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Owê wie jæmerlîche
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Text von Walther von der Vogelweide

Owê wie jæmerlîche

Owê wie jæmerlîche junge liute tuont,
den ê vil hovelîchen ir gemüete stuont !
die kunnen niuwan sorgen: owê wie tuont si sô ?
swar ich zer werlte kêre, dâ ist nieman vrô:
tanzen, lachen, singen zergât mit sorgen gar:
nie kristenman gesach sô jæmerliche schar.
nû merkent wie den vrouwen ir gebende stât:
die stolzen ritter tragent an dörpellîche wât.
uns sint unsenfte brieve her von Rôme komen,
uns ist erloubet trûren und vreude gar benomen.
daz müet mich inneclîchen (wir lebeten ie vil wol)
daz ich nû für mîn lachen weinen kiesen sol.
die vogele in der wilde betrüebet unser klage:
waz wunders ist ob ich dâ von an vreuden gar verzage ?
owê waz spriche ich tumber man durch mînen böesen zorn ?
swer dirre wünne volget, hât jene dort verlorn.

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Übersetzung:

O weh, wie kläglich

O weh, wie kläglich führen sich die jungen Leute auf,
die einst so heiteren Gemütes waren!
Die können heute nichts anderes als sich grämen. O weh, warum führen sie sich so auf?
Wohin ich mich auf dieser Welt wende, niemand ist heiter.
Tanzen, Lachen, Singen geht vor lauter Sorgen verloren,
nie hat ein Christenmensch so klägliche Zeiten gesehen.
Seht auch an, was die Frauen für einen Kopfputz tragen!
Die edlen Ritter tragen Bauernkittel.
Wir haben ungute Briefe aus Rom bekommen,
wir haben die Erlaubnis zu trauern und das Verbot,uns zu freuen, erhalten.
Es tut mir unsäglich leid (früher lebten wir so gut),
daß ich jetzt mein Lachen gegen Weinen eintauschen muß.
[Selbst] die wilden Vögel betrübt unsere Klage;
ist es da ein Wunder, wenn ich darüber ganz verzweifelt bin?
Was aber rede ich Tor da in meinem schlimmen Zorn?
Wer der [irdischen] Freude anhängt, hat die im Jenseits verloren.

Walthers dreistrophiges Klagelied (Elegie) ist ein Altersblick auf Sitte, Mode und Ideale seiner Jugendzeit, die er nun für zerfallen hält.
Es ist aber auch ein Lied von politischem Auftrag: So wirbt er für die Teilnahme am Kreuzzug Friedrich II. (im Jahre 1228 / 29) den „die unsenfte brieve von rome" in seiner Amtsausübung verhindern sollen (Bannung Friedrichs durch Papst Gregor IX.).
Vergangenheit und Heroengeist werden deutlich durch einen genialen Kunstgriff: Walther bedient sich des Versmaßes des Nibelungenliedes und läßt auf diese weise den Heldengeist der Reckenzeit für seinen aktuellen Auftrag durchklingen.

(Zitat aus der Textbeilage zur LP "Liederbuch")