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Ougenweide
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Text: Neidhart von Reuental (Bayern/Österreich um 1200)
Musik: Olaf Casalich, Wolfgang v. Henko, Back

"Nu ist der küele winter gar zergangen
diu nacht ist kurz, der tac beginnet langen:
sich hebet ein wünneclîchiu zît
diu al der werlde vreude gît,
baz gesungen nie die vogele ê noch sît.

Kómen ist úns ein liehtiu ougenweide:
man siht der rôsen wunder ûf der heide,
die bluomen dringent durch daz gras.
wie schône ein wise getouwet was,
dâ mir mîn geselle zeinem kranze las!

Der walt hât sîner grîse gar vergezzen,
der meie ist ûf ein grüenez zwî gesezzen,
er hât gewunnen loubes vil.
bint dir balde trûtgespil:
dú weist wol daz ich mit einem ritter wil."

Daz gehôrte der mägde muoter tougen.
sî sprach: "behalte hinne vür dîn lougen.
dîn wankelmuot ist offenbâr.
wint ein hüetel um dîn hâr.
dú muost âne die dînen wât, wilt án die schar."

"Muoter mîn, wer gap iu daz ze lêhen
daz ich iuch mîner waete solde vlêhen?
dérn gespunnet ir nie vadem.
lâzet rouwen solhen kradem.
wâ nu slüzzel? sliuz ûf balde mir daz gadem."

Diu wât diu was in einem schrîne versperret.
daz wart bî einem staffel ûf gezerret.
diu alte ir leider nie gesach.
dô daz kint ir kisten brach,
dô gesweic ir zunge, daz sî nicht ensprach.

Dar ûz nam sî daz röckel alsô balde.
daz was gelegen in mager kleinen valde.
ir gürtel was ein rieme smal.
in des hant von Riuwental.
warf diu stolze maget ir gickelvêhen bal.

Übersetzungshilfe:

wünneclîchiu zît = wunderbare Zeit
baz gesungen nie die vogele ê noch sît = noch nie sangen die Vöglein so schön
liehtiu = strahlend, heiter
getouwet = betaut, Morgentau
zeinem Kranze las = Blumenkranz
grîse = graue Farbe
meie = der Mai
grüenez zwî = grüner Zweig
bint dir balde trûtgespil = binde dir schnell den Kopfschmuck um, liebe Gespielin
tougen = heimlich
behalte hinne vür dîn lougen = hinfort mit deinem Leugnen
wint ein hüetel um dîn hâr; dú muost âne die dînen wât, wilt án die schar =
Schlinge dir eine Binde um dein Haar (zum Zeichen, daß das Mädchen seine Ehre verloren hat.)
Wenn du zu der Schar der Tanzenden willst, so musst du ohne deine (Sonntags-)Kleidung gehen.
baz ze lehen = wer gab euch das Recht
daz ich iuch mîner waete = um meine Kleidung
dérn gespunnet ir nie vadem = daran habt ihr nie (auch nur) einen Faden gesponnen
kradem = Lärm
wâ nu slüzzel? = wo ist der Schlüssel?
gadem = Gemach (wo die Kleider aufgehoben sind)
staffel = mit einem Tischbein
diu alte ir leider = etwas, das ihr widerwärtig war
valde = im Mittelalter bewahrte man die Kleider, kunstvoll in Falten gelegt, in Truhen auf
gickelvêhen = buntscheckig

Olaf Casalich: Gesang, Pauke, Conga, Maracas
Renee Kollmorgen: Gesang
Brigitte Blund: Gesang
Wolfgang v. Henko: Gitarre, Oktav-Gitarre
Stefan Wulff: Baß, Harmonium
Frank Wulff: Querflöte, Sopranblockflöte, Bouzouki
Jürgen Isenbart: Xylophon
Ulle: Chor

Quelle: Ougenweide-LP-Hülle

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