Mit
seinen konstant wechselnden Wolkenformationen und seiner Mischung
aus Seen- und Flusslandschaft ist der Shannon einer der
ausdruckstärksten und abwechslungsreichsten Flussläufe für
Bootsferien in Europa. Wir sind sicher nicht das letzte Mal in
Irland gewesen !
| Schon lange hat uns die Idee
gereizt, die grüne Insel Irland mit dem Boot zu erkunden. Da
die Entrostungs- und "Schönheitskur" unserer
Kon-Tiki länger als geplant dauerte, entschlossen wir uns,
unsere Familienferien diesen Sommer auf dem Shannon und seinen
beeindruckenden Seen zu verbringen.
Nach drei intensiven Entdeckungstagen des
sommerlich heissen London’s durchbricht die
Air-Lingus-Maschine die graue Wolkendecke über Dublin.
Empfangen werden wir von Greg, dem Kleinbusfahrer aus Banagher,
der sich damit einen Zustupf zu seinem Verdienst aus der
Arbeit in der lokalen Fleischfabrik erwirtschaftet.
Nach
ersten Kilometern auf Autobahnen, wie sie irgendwo in Europa
sein könnten (ausser, dass man auch in Irland links fährt)
erreichen wir bald einmal die typischen heckenbewehrten
Landstrassen. In horrendem Tempo geht es über Schlaglöcher
vorbei an plötzlich auftauchenden Traktoren auf immer enger
werdenden Strassen.
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Noch
liegt die grüne Insel unter einer tiefen, grauen Wolkendecke. Als
wir die Bootsvermietung in BANAGHER erreichen, fängt es
leicht an zu regnen. Nach einer kurzen navigatorischen und
bootstechnischen Einweisung beziehen wir unsere "Galway",
unser Heim für die nächsten zwei Wochen.
Schon am ersten Abend erhalten wir einen Eindruck
von der bemerkenswerten Freundlichkeit und Begabung vieler Iren –
ihrer Musikalität. Fast aus jedem Pub tönt ab 22.00 Uhr irische
Volksmusik oder lokale Jünger Bob Dylan’s oder Cat Stevens geben
eine eindrückliche Vorstellung ihres Könnens ab.
Der nächste Morgen beginnt grau. Wir entscheiden
uns, zunächst nach Süden zu fahren, zum grössten der Shannon-Seen,
dem LOUGH DERG. Nach ca. einer halben Stunde erreichen
wir eine der wenigen Schleusen. Für ein Pfund zwanzig werden wir
mit vier weiteren Mietbooten nach unten geschleust (auf dem Shannon
verkehren schon seit Jahren nur noch Freizeit-Schiffe). Erste "heisse"
Tips, wo’s am schönsten ist, werden ausgetauscht. Vor allem bei
den (ost-) deutschen Ferienskippern ist der Shannon sehr beliebt,
daneben treffen wir auf Franzosen, Schweizer und Österreicher.
Einem holländischen Pedro-Besitzer gefällt das Revier so gut, dass
er sich mit seinem Boot in Killaloe am Südende des Lough Derg
niedergelassen hat. "In Irland ist es viel gemütlicher als im
übervollen Holland" meint er lachend.
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Nach
ca. zwei Stunden mäandrischer Fahrt vorbei an friedlich grasenden
Kuh- Ochsen- und Schafherden erreichen wir die Brücke von Portumna,
die nur alle zweieinhalb Stunden gedreht wird, um die Schiffe
durchzulassen. Gleich danach empfängt uns der Lough Derg. Wir
entscheiden uns für den Hafen von TERRYGLAS zur ersten
Übernachtung "auf See".
Da es recht spät geworden ist,
finden wir nur noch einen Platz an der Aussenmauer. Am Horizont
erscheinen die ersten Sonnenstrahlen hinter der grauen Wolkendecke,
die uns in den nächsten zwei Wochen noch eine Unzahl von
faszinierenden und wechselnden Bildern bieten sollte.
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Der
Morgen begrüsst uns mit einem leichten Nieselregen, doch schon nach
einer halben Stunde frischt es auf, und der Wind vertreibt die
Regenwolken. Rechts entlang der schwarzen Betonnung fahren wir
Richtung Süden, nach DROMINEER. Zehn Familien bewohnen
diesen Weiler das ganze Jahr über. Nach einem sonnigen Mittagessen
im lokalen Pub geht’s weiter zum südlichsten Punkt unserer Reise,
nach KILLALOE. Direkt vor der alten Brücke über den Shannon
gelingt es uns, einen Platz für die Nacht zu ergattern.
Eindrucksvolle Sonnen- und Wolkenstimmungen erfreuen mein
Fotografenauge, aber ehe ich mich versehe, hat eine kompakte
Wolkendecke Besitz vom Abend-himmel ergriffen. "Heavy gales
at force 7 to 9 are forecasted for tomorrow" meldet die
Nachrichtensprecherin im irischen Fernsehen. Das kann ja heiter
werden!
Als wir bei herrlichem Sonnenschein am nächsten
Morgen ablegen, bläst der Wind noch mässig und die Cumuli-Wolken
verheissen einen schönen Tag. Erst langsam werden die Wellen höher
und als wir den offenen See erreichen, wissen wir sofort, was
irische "gales" bedeuten: Statt gegen oder mit den Wellen
zu fahren, geraten wir kurz in ein heftiges Wellental und schon
liegt der übrig gebliebene Tomatensalat und das noch nicht
abgewaschene Frühstücks- Geschirr schön im Schiff verteilt.
Zwei Tassen sind in Brüche geraten, also haben wir seither nicht
mehr alle Tassen im Schrank. Respektvoll übernehme ich das Steuer
und beginne kreuzend die Rückfahrt nach Norden. Nach ca. 2 Stunden
irischen Windes, Regens und Sonne erreichen wir den Mittagshafen von
gestern, Dromineer. Wir haben genug für heute, aber es war für uns
alle sehr beeindruckend – bei Windstärke 6-7 auf den Wellen des
Lough Derg !
Trotz immer noch starken Windböen entschliessen
wir uns am folgenden Tag, die nächste Etappe zurück nach Norden
unter den Kiel unserer Galway zu nehmen. Der Hafen von PORTUMNA
am nördlichen Ende des Lough Derg ist unser Ziel. Mit erneutem
Kreuzen gelangen wir nach dreieinhalb Stunden wellenreitender Fahrt
dorthin. Am Abend beruhigt sich der Wind, es ist als ob uns der See
auch noch seine freundliche Seite zum Abschied zeigen möchte. Der
Spaziergang über die Wiesen des alten Schlosses von Portumna ins
kleine Städtchen gleichen Namens ist wenig aufregend. Zum Glück
für Niels finden wir auch dort einen Pub mit einem Pooltable.
Dieses Spiel ist zu Niels’ liebster Freizeitbeschäftigung dieser
Ferien geworden.
| Bevor
wir am nächsten Morgen endgültig vom Lough Derg Abschied nehmen,
machen wir noch einen Abstecher in den irischen Handwerksladen in
der alten Kirche von Terryglas.
Dann geht’s zurück zur
Drehbrücke von Portumna und zur Übernachtung in Bannagher. Der
Abend wird spät dank der tollen Stimme von Pat Moroney, der diesen
Abend zur Freude des vollbesetzten Pub’s in Bannagher aufspielt.
Bei erneut nasskalten Bedingungen geht’s
nächsten Mittag weiter zum neu eröffneten Seitenarm von BALLINASLOE.
Wunderbare Flussmäander mit weissen Seerosen und friedlich
grasenden Rinder- und Schaf-Herden erfreuen unser Auge bei erneutem
Sonnenschein.
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Erst
bei der Schleuse kurz vor Ballinasloe fängt es erneut an zu regnen.
Jetzt zeigt sich unser extra für Irland angeschafftes Regenkombi in
bester Manier; auch ich lache nicht mehr über Barbara’s blauen
Südwester ! Im schmucken neuen Hafen von Ballinasloe suchen wir
zunächst nach einer Möglichkeit, Zugang zu den Duschen mittels
eines elektronischen Kartensystems zu erhalten. Erst beim Besitzer
des grössten Pubs am Ort werden wir fündig; stolz über den neuen
auf private Initiative entstandenen Hafen entschuldigt er sich, dass
der Hafen halt noch nicht offiziell eingeweiht sei und deshalb noch
nicht alles perfekt laufe. Zwei heisse Irish Coffees entschädigen
uns für die klammen Finger bei der Ankunft in Ballinasloe.
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Die
Rückfahrt auf dem River Suck nach Shannon Bridge verläuft
friedlich und trocken. Die weitere Fahrt shannonaufwärts geht
zügig voran und um zwei Uhr legen wir an der alten, heiligen
Siedlung von CLONMACNOIS an.
Welch einen wunderschönen Ort hat sich der Hl.
Cyrian im 6. Jahrhundert für seine Siedlung ausgesucht ! Aber oh
je, Busse mit Horden von Teenagern aus aller Herren Länder Europas
vermischt mit frömmelnden älteren Deutschen lassen uns bald wieder
Reissaus nehmen von dieser für Irland historisch bedeutenden
Stätte. Nach weiteren zwei Stunden passieren wir die chaotische
Provinzstadt Athlon (hier lohnt sich kein Aufenthalt) und unser
Nachtlager beziehen wir in der wunderschönen Marina von HUDSON
BAY am Südende des LOUGH REE. |
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Hier
wurde ein Erstklasshotel gebaut, dessen Playroom es unseren Kindern
angetan hat. Angelegt haben wir an der fast hundertjährigen Barke
von Joe und seiner Familie. Nach ersten Sprachschwierigkeiten bildet
sich mit Margaret (16), Fergil (14), Brandon (11), Kevin (9) und
unseren vieren eine neue Hafengang. Nach Drängen der Kinder
beschliessen wir, auch den nächsten Tag hier zu bleiben. Wir werden
dafür mit einer wunderschönen Abendstimmung mit grossem,
intensiven Regenbogen, der sich während fast einer Stunde über den
Hafen wölbt, entlohnt.
Da der Wetterbericht wieder starke Winde und Regen
"verspricht", entscheiden wir uns, den Lough Ree noch
möglichst vorher Richtung Norden zu durchqueren. Dies sehr zum
Leidwesen unserer Kinder, die noch gerne einen Tag länger im
hübschen Hudson Bay geblieben wären. Die Fahrt wird ruhiger und
wärmer als angenommen. Nach zweieinhalb Stunden hat uns der Shannon
wieder. Bei Lanesborough sind schon alle Liegeplätze belegt, so
dass wir weiter Richtung Tarmonbarry fahren. Von weitem sehen wir,
dass aber auch dort vor und nach der Schleuse sehr viele Mietboote
liegen, so dass wir kurz entschlossen in den rechts abzweigenden
kleinen Kanal nach CLONDARA einbiegen. Eine über 140 Jahre
alte Schleuse empfängt uns und dahinter der fast zugewachsene
Zugangskanal zum kleinen RICHMOND HARBOUR. (Erst später
erfahre ich, dass hier der jetzt geschlossene Zugang zum North Canal
nach Dublin beginnt.) Erinnerungen an enge Kanal-"Schluchten"
in Frankreich werden wach. Um auch wieder mal die Füsse etwas zu
vertreten, machen Barbara und ich einen Rundgang durch das fast
menschenleer Clondara mit halb verfallener Mühle und einem alten
Friedhof. Mc Callon, Kennedy, Lennon sind nur einige typische
irische Namen, die auch hier vorkommen. Der Abend findet seinen
Abschluss mit dem fast schon zur Vaterpflicht gewordenen Pool-Spiel
im Dorf-Pub mit Niels.
Unter der tiefen Strassenbrücke am Hafen-Ausgang
kommen wir nur durch, wenn wir uns bücken. Trotz grauem Himmel
bereuen wir es keineswegs, den Umweg über den Camlin-River genommen
zu haben, ist dieser kleine Seitenfluss zum Shannon doch noch sehr
ursprünglich. Anschliessend wird die Fahrt nach CARRICK-ON-SHANNON
zu einer wenig spektakulären Überbrückungsfahrt bei starkem
Südostwind unter einer geschlossenen Wolkendecke. Aber zum Glück
bleibt der Tag regenfrei.
Der Familienrat beschliesst, den nächsten Tag in
Carrick zu bleiben, obwohl die Sonne schon frühmorgens zur
Weiterfahrt in das Kleinod des Lough Key’s einlädt. Carrick ist
ein unspektakuläres Zentrum für die Bootsvermietung auf dem
Shannon. Neben den guten Einkaufsmöglichkeiten ist der Pub, in dem
auch Unterachtzehnjährige Pool spielen dürfen der natürliche
Anziehungspunkt für Niels. Ein irischer Junge gibt uns
eindrücklich eine Lektion in perfektem Poolspiel.
| Am nächsten
Morgen hat das Wetter wieder gewechselt. Bei bedecktem Himmel
befahren wir einen der abwechslungsreichsten Flussläufe, den
Boyle-River zum LOUGH KEY.
Ab und zu drückt die Sonne
durch als wir in diese leicht hügelige, bewaldete Seen- Landschaft
einfahren. Beim LOUGH KEY FOREST PARK mit seinen
wunderschönen, z.T. exotischen Bäumen legen wir an.
Mit dem
Beiboot fahren Niels und Martina zu der Castle Island mit ihren
Überresten eines schlossähnlichen Gebäudes, das irische Adlige
der McDermots im 12. Jahrhundert anlegten.
Das ganze erinnert ein
wenig an die Schlossbauten Ludwigs, des Bayernkönigs. Barbara und
ich beschliessen, die Überreste des Zisterzienser-Klosters bei BOYLE
zu erkunden. Allerdings wussten wir nicht, dass dazu ein Fussmarsch
von ca. 8 km notwendig ist ! Zum Glück gibt’s ein Taxi zurück.
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Wir beschliessen, den Abend mit einem gemütlichen, chinesischen
Dinner in Boyle zu beenden (Nebenbei: Die Rechnung hier betrug
ungefähr die Hälfte von dem, was wir in vergleichbaren Umfange
zwei Wochen zuvor in London’s Soho bezahlt hatten).
Und so geht
unsere Irlandreise langsam zu Ende. Die Schiffsabgabe zurück im
verhangenen Carrick geht problemlos vonstatten und nach einer
Rückfahrt nach DUBLIN erleben wir auch noch das Zentrum
dieses uns liebgewordenen Landes. Ich habe noch nie so viele
flanierende, junge Menschen in einem Sprachgewirr von Italienisch,
Spanisch, Französisch und Englisch wie an diesem Samstag-Nachmittag
in den Strassen von Dublin erlebt – ein eindrücklicher Beweis
für die Dynamik dieser Insel ?
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Der
Artikel erschien in der L'ancre de Kembs Ausgabe Sept. 2001
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