


Blick
vom
Herzweg
auf
die
Kirche
der
Benediktiner Abtei
in
Tholey
Der Wind tobte, der Vulkan brodelte...
Orgel in der Benediktiner Abtei Tholey |
Tholey (fri). So etwas hat die Tholeyer Abteikirche in den 700 Jahren ihres Bestehens noch nicht erlebt: In ihren alten Mauern gab es sintflutartige Regenfaelle, wuetete ein gefaehrlicher Hurrikan und selbst ein gigantischer Vulkanausbruch machte vor dem herrlichen Gotteshaus nicht Halt. All das erlebten weit ueber 200 Zuhoerer am Donnerstag in der Tholeyer Abteikirche, es wirbelte und zischte ueber ihre Koepfe hinweg, und doch sassen sie im Sicheren, im Trocknen und Windstillen. Denn die lautstarken Naturgewalten tobten nur auf der Orgel, an der der Tholeyer Organist Peter Matthias Scholl mit einem grandiosen Konzert die Internationalen Orgel-Feiertage abschloss. Zunaechst jedoch stimmte er die Zuhoerer mit der kleinen "Sonata per Organo" des italienischen Komponisten Sigismondo auf sein Konzert ein. In frischer Registrierung erklangen durchgaengig
sequenzartig verschobene Laeufe und Motive, die in ihrem taenzerischen Charakter klar zu verfolgen waren.
Einen scharfen Gegensatz dazu bildete das dichte Klanggeflecht in Bachs "Dorischer Toccata und Fuge". In seinem eindrucks- vollen Spiel erwies sich Scholl der meisterlichen Virtuositaet und Polyphonitaet Bachs als vollauf gewachsen. Die anspruchsvolle Musik dieser Komposition erzeugte eine schwere und bedrueckende Atmosphaere. Ein staendiges In- und Durcheinanderlaufen der einzelnen Linien, das doch streng geordnet war, und virtuose Pedallaeufe unterstrichen diese Wirkung. Erst vollgriffige Durakkorde zum Abschluss der Tocccata und der Fuge liessen die Zuhoerer aufatmen.
Virtuositaet nahm zu
Ruhig ging es in Mendelssohns "Sonata VI Vater unser" weiter. Den getragenen Choral stellte Scholl mit Zungenregistern vor, da dieser Klang zu den Blaskapellen passte, die in vielen Gemeinden an diesem Tag die Fronleichnamprozessionen begleiteten. In den vier Variationen nahm die Anzahl der Stimmen und die Virtuositaet der Musik immer mehr zu. Waehrend der Cantus firmus stets in einer anderen Stimme lag, umspielten die anderen Stimmen die Melodie mit Trillern, Tonumspielungen und gebrochenen Akkorden. Sehr reizvoll wirkte die dritte Variation mit ansprechenden rhythmischen Bearbeitungen. Nach dra- matischen Steigerungen mit
chromatischen Fuehrungen verlangte die aeusserst dichte Fuge hoechstes technisches Koennen des Organisten. Wiederum einen deutlichen Gegensatz bot dazu der friedliche und harmonische Andante-Schlusssatz mit einem neuen, versoehnlichen Charakter.
Als Hoehepunkt des Konzerts und der gesamten diesjaehrigen Konzertreihe liess Scholl seine Improvisation "Die vier Elemente" erklingen. "Ich mache lieber selbst sinfonische Musik, statt bestehende Sinfonien fuer die Orgel umzuschreiben", so erklaerte er einleitend seine Vorliebe fuer eigene Kompositionen. Improvisationen ueber musikalische Vorgaben spiele er in jedem Gottesdienst, deshalb hebe er sich fuer Konzerte den Genuss auf, aussermusikalische Themen und Bilder in sinfonische Musik umzusetzen. Mit seinem Werk gelang Scholl so auch eine einmalige, vortreffliche Meisterleistung. In vier Saetzen stellte er die vier Elemente Erde, Wasser, Luft und Feuer vor, von denen die Menschen leben, und die zugleich in ihrer Unberechenbarkeit lebensbedrohlich werden koennen. Zum Schluss jedes Satzes erklang eine Hommage an die Heimat des Organisten, das Schaumberger Land. Aufsteigende, spitze Linien eroeffneten die Landschaftsbeschreibung.
Im Geiste konnten die Zuhoerer so vom Fuss des Berges luftige Hoehen ersteigen, in denen die Luft in Tremoloklaengen flirrte. Tiefe, majestaetische Baesse hoben sich gegen helle und feine Melodien der Wuestenhitze ab. Die huegelige Landschaft um den Schaumberg herum stellte Scholl in munteren, lieblichen Melodien dar. Wunderschoen zart setzte er eine Quelle in helle, sprudelnde Toene um, so dass man das spriessende Wasser foermlich vor sich sah. Das munter dahinplaetschernde Baechlein verstaerkte sich und ging allmaehlich mit fallenden Linien in sintflutartige Regenfaelle ueber. Leicht melancholisch wirkte die ruhige Idylle des Bostalsees in faszinierender Cymbel-Registrierung. Immer wieder waren die Zuhoerer gespannt, was sich Scholl als naechstes einfallen liess, und waren ueberrascht von den gelungenen Imitationen verschiedener Vogelgesaenge.
Fliessender Uebergang
In einem fliessenden Uebergang entwickelte sich ein verheerender Hurrikan, dem die ruhigen Notenwerte mehr und mehr weichen mussten. Die noetige Luft zum Atmen gab Scholl den Zuhoerern in "Atmen in der Abteikirche" wieder. Farben- und stimmungsvoll zeigte sich das Feuer. Froehliche Volks- und Wanderlieder am Lagerfeuer gingen mit gewaltigen Akkorden nahtlos in einen bedrohlichen Vulkanausbruch ueber. Schliesslich lud ein zartes "Gebet bei Kerzenlicht" zum Meditieren ein.
Fuer sein grossartiges Konzert erhielt Scholl tosenden Beifall und stehende Ovationen.
Ein grossartiger Abschluss der Internationalen Orgelfeiertage.
Quelle SZ 14.06.03