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Ougenweide

Durch den Ermel gât daz Loch

Neidhart von Reuental, um 1210
Musik: Olaf Casalich

Text:

„Fröut iuch, junge und alte!
der meie mit gewalte
den winder hât verdrungen,
die bluomen sint entsprungen.
wie schön diu nahtegal
ûf dem rîse ir süeze wîse singet,
wünneclîchen schal!

Walt nu schöne loubet.
mîn muoter niht geloubet,
der joch mit einem seile",
so sprach ein maget geile,
„mir bunde einen fuoz,
mit den kinden zuo der linden
ûf den anger ich doch muoz."

Daz gehörte ir muoter:
„jâ swinge ich dir daz fuoter
mit stecken umbe den rugge,
vil kleine grasemugge.
wâ wilt dû hüpfen hin
ab dem neste? sitze und beste
mir den ermel wider in!"

„Muoter, mit dem stecken
sol man die runzen recken
den alten als eim sumber..
noch hiuwer sît ir tumber,
dan ir von sprunge vart.
ir sît töt vil kleiner nöt,
ist iu der ermel abe gezart."

Uf spranc sî vil snelle.
„der tievel ûz dir belle!
ich wil mich dîn verzîhen;
dû wilt vil übel gedîhen."
"muoter ich lebe iedoch,
swie iu troume; bî dem soume
durch den ermel gât daz loch."

Übersetzung sinngemäß:

„Freut euch, jung und alt,
der Mai hat durch seine Kraft
den Winter verdrängt.
Überall sieht man Blumen blühen.
Wie schön die Nachtigall
ihr süßes Lied singt,
welch herrlicher Klang!

Der Wald wird wieder grün.
Ach, aber meine Mutter erlaubt mir nicht,
mit den anderen Mädchen auf die Dorfwiese zu gehen.
Aber selbst wenn sie mir einen Fuß festbände,
würde ich gehen."
So sprach ein Mädchen fröhlich.


Als das seine Mutter hörte, sagte sie mit Empörung:
„Du wirst das Prügelholz
auf deinem Rücken zu spüren bekommen,
du kleiner Grashüpfer.
Wohin willst du hüpfen?
Setz dich hin und nähe
mir den Ärmel wieder an!"

„Mutter, mit dem Prügel soll man den
Alten wie einer Trommel die Runzeln glätten.
Heute bist du noch törichter als in deiner Jugend.
Du bist versteinert, wenn dir ein abgerissener
Ärmel so wichtig erscheint.



Und als sie aufsprang, um zur
Dorfwiese zu eilen, fluchte ihre Mutter: „Der Teufel
soll in dich fahren! Ich will mit dir nichts mehr zu tun
haben, denn aus dir wird nichts anständiges werden."
„Aber Mutter, ich lebe, während du an der
Wirklichkeit vorbeigehst.
Durch den Ärmel geht das Loch!"

Quelle (Text und Übersetzung): Textbeilage zur LP "Eulenspiegel"