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ZELL
AM SEE - PASSAU - WIEN
Pfingsten ´95. Ich habe nur vier Tage
Zeit, für einen Radurlaub doch etwas wenig, aber nach einem langen
Winter juckt es mich schon wieder in den Beinen, und so beschließe
ich, aus der Not eine Tugend zu machen, und meinen Studienort einmal nicht
wie gewohnt mit dem Zug, sondern per Drahtesel anzusteuern. Dabei entscheide
ich mich für die "gemütlichste Variante", folge den Radwegen
entlang den Flüssen Saalch, Salzach, Inn und Donau, diese sind sehr
gut ausgeschildert, sodaß sich eine genaue Wegbeschreibung erübrigt.
Ich breche am ersten Tag etwas verspätet auf, die Nacht ist klar und
für die Jahreszeit relativ kühl gewesen, es liegt noch Reif,
und so verlängere ich das Frühstück bis 9.30 Uhr. Schließlich
kann ich mich doch noch dazu entschließen, die warme Stube zu verlassen,
und mache mich auf den Weg, am Ufer des Zeller Sees entlang und folge dem
Saalachtal nach Norden.
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Herrliche Ausblicke auf das Steinerne
Meer (nördliche Kalkalpen) und die Leoganger Steinberge belohnen mich,
ein Blick zurück läßt noch die Hohen Tauern erkennen. Nach
gut 60 Kilometern erreiche ich den Steinpaß und somit die
Grenze zu Deutschland, der Saalach-Radweg weist hier zwar etwas mehr Steigungen
auf als die Straße (B21), z.T. ist dieser auch nicht im besten Zustand,
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aber schöne Blicke auf das Landschaftschutzgebiet
vor dem Paß. Über das "Deutsche Eck" geht es wieder zurück
ins Salzburger-Land, ich passiere dabei den Saalach-See und Bad Reichenhall.
Nördlich der Stadt Salzburg mündet die Saalach in die Salzach,
der ich nun flußabwärts folge. Vorbei an Oberndorf (bekannte
Stille-Nacht-Kapelle) komme ich ins Innviertel (Oberösterreich), kurzerhand
beschließe ich den Bogen der Salzach durch den Weilhart-Forst
abzuschneiden, eine unerwartete 300-Meter- Steigung wirkt sich dabei nicht
gerade positiv auf meinen Schnitt aus, schmale, verkehrsarme Straßen,
schöne Nadelwälder und einige alte Vierkanthöfe entschädigen
mich jedoch für die paar zusätzlichen Schweißtropfen. Ab
der Mündung der Salzach in den Inn folge ich nun wieder dem Radweg,
der Fluß ist hier sehr breit, liebliche Aulandschaften erfreuen das
Auge. Erst in der Dunkelheit (21.30 Uhr) erreiche ich den Campingplatz
in Braunau, an diesem Abend habe ich 180 km in den Beinen, ich bin froh
das trockene Wetter genützt zu haben, die nächsten Tage sollen
nämlich, laut Wetterbericht, regnerisch und kühler werden.
Der Inn-Radweg führt mich durch Schärding (sehr netter
Stadtkern!) in das obere Innviertel. Hier an der Grenze zu Deutschland
erstreckt sich das Ibmer Moor, welches mit 350 km² Europas
größtes Hochmoorgebiet darstellt. Ich erreiche Passau,
die Altstadt ist wirklich sehenswert, zu gerne würde ich mich vom
abendlichen Ambiente in einem der gemütlichen Beisln überzeugen,
aber der Tag ist noch jung, und so drängt es mich bei leichtem Regen
weiter Richtung Wien. Sehr weit komme ich jedoch nicht, die Grenzkontrolle
kostet mich fast zwei Stunden, die ehrenwerten Beamten finden großes
Interesse an meinem Gepäck, von Schmutzwäsche bis Hirschtalg
(fürs Sitzfleisch das Non-plus-Ultra) wird alles genauestens unter
die Lupe genommen. Schließlich werde ich doch noch gnädig entlassen,
und so folge ich dem oberen Donautal, welches im Süden vom dicht bewaldeten
Granitplateu des Sauwaldes (791 m) begrenzt wird.
Die folgenden ~340 km werde ich am Donauradweg
zurücklegen, jährlich sind hier an die 200.000 Radler unterwegs,
in der Hochsaison kann man daher schon mal im Stau stehen, Unterkünfte
und Gastronomie haben sich natürlich auch darauf eingestellt, der
standesgemäße "Radler" für ATS 70,- ließ mich von
diesem Elekrolytgetränk wieder Abstand nehmen. Außerhalb der
Sommermonate geht es aber doch noch recht beschaulich zu, man kann den
Blick durch die Landschaft schweifen lassen, ohne permanent Angst haben
zu müssen, gleich jemanden über den Haufen zu fahren.
An diesem Tag campiere ich in der Nähe
von Engelhartszell an einem idyllischen Platzerl, nur 10 Meter vom Ufer
entfernt, hübsche Sandbänke und hohe Bäume bilden den Übergang. |
| Am Nordufer der Donau steigt
das Granit- und Gneisplatteau relativ steil an, es dominieren hier Laubwälder,
vom Radweg aus sind nur vereinzelt Häuser zu sehen, eine recht romantische
Gegend, vor allem im Bereich der Schlögener Schlingen. Die
Vögel zwitschern, nur dann und wann unterbrochen vom Motorengeräusch
eines vorbeituckernden Passagierschiffes, das Radlerleben hat mich wieder,
ich genieße es in vollen Zügen. |
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Die Nacht über hat es stark geregnet,
mein Schlaf hat darunter etwas gelitten, heute ist es ziemlich kühl,
und ich brauche einige Kilometer um warm zu werden. Bei Ottensheim setzte
ich mit einer Fähre auf das Nordufer über, und weiter geht's
bis Linz, wo ich ein wenig durch die schöne Altstadt flaniere.
Den nächsten Abstecher mache ich nach Mauthausen, allerdings ohne
Besuch der KZ-Gedenkstätte, anschließend rolle ich in Begleitung
eines Gleichgesinnten aus Bremen durch das flache Machland bis Grein.
Am Abend genehmigen wir uns ein Bier, meine neue Reisebekanntschaft erzählt
mir von seiner geplanten Tour über Ungarn, Slowakei und Polen zurück
in die Heimat. Bei einem weiteren Hüserl wird noch wesentlich mehr
Radler-Latein ausgetauscht ....
Am nächsten Morgen - der letzte Tag meiner Tour - sinkt das Stimmungsbarometer
(und nicht nur dieses) bedeutend, die Wetterprognosen der vergangenen Tage
bewahrheiten sich, es schüttet in Strömen und ist saukalt. So
bekomme ich auf den restlichen 170 km bis Wien von der Landschaft eher
wenig mit, mein Blick ist auf den Vorderreifen gerichtet, die Fernsicht
ist aufgrund des starken Nebels ohnedies gleich Null.
Dabei hat diese Regionen durchaus einiges
zu bieten. Ich passiere den Strudengau, und erreiche Niederösterreich.
Das Donautal wird hier, zwischen dem Zufluß der Ysper und Melk, als
"Nibelungengau" bezeichnet. |
| Das Ypser-Tal ist sehr reizvoll,
es steigt steil ins Waldvier- tel (Weinsberger Wald) an, die Straße
führt durch unbe- rührte Wälder und steigt an der Grenze
zu Oberösterreich bis auf eine Seehöhe von 1000 m. Im Herbst
´98, als ich - gemeinsam mit meinem Radlerkollegen Roman - von Wien
ins nördliche Mühlviertel geradelt bin, haben wir diese Route
gewählt. Das Foto zeigt die Wachau, das Durchbruchstal der
Donau zwischen Böhmischem Massiv und Alpenausläufern (DunkelsteinerWald,
625 m), welches sich von Melk bis |
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| Krems erstreckt. Weinbauterrassen, sanfte
Berge, schroffe Felsen, zahlreiche Burgen, Schlösser und Klöster
prägen die Szenerie - um aber wieder auf meine Regenetappe zurückzukommen
- die landschaftlichen Reizen lassen mich, im wahrsten Sinne des Wortes,
kalt (v.a. Finger u. Zehen), starker Gegenwind, Knieschmerzen und Sitzfleischprobleme
(trotz Hirschtalg), so quäle ich mich durch das Tullner Becken,
nur nicht absteigen heißt das Motto. Versuchen positiv zu denken,
kleiner Trost: Irgendwann erreicht man einen Punkt, an dem man nicht mehr
nässer werden kann .... |
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Nach 8 Stunden erreiche
ich schließlich Wien, und in der warmen Stube sitzend, sieht
die Welt gleich wieder ganz anders aus, rückblickend bin ich froh
mich zu dieser Tour entschlossen zu haben, und natürlich auch insgeheim
ein bißchen stolz - trotz widriger Witterungsverhältnisse -
nicht aufgegeben zu haben.
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