seetüchtigkeit aus.

Für unsere Zwecke schien uns am ehesten eine "Vedette hollandais", ein holländischer Stahlverdränger, in Frage zu kommen. Gebraucht durfte er schon sein, aber er sollte dann doch dies und jenes mitbringen und die Anzahl dieser "Dies und Jenes" wuchs mit der Dauer der Suche. Für uns besonders wichtig, er sollte eine Achterkajüte mit getrennten Betten und eine Stromversorgung haben, die uns unabhängig von Marinaplätzen mit Landanschluss machte. Kurzum, die Suche auf dem Gebrauchtboote-Markt führte bald zu der Erkenntnis, dass entweder der Preis zu hoch oder die Ausstattung zu weit von unseren Vorstellungen entfernt war, als dass man den Kauf hätte wagen können.

Der nächste Schritt war konsequenterweise der Besuch der Bootsmesse in Düsseldorf. Doch von dort kehrten wir verwirrter zurück als wir hingefahren waren. Wer, um Himmels willen, baut in Holland eigentlich keine Stahlyachten??? Wir machten uns anhand der aus Düsseldorf mitgebrachten Prospekte eine Liste der in Frage kommenden Werften, es waren anfangs weit über 20. Dann versuchten wir die Auswahl einzugrenzen. Langsam wurde die Zahl überschaubar. Schliesslich waren es aber doch noch ca. 8 Werften, die in der engeren Wahl waren. Was also tun?

Kurzentschlossen nahm ich mir Anfang Mai 2000 eine Woche Urlaub

meldete mich telefonisch bei den Werften zu einer Besichtigung an und startete dann zu einer etwas stressigen Rundfahrt. 

Der Fairness halber will ich hier keine Namen nennen, aber es ist schon lustig, was man auf einer solchen Tour erleben kann.

Obwohl mit fester Kaufabsicht unterwegs, wurde ich auf der einen Werft behandelt wie ein Grössenwahnsinniger, dem man bestenfalls bereit war, einige günstige Gebrauchtboote zu empfehlen, auf einer anderen wiederum empfand man Sonderwünsche offenbar als Zumutung und war nicht einmal bereit, konkrete Fragen zur Standardausrüstung zu beantworten! 

Zwei der von mir angesteuerten "Werften" erwiesen sich schliesslich als "Garagenfirmen", in denen jährlich ein oder zwei Boote zusammengebastelt wurden, jedes Boot ein Prototyp, wobei mir klar ist, dass das kein Qualitätsurteil sein muss. In den Prospekten hiess es zwar, man sei herzlich eingeladen, sich die Werft anzusehen und auch eine Probefahrt mit dem in Aussicht genommenen Boot sei jederzeit möglich. Man sollte diese "Einladungen" allerdings nicht immer zu wörtlich nehmen. Trotz der Voranmeldung wurde ich nach meinem Eindruck nur in 3 (!) der 8 Werften wirklich erwartet und eine Probefahrt wurde mir nirgends in Aussicht gestellt. Allerdings muss zur Ehrenrettung der Werften gesagt werden, dass ich mir fast überall die Werkhallen und die im Bau befindlichen Boote ansehen durfte. Auch wurden, mit der einen, erwähnten Ausnahme, überall meine Wünsche notiert und zum Teil auch meine, im Nachhinein gesehen, wohl auch etwas sehr laienhaften Fragen, geduldig beantwortet. Letztlich waren es dann eine ganze Reihe von Gründen, die uns für Aquanaut Yachting B.V. in Sneek einnahmen. Zuerst, und keineswegs unerheblich, war da der persönliche Eindruck.

Man erwartete mich, man hatte sogar meinen Namen behalten(!), man war sichtlich um mich bemüht. 

Dann die Werksbesichtigung: Zugegeben, von Stahlbau verstehe ich nicht die Bohne, aber mich beeindruckte der gut organisierte Arbeitsablauf, der CNC gesteuerte Schneidetisch und die Kaskos, die kaum Spuren kräftigen Zurechthämmerns erkennen liessen. Die Lackiererei, auch davon habe ich keine Ahnung, fand in eigenen Hallen statt, die sauber und aufgeräumt wirkten. Der Holzausbau (da kann ich schon eher mitreden), überzeugte mich, die Verarbeitung war sauber und solide.

Natürlich war es nicht zuletzt das Schiff, eine Beauty 1050 AK, die wir auch schon auf der "Boot 2000" in Düsseldorf gesehen hatten, das den Ausschlag gab. Wir waren von unserer Penichette mit den grossen Fenstern verwöhnt, wir wollten es hell haben und rausgucken können. Und die Beauty hatte viele Fenster. Und sie hatte eine Achterkajüte mit getrennten Betten, Toilette und Bad waren in separaten Räumen untergebracht. Was wollten wir mehr?

Das die Werft eine Lieferzeit von knapp 3 Jahren nannte, störte uns wenig. 

Bis 60 wollte ich noch voll arbeiten und hätte vorher eh keine Zeit für das Schiff. Das konkrete Angebot der Werft kam Anfang Juni, Ende Juni fuhren wir zum Vertragsabschluss nach Sneek und waren erst mal 35'000 DM Anzahlung los. Wie ich heute weiss, tun allzu lange Wartezeiten nicht gut, weder dem Gemüt noch dem Portemonnaie. In der Folgezeit wurden alle nur denkbaren Kataloge von Schiffsausrüstern besorgt, jeder Messetermin wahrgenommen und die Liste der Sonderwünsche wuchs und wuchs und ....... Mein Einkommen wuchs keineswegs in gleichem Umfang. Also streichen; aber was???

Zwei Jahre "gedanklicher Schiffbau", dass sind zwei Jahre Stress pur. Inzwischen kenne ich die Kataloge von Compass, Niemeyer oder Vetus weitgehend auswendig, ich kenne die Unterschiede zwischen einem Deutz, Yanmar oder VW-Marine Motor. 

Ich könnte aus dem Stehgreif einen zweistündigen Vortrag über die Probleme der Stromversorgung an Bord von Yachten halten, kurzum, ich bin in diesen zwei Jahren zu einem hervorragend halbgebildeten Yachtbauer geworden, bekomme allerdings kaum noch Besuch, da das Interesse meiner Freunde an den Details einer zweipolig ausgeführten Elektroinstallation offenbar begrenzt ist. (Ignoranten! Was gibt es Spannenderes?)

Fazit: Von dem ursprünglich von der Werft angebotenen Boot ist kaum noch etwas übrig, nein, nicht einmal der Kasko hat überlebt. Der Motor, um beim Herzstück anzufangen, war zunächst ein Yanmar, dann sollte es ein Vetus Deutz werden und jetzt ist schliesslich ein TDI 120-5 von VW-Marine bestellt. Mit der Stromversorgung tat ich mich am schwersten, die abenteuerlichsten Ideen wurden entwickelt und verworfen, bis ich im Januar 2002 auf der Bootsmesse einen Sterlingmotor bewundern konnte. Kraft-Wärmekopplung, das Stichwort hatte ich schon irgendwo gehört, das Ding schien mir so eine Art elektrischer Wollmilchsau zu sein. Stromversorgung ohne Landanschluss und ohne lauten Generator und gleichzeitig Warmwasserheizung und warmes Duschwasser als Beigabe. Leider ist die Wollmilchsau auch "sau"-teuer. Aber eine kleine Erbschaft wird's hoffentlich richten. 

Alea jacta sun: Die Ausstattungsliste liegt nunmehr fest und die Werft hat mir (sie hat mich wohl durchschaut) bereits schriftlich angedroht, auf alle jetzt noch gewünschten Änderungen erhebe sie einen "Strafzoll" von mindestens 10%.

Zur Untätigkeit verdammt, bleibt mir nichts anderes übrig: Ich zähle jetzt die Tage (auf Stundenniveau bin ich immerhin noch nicht heruntergekommen), bis die erste Stahlplatte für unser Boot geschnitten wird. Diesen Monat, Oktober 2002 soll es losgehen. Und dann, liebe Werftleute, zieht euch warm an!

Dauernd wird ein neugieriger Kunde mit Argusaugen jeden Arbeitsschritt verfolgen, pausenlos etwas zum Herumnörgeln finden, ja, euch überhaupt erst mal beibringen, wie man ein vernünftiges Schiff baut.......  Nein, ganz so wild wird es wohl nicht werden, allein die Entfernung (ca. 500 km) wird mich daran hindern, euch allzu sehr zur auf die Nerven zu gehen.

 

Der Artikel erschien in der L'ancre de Kembs Ausgabe Dezember 2002


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