erz_shannon
  Shannon, 
Irland's Boater Paradise
 

  

       ein Bericht von Christian Walsoe; "Kon Tiki"

Mit seinen konstant wechselnden Wolkenformationen und seiner Mischung aus Seen- und Flusslandschaft ist der Shannon einer der ausdruckstärksten und abwechslungsreichsten Flussläufe für Bootsferien in Europa. Wir sind sicher nicht das letzte Mal in Irland gewesen !
Schon lange hat uns die Idee gereizt, die grüne Insel Irland mit dem Boot zu erkunden. Da die Entrostungs- und "Schönheitskur" unserer Kon-Tiki länger als geplant dauerte, entschlossen wir uns, unsere Familienferien diesen Sommer auf dem Shannon und seinen beeindruckenden Seen zu verbringen.

Nach drei intensiven Entdeckungstagen des sommerlich heissen London’s durchbricht die Air-Lingus-Maschine die graue Wolkendecke über Dublin. Empfangen werden wir von Greg, dem Kleinbusfahrer aus Banagher, der sich damit einen Zustupf zu seinem Verdienst aus der Arbeit in der lokalen Fleischfabrik erwirtschaftet. 

Nach ersten Kilometern auf Autobahnen, wie sie irgendwo in Europa sein könnten (ausser, dass man auch in Irland links fährt) erreichen wir bald einmal die typischen heckenbewehrten Landstrassen. In horrendem Tempo geht es über Schlaglöcher vorbei an plötzlich auftauchenden Traktoren auf immer enger werdenden Strassen. 

 

Noch liegt die grüne Insel unter einer tiefen, grauen Wolkendecke. Als wir die Bootsvermietung in BANAGHER erreichen, fängt es leicht an zu regnen. Nach einer kurzen navigatorischen und bootstechnischen Einweisung beziehen wir unsere "Galway", unser Heim für die nächsten zwei Wochen.

Schon am ersten Abend erhalten wir einen Eindruck von der bemerkenswerten Freundlichkeit und Begabung vieler Iren – ihrer Musikalität. Fast aus jedem Pub tönt ab 22.00 Uhr irische Volksmusik oder lokale Jünger Bob Dylan’s oder Cat Stevens geben eine eindrückliche Vorstellung ihres Könnens ab.

Der nächste Morgen beginnt grau. Wir entscheiden uns, zunächst nach Süden zu fahren, zum grössten der Shannon-Seen, dem LOUGH DERG. Nach ca. einer halben Stunde erreichen wir eine der wenigen Schleusen. Für ein Pfund zwanzig werden wir mit vier weiteren Mietbooten nach unten geschleust (auf dem Shannon verkehren schon seit Jahren nur noch Freizeit-Schiffe). Erste "heisse" Tips, wo’s am schönsten ist, werden ausgetauscht. Vor allem bei den (ost-) deutschen Ferienskippern ist der Shannon sehr beliebt, daneben treffen wir auf Franzosen, Schweizer und Österreicher. Einem holländischen Pedro-Besitzer gefällt das Revier so gut, dass er sich mit seinem Boot in Killaloe am Südende des Lough Derg niedergelassen hat. "In Irland ist es viel gemütlicher als im übervollen Holland" meint er lachend.

Nach ca. zwei Stunden mäandrischer Fahrt vorbei an friedlich grasenden Kuh- Ochsen- und Schafherden erreichen wir die Brücke von Portumna, die nur alle zweieinhalb Stunden gedreht wird, um die Schiffe durchzulassen. Gleich danach empfängt uns der Lough Derg. Wir entscheiden uns für den Hafen von TERRYGLAS zur ersten Übernachtung "auf See". 

Da es recht spät geworden ist, finden wir nur noch einen Platz an der Aussenmauer. Am Horizont erscheinen die ersten Sonnenstrahlen hinter der grauen Wolkendecke, die uns in den nächsten zwei Wochen noch eine Unzahl von faszinierenden und wechselnden Bildern bieten sollte.

 

Der Morgen begrüsst uns mit einem leichten Nieselregen, doch schon nach einer halben Stunde frischt es auf, und der Wind vertreibt die Regenwolken. Rechts entlang der schwarzen Betonnung fahren wir Richtung Süden, nach DROMINEER. Zehn Familien bewohnen diesen Weiler das ganze Jahr über. Nach einem sonnigen Mittagessen im lokalen Pub geht’s weiter zum südlichsten Punkt unserer Reise, nach KILLALOE. Direkt vor der alten Brücke über den Shannon gelingt es uns, einen Platz für die Nacht zu ergattern. Eindrucksvolle Sonnen- und Wolkenstimmungen erfreuen mein Fotografenauge, aber ehe ich mich versehe, hat eine kompakte Wolkendecke Besitz vom Abend-himmel ergriffen. "Heavy gales at force 7 to 9 are forecasted for tomorrow" meldet die Nachrichtensprecherin im irischen Fernsehen. Das kann ja heiter werden!

Als wir bei herrlichem Sonnenschein am nächsten Morgen ablegen, bläst der Wind noch mässig und die Cumuli-Wolken verheissen einen schönen Tag. Erst langsam werden die Wellen höher und als wir den offenen See erreichen, wissen wir sofort, was irische "gales" bedeuten: Statt gegen oder mit den Wellen zu fahren, geraten wir kurz in ein heftiges Wellental und schon liegt der übrig gebliebene Tomatensalat und das noch nicht abgewaschene Frühstücks- Geschirr schön im Schiff verteilt. Zwei Tassen sind in Brüche geraten, also haben wir seither nicht mehr alle Tassen im Schrank. Respektvoll übernehme ich das Steuer und beginne kreuzend die Rückfahrt nach Norden. Nach ca. 2 Stunden irischen Windes, Regens und Sonne erreichen wir den Mittagshafen von gestern, Dromineer. Wir haben genug für heute, aber es war für uns alle sehr beeindruckend – bei Windstärke 6-7 auf den Wellen des Lough Derg !

Trotz immer noch starken Windböen entschliessen wir uns am folgenden Tag, die nächste Etappe zurück nach Norden unter den Kiel unserer Galway zu nehmen. Der Hafen von PORTUMNA am nördlichen Ende des Lough Derg ist unser Ziel. Mit erneutem Kreuzen gelangen wir nach dreieinhalb Stunden wellenreitender Fahrt dorthin. Am Abend beruhigt sich der Wind, es ist als ob uns der See auch noch seine freundliche Seite zum Abschied zeigen möchte. Der Spaziergang über die Wiesen des alten Schlosses von Portumna ins kleine Städtchen gleichen Namens ist wenig aufregend. Zum Glück für Niels finden wir auch dort einen Pub mit einem Pooltable. Dieses Spiel ist zu Niels’ liebster Freizeitbeschäftigung dieser Ferien geworden.

 
Bevor wir am nächsten Morgen endgültig vom Lough Derg Abschied nehmen, machen wir noch einen Abstecher in den irischen Handwerksladen in der alten Kirche von Terryglas. 

Dann geht’s zurück zur Drehbrücke von Portumna und zur Übernachtung in Bannagher. Der Abend wird spät dank der tollen Stimme von Pat Moroney, der diesen Abend zur Freude des vollbesetzten Pub’s in Bannagher aufspielt.

Bei erneut nasskalten Bedingungen geht’s nächsten Mittag weiter zum neu eröffneten Seitenarm von BALLINASLOE. Wunderbare Flussmäander mit weissen Seerosen und friedlich grasenden Rinder- und Schaf-Herden erfreuen unser Auge bei erneutem Sonnenschein. 


Erst bei der Schleuse kurz vor Ballinasloe fängt es erneut an zu regnen. Jetzt zeigt sich unser extra für Irland angeschafftes Regenkombi in bester Manier; auch ich lache nicht mehr über Barbara’s blauen Südwester ! Im schmucken neuen Hafen von Ballinasloe suchen wir zunächst nach einer Möglichkeit, Zugang zu den Duschen mittels eines elektronischen Kartensystems zu erhalten. Erst beim Besitzer des grössten Pubs am Ort werden wir fündig; stolz über den neuen auf private Initiative entstandenen Hafen entschuldigt er sich, dass der Hafen halt noch nicht offiziell eingeweiht sei und deshalb noch nicht alles perfekt laufe. Zwei heisse Irish Coffees entschädigen uns für die klammen Finger bei der Ankunft in Ballinasloe.

 

Die Rückfahrt auf dem River Suck nach Shannon Bridge verläuft friedlich und trocken. Die weitere Fahrt shannonaufwärts geht zügig voran und um zwei Uhr legen wir an der alten, heiligen Siedlung von CLONMACNOIS an. 

Welch einen wunderschönen Ort hat sich der Hl. Cyrian im 6. Jahrhundert für seine Siedlung ausgesucht ! Aber oh je, Busse mit Horden von Teenagern aus aller Herren Länder Europas vermischt mit frömmelnden älteren Deutschen lassen uns bald wieder Reissaus nehmen von dieser für Irland historisch bedeutenden Stätte. Nach weiteren zwei Stunden passieren wir die chaotische Provinzstadt Athlon (hier lohnt sich kein Aufenthalt) und unser Nachtlager beziehen wir in der wunderschönen Marina von HUDSON BAY am Südende des LOUGH REE.


Hier wurde ein Erstklasshotel gebaut, dessen Playroom es unseren Kindern angetan hat. Angelegt haben wir an der fast hundertjährigen Barke von Joe und seiner Familie. Nach ersten Sprachschwierigkeiten bildet sich mit Margaret (16), Fergil (14), Brandon (11), Kevin (9) und unseren vieren eine neue Hafengang. Nach Drängen der Kinder beschliessen wir, auch den nächsten Tag hier zu bleiben. Wir werden dafür mit einer wunderschönen Abendstimmung mit grossem, intensiven Regenbogen, der sich während fast einer Stunde über den Hafen wölbt, entlohnt.

Da der Wetterbericht wieder starke Winde und Regen "verspricht", entscheiden wir uns, den Lough Ree noch möglichst vorher Richtung Norden zu durchqueren. Dies sehr zum Leidwesen unserer Kinder, die noch gerne einen Tag länger im hübschen Hudson Bay geblieben wären. Die Fahrt wird ruhiger und wärmer als angenommen. Nach zweieinhalb Stunden hat uns der Shannon wieder. Bei Lanesborough sind schon alle Liegeplätze belegt, so dass wir weiter Richtung Tarmonbarry fahren. Von weitem sehen wir, dass aber auch dort vor und nach der Schleuse sehr viele Mietboote liegen, so dass wir kurz entschlossen in den rechts abzweigenden kleinen Kanal nach CLONDARA einbiegen. Eine über 140 Jahre alte Schleuse empfängt uns und dahinter der fast zugewachsene Zugangskanal zum kleinen RICHMOND HARBOUR. (Erst später erfahre ich, dass hier der jetzt geschlossene Zugang zum North Canal nach Dublin beginnt.) Erinnerungen an enge Kanal-"Schluchten" in Frankreich werden wach. Um auch wieder mal die Füsse etwas zu vertreten, machen Barbara und ich einen Rundgang durch das fast menschenleer Clondara mit halb verfallener Mühle und einem alten Friedhof. Mc Callon, Kennedy, Lennon sind nur einige typische irische Namen, die auch hier vorkommen. Der Abend findet seinen Abschluss mit dem fast schon zur Vaterpflicht gewordenen Pool-Spiel im Dorf-Pub mit Niels.

Unter der tiefen Strassenbrücke am Hafen-Ausgang kommen wir nur durch, wenn wir uns bücken. Trotz grauem Himmel bereuen wir es keineswegs, den Umweg über den Camlin-River genommen zu haben, ist dieser kleine Seitenfluss zum Shannon doch noch sehr ursprünglich. Anschliessend wird die Fahrt nach CARRICK-ON-SHANNON zu einer wenig spektakulären Überbrückungsfahrt bei starkem Südostwind unter einer geschlossenen Wolkendecke. Aber zum Glück bleibt der Tag regenfrei.

Der Familienrat beschliesst, den nächsten Tag in Carrick zu bleiben, obwohl die Sonne schon frühmorgens zur Weiterfahrt in das Kleinod des Lough Key’s einlädt. Carrick ist ein unspektakuläres Zentrum für die Bootsvermietung auf dem Shannon. Neben den guten Einkaufsmöglichkeiten ist der Pub, in dem auch Unterachtzehnjährige Pool spielen dürfen der natürliche Anziehungspunkt für Niels. Ein irischer Junge gibt uns eindrücklich eine Lektion in perfektem Poolspiel.

Am nächsten Morgen hat das Wetter wieder gewechselt. Bei bedecktem Himmel befahren wir einen der abwechslungsreichsten Flussläufe, den Boyle-River zum LOUGH KEY

Ab und zu drückt die Sonne durch als wir in diese leicht hügelige, bewaldete Seen- Landschaft einfahren. Beim LOUGH KEY FOREST PARK mit seinen wunderschönen, z.T. exotischen Bäumen legen wir an. 

Mit dem Beiboot fahren Niels und Martina zu der Castle Island mit ihren Überresten eines schlossähnlichen Gebäudes, das irische Adlige der McDermots im 12. Jahrhundert anlegten. 

Das ganze erinnert ein wenig an die Schlossbauten Ludwigs, des Bayernkönigs. Barbara und ich beschliessen, die Überreste des Zisterzienser-Klosters bei BOYLE zu erkunden. Allerdings wussten wir nicht, dass dazu ein Fussmarsch von ca. 8 km notwendig ist ! Zum Glück gibt’s ein Taxi zurück. 


Wir beschliessen, den Abend mit einem gemütlichen, chinesischen Dinner in Boyle zu beenden (Nebenbei: Die Rechnung hier betrug ungefähr die Hälfte von dem, was wir in vergleichbaren Umfange zwei Wochen zuvor in London’s Soho bezahlt hatten).

Und so geht unsere Irlandreise langsam zu Ende. Die Schiffsabgabe zurück im verhangenen Carrick geht problemlos vonstatten und nach einer Rückfahrt nach DUBLIN erleben wir auch noch das Zentrum dieses uns liebgewordenen Landes. Ich habe noch nie so viele flanierende, junge Menschen in einem Sprachgewirr von Italienisch, Spanisch, Französisch und Englisch wie an diesem Samstag-Nachmittag in den Strassen von Dublin erlebt – ein eindrücklicher Beweis für die Dynamik dieser Insel ?

 

Der Artikel erschien in der L'ancre de Kembs Ausgabe Sept. 2001



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