Rad - Reiseberichte Böhmerwald



R e i s e b e s c h r e i b u n g :

1. Tag:
NÜRNBERG - CHEB (über Bayreuth)

186 km, 1.200 hm
(höchster Punkt: 725 m im Fichtelgebirge)

2. Tag:

EGER - ROZVADOV

179 km, 1.841 hm
(höchster Punkt: 726 m
zwischen Karlsbad und Mairenbad)

3. Tag:

ROZVADOV - KVILDA

159 km, 2.548 hm
(höchster Punkt: 1.149 m bei Horska Kvilda)

4. Tag:

KVILDA - GMÜND über SANDL

177 km, 1.678 hm
(2 x über 1.000m - Str.165 und nach Sandl)


B e s c h r e i b u n g    d e r    T a g e s e t a p p e n :


NÜRNBERG - CHEB (über Bayreuth)

Es kann nicht immer alles nur gut gehen - beim Zusammenbau des Rades am Nürnberger Flughafen muss ich feststellen, dass das Hinterrad (trotz Kartonverpackung) einen ziemlichen Schlag hat und ich überhaupt nur mit geöffneter Bremse fahren kann. Und dann gleich noch am nicht asphaltierten Radweg, der vom Flughafen Richtung City führt, einen Durchschlag...

Der Schlauchwechsel ist schnell erledigt, das Problem mit dem Hinterrad besteht weiter und wirft auch bei cooler Betrachtungsweise einen dunklen Schatten auf die Weiterfahrt, irgendwann werde ich auch die Hinterbremse ernsthaft brauchen. Die Radgeschäfte sperren wohl erst in zwei Stunden auf, bis dahin kann ich mit eierndem Hinterrad schon ein Stück des Weges zurücklegen, irgendwo wird sich schon eine Lösung (sprich ein Radladen) finden.

Erstes landschaftliches Highlight soll das Pegnitztal werden - dahin führt die Straße Nr. 14, die nach meinen Infos aus dem Tour-Forum von einem Radweg begleitet werden soll - irgendwie verpasse ich aber die Abzweigung und radle auf einer Straße ohne Radweg (ist mir aber eh lieber) am südlichen Pegnitzufer entlang der Bahnlinie.

Der nette Ort Lauf mit alten Fachwerkshäusern ist so trotz meines Handicaps schnell erreicht, auch ein Radgeschäft ist bald gefunden, aber dort hat der Mechaniker keine Zeit. Er ruft aber für mich im nächsten Radgeschäft in Hersbruck an und kündigt dort mein Kommen an (nettes Service).

Während mein Hinterrad in Hersbruck (nach 34 km beeinträchtigter Fahrt) neu zentriert wird, sitze ich in einer Seitengasse des sehenswerten Hauptplatzes in einer Konditorei beim Frühstück - die Torten sind bedeutend größer und noch dazu preisgünstiger als in Österreich - und ich tüftle an meiner weiteren Route. Pegnitztal ist klar, dann bietet sich z.B. Bayreuth als ein Ziel an...

Beim Abholen des Rades stellt sich heraus, dass der Flugtransport - wenn überhaupt - nur indirekt an meiner Misere mit der verzogenen Felge schuld war - die Hauptschuld trage ich, weil ich mir am Vorabend eingebildet habe, die Speichen seien für eine Fahrt mit Gepäck zu locker und so habe ich sie zu fest angezogen - nach Meinung des Meisters reicht da schon ein ganz leichter Schlag, um die Felge zu verbeulen. Immerhin hat sie keinen Schaden erlitten und konnte dank Meisters Geschick neu zentriert werden.

So - jetzt sind die Anfangsschwierigkeiten hoffentlich überwunden und ich kann jetzt "richtig" losfahren (und auch hinten bremsen), durch das Suchen eines Radgeschäftes habe ich schon einige Zeit verloren und musste auch eine landschaftlich attraktivere Strecke, die mir im Tour-Forum empfohlen wurde, auslassen.

Ein paar Kilometer nach Hersbruck bildet die Ortschaft Hohenstadt den "Eingang" zum Pegnitztal und ab hier beginnt das volle Genussradeln. In vielen Kurven schlängelt sich die Straße entlang des Flusses und der Bahnlinie, beidseitig bewaldete Hügel, in den kleinen Ortschaften stehen alte Fachwerkhäuser. Straßenverkehr ist hier vernachlässigbar, Wind weht auch keiner - Radlerherz begehrt nichts weiter.

Obwohl ich flussaufwärts fahre, kann ich hier - auch weil die Straße so gut ist - auf dem 50er Kettenblatt bleiben, erst nach Neuhaus (mit bemerkenswerten Burg) wird es etwas hügeliger.

In Auerbach (70 km) muss ich gar nicht ins Zentrum, sondern kann gleich auf die Hauptstraße Nr. 85 einbiegen, die ich aber schon im nächsten Ort Michelfeld wieder verlasse, um auf einer direkten Nebenstraße Pegnitz zu erreichen. Eine Baustelle in Weidlwang ist für Autos, nicht aber für Radler ein Hindernis, und auch in Pegnitz muss man nicht ins Zentrum, sondern erspart sich auf einer Nebenstraße entlang der Bahn ein paar Kilometer auf der stärker befahrenen Hauptstraße Nr. 2.

Auf der geht es schließlich gar nicht so übel weiter (das Gros des Verkehrs dürfte die parallel laufende Autobahn schlucken) und so rolle ich schon um die Mittagszeit in Bayreuth ein - einziges (mir bekanntes) Highlight hier ist das Festspielhaus auf einem Hügel am nördlichen Stadtrand und selbiges ist dank der guten Beschilderung auch rasch gefunden - auch ein sehenswertes Bauwerk, das nichts dafür kann, dass ich auf die Wagner-Musik nicht stehe.

Nach Stadtflair und ein paar nervigen Radwegkreuzungen mit Straßen, auf denen das Radeln ausdrücklich verboten ist, taucht bei der Weiterfahrt Richtung Fichtelgebirge noch ein McDonalds auf - in einer größeren Stadt nicht die allerschlechteste Möglichkeit, ein paar Kalorien zu tanken (man kann draußen sitzen, das Rad ist in Sichtweite und man weiß, was man erwarten und nicht erwarten kann...).

Rund um Bayreuth ist noch einiger Verkehr, aber mit jedem Kilometer auf der Straße Richtung Osten nimmt selbiger ab und die Umgebung gewinnt an Attraktivität - sicher auch nett zum Biken hier in den Wäldern ringsum. Und nach Warmensteinach kommt erstmals auch das kleine Kettenblatt zum Einsatz - vor Fichtelberg muss ein richtiger Pass, immerhin 726 Meter hoch, befahren werden. Eine Gewitterwolke im Westen mit schon wahrnehmbarem Donner treibt mich zur Eile, auf den bestasphaltierten Straßen kann man aber so richtig Tempo machen und ein paar Kilometer weiter bin ich schon außer Gefahr nass zu werden - die Wolke zieht Richtung Süden. Nach dem Pegnitztal war das Fichtelgebirge das zweite Highlight des Tages.

Auch aus Gründen der Übernachtungs- und Abendessenskosten radle ich noch nach Tschechien bis Cheb (Eger) - es ist empfehlenswert, gleich nach der Grenze die Hauptstraße zu verlassen und auf der Nebenstraße entlang des Stausees in die Stadt zu fahren - hier gibt es kaum Verkehr, dafür aber ein paar Pensionen und Campingplätze. Das erste Quartier, Pension "Hannibal" (ohne Lector...) ist mir zu teuer (da ich hier den Preis für ein Doppelzimmer zahlen müsste), aber die nächste Pension erweist sich als das ideale Radlerquartier - im Untergeschoss beziehe ich eine ganze kleine Wohnung und eine Pizzeria gibt es auch im Haus - diese wird nach einem kleinen Spaziergang durch die recht nette Innenstadt klarerweise aufgesucht.

EGER - ROZVADOV

An einem Samstag ist es erfahrungsgemäß gar nicht so einfach, in Tschechien zeitig ein Frühstück zu kriegen - die Konditoreien sperren am Wochenende erst gegen Mittag auf. Am Hauptplatz in der Fußgängerzone findet sich dann aber doch ein Hotel-Restaurant, das schon um 8 Uhr geöffnet hat. Auch wenn das Preis/Leistungsverhältnis etwas fragwürdig war, bin ich zumindest kalorienmäßig für ein paar Kilometer gerüstet und erreiche gleich das nur 6 Kilometer entfernte Frantiskovy Vary (Franzensbad) - heute ist die Besichtigung der historischen westböhmischen Bäder angesagt.

In Erwartung einer gewissen postsozialistischen Tristesse werde ich im Zentrum schnell überrascht - die historischen Hotels und das Kurbad inmitten großzügiger Parkanlagen sind alle neu renoviert. Man muss keine Beschwerden haben, um sich hier wohl zu fühlen.

Ich habe aber heute noch einiges vor, also weiter. Auf guter Straße erreiche ich gleich wieder die Grenze zu Deutschland, ab dort wird der Belag noch besser und entspricht schon ziemlich Rennradlers Wunschvorstellung. Die Gegend ist zwar hügelig, dafür spart die neue Umfahrungsstraße die Ortsdurchfahrt vom im Tal gelegenen Bad Brambach und gleich darauf bietet sich eine Abkürzung auf kleiner Straße direkt nach Mark Neukirchen an - auch diese ist perfekt asphaltiert (offenbar wurden die berüchtigten Straßen der DDR nach der Wiedervereinigung einer Generalsanierung unterzogen). Ich bin jetzt mitten im hügeligen und waldreichen Vogtland, bevorzugtes Trainingsrevier von Radrennfahrern, Skilangläufern und Skispringern.

Noch nicht saniert ist die kurze und steile Abfahrt von einem Höhenrücken hinunter nach Mark Neukirchen (34 km), das ein ganz anderes Ortsbild als die bisher gesehenen Siedlungen bietet - die vielen Backsteinhäuser und Ziegelbauten erinnern eher an Norddeutschland oder England, zu Rennradlers Bedauern ist aber auch das historische Straßenpflaster im Originalzustand erhalten.

Nach dem Ort geht es dann 6 km recht kräftig bergauf, allerdings wird die Landstraße neu ausgebaut, sodass man bald auch hier mit perfektem Belag rechnen kann. Die letzten Kilometer bis zur Gopplasgrüner Höhe, doch auch 676 m hoch, lege ich dann im dichten Nadelwald zurück, knapp unter der Nebelgrenze, der tief über den Hügeln hängt und für eine angenehm mystische Stimmung sorgt.

Es folgt eine rasante Abfahrt auf neuem Asphalt über Zwota nach Klingenthal, beide Orte erscheinen zumindest bei der Durchfahrt nicht sonderlich attraktiv - in dieser abgelegenen Ecke Deutschland werden aber Blasmusikinstrumente und Ziehharmonikas hergestellt und sorgen neben dem bescheidenen Fremdenverkehr für wirtschaftliche Impulse.

Direkt im Ort ist die Abzweigung zur Grenze nach Tschechien - lange Autoschlangen vor der Abfertigung lassen für die Weiterfahrt Richtung Süden Schlimmes befürchten. Wie gewohnt radle ich an der Kolonne vorbei und bin zu meiner Überraschung nach der Durchquerung von Kraslice, das nur den üblichen Mix grenznaher tschechischer Städte aus armseligen Nachtclubs und Vietnamesenmärkten bietet, allein auf der Straße - die Autofahrer aus Deutschland fahren alle nur zum Tanken über die Grenze.

Ein Höhenrücken muss noch erklommen werden und dann kann man im Ort Jindrichovice auf der Straße Nr. 222 direkt Richtung Karlsbad fahren. Die ersten paar Meter sind auf ziemlich üblen Asphalt zurückzulegen, aber dann beginnt auf leicht fallender Strecke eine herrliche Fahrt durch Nadelwald und Wiesenflächen, kein Verkehr, die Sonne kommt hier auch schon durch den Nebel, Genuss pur.

Soeben noch im Radlerhimmel kommt schon der Kontrast, wie er stärker nicht sein könnte: zwei Serpentinen und der Nadelwald entlässt mich in eine vom Menschenhand verwüstete Umgebung. Offenbar bin ich hier direkt im Braunkohlenabbaurevier gelandet, dem Geruch nach zu schließen, wird die hier auch gleich in Kraftwerken verheizt.

Ein Gewirr von Rohrleitungen begleitet die Straße, die neben Baggerseen und teils verfallenen, teils noch in Betrieb befindlichen Industriegebäuden wenigstens bergab führt - in ihrer absoluten Hässlichkeit ist die Gegend aber schon wieder sehenswert. Und dann gleich der nächste Kontrast: Chodov und die Vorstädte von Karlsbad passen hervorragend zu der soeben durchradelten Landschaft - dann wird auf einer Brücke der Fluss Ohle überquert und ich bin mitten in der aufwendig restaurierten Altstadt des Kurortes - die Menge an interessanten Gebäuden und die schöne Lage am Berghang sowie natürlich auch der Kurbetrieb ziehen viele Leute an, dementsprechend ist hier was los.


Nach 86 km habe ich mir auch ein Mittagessen verdient, an Auswahl mangelt es hier nicht, natürlich ist alles ein paar Kronen teurer, aber noch im erträglichem Bereich. Spaghetti mit Pilzsauce und Palatschinken genieße ich mit Aussicht auf das einzig hässliche Gebäude im Zentrum, einem hochhausartigem Kurhotel.

Wahrscheinlich ist es illegal, aber ich tue es den anderen Radlern gleich und fahre entlang des Flusses Tepla durch die Fußgängerzone weiter. Im engen Flusstal stehen beiderseits bunt angemalte historische Häuser in allen möglichen Baustilen. Im (modernen) Kurzentrum kann man das Heilwasser gleich trinken, da meine Flasche aber noch voll ist, muss mein Körper noch mit dem ordinären Leitungswasser auskommen.

Weiter vom Zentrum trifft man noch auf viele verfallende oder gerade in Restauration befindlicher Gebäude und dann lockert die Bebauung zusehends auf - rechts und links der Straße ist dichter Wald, nur hier und da eine Sportanlage, ein Campingplatz oder eine Pension. Für Radler ist diese Straße sicher um einiges attraktiver als die Hauptstraße, die man bei einer Talsperre mitten im Wald ein paar Kilometer weiter erreicht. Zumindest heute am Samstag ist jedoch - wieder zu meiner Überraschung - auf der E 49 kaum Verkehr, zudem ist der Straßenbelag hervorragend, einen breiten Seitenstreifen gibt es auch. Und obwohl die Strecke tendenziell bergauf führt, kann ich bis Becov auf der großen Scheibe bleiben und so einiges für meinen Tagesschnitt tun.

Die ersten Kilometer auf der Straße 230 nach Marianske Lazne (Marienbad) werden leider durch eine Baustelle beeinträchtigt, aber dann geht es auf wunderschöner Straße in einem Flusstal mit vielen Kurven wieder flott dahin, das Vergnügen wird nur durch ein paar Autobusse mit Touristen, die offenbar zwischen Karlsbad und Marienbad pendeln, leicht beeinträchtigt. Über den bewaldeten Hügeln haben sich die Wolken leider etwas verdichtet und ein paar Kilometer muss ich wegen eines Wolkenbruchs in Regenjacke und Überschuhen fahren - Unterstellmöglichkeiten gibt es hier keine. Vor Mnichov gilt es einen Hügel zu überwinden und ich treffe hier auf ein Pärchen, das vollkommen ausgepowert ist und noch dazu die Orientierung verloren hat (dafür haben sie zwei Körbe voll mit Pilzen). Meine Landkarte gibt ihnen wieder Hoffnung, doch gleich den Ort und damit wieder ihr Auto zu erreichen.

Bevor die Hauptstraße den Höhenzug verlässt, ist es günstig, gleich beim Golfplatz rechts abzubiegen und so erreicht man Marienbad auf einer Nebenstraße von "oben" in weiten Serpentinen. Hier ist viel weniger los als in Karlsbad, obwohl die historischen Gebäude und der Kurpark nicht weniger attraktiv sind. Und gleich neben der Straße sind Trinkbrunnen, sodass ich die heilende Wirkung des Wassers in meine Trinkflasche füllen kann, mit ein bisschen Isostar schmeckt das Gebräu zwar seltsam, wird aber sicher gesund sein.

Das gastronomische Angebot ist hier bei weitem nicht so dicht wie in Karlsbad, in der Kurzone suche ich nicht engagiert genug und dann in der Vorstadt entlang der Straße findet sich kein geeignetes Lokal für die Jause. So fahre ich noch bis Plana (147 km), wo ein Restaurant mit Garten geöffnet hat. Hier hätte ich gerne einen Capuccino - der Verdacht liegt aber nahe, dass selbiger hier mit Schlagobers serviert wird (eine aus Österreich bekannte Unsitte). Meine Versuche, den Kellner begreiflich zu machen, dass ich gerne aufgeschäumte Milch hätte, scheitern - in einem Trinkglas wird der Kaffee gebracht, oben thront ein Haufen Schlagschaum. Gut, ich mache die Probe auf das Exempel und bestelle noch einen "Wiener Kaffee" - bis auf den Unterschied, dass in letzterem etwas Milch ist, gleiches Resultat und ich sitze enttäuscht vor zwei Gläsern fast identen Inhaltes. Kaffee mit Schlagobers oder Schlagschaum trinke ich nur im absoluten Notfall, also mache ich das beste aus der Situation, bestelle noch eine Portion Vanilleeis und veredle die zwei verunglückten Capuccinos zu Eiskaffee.

Nach meiner Karte ist der nächste größere Ort Tachov, nur 10 km von Plana entfernt, der letzte Außenposten der Zivilisation, bevor es in den nördlichen Böhmerwald geht, trotzdem möchte ich hier noch nicht übernachten, es ist erst mitten am Nachmittag. Zuerst einmal geht es radikal bergauf - her mit dem kleinen Kettenblatt ! - und dann durch fast unbesiedeltes Gebiet bis zur Kreuzung mit der Hauptstraße, die parallel zur Autobahn eine Hauptverbindung nach Deutschland ist. Ein Blick auf die Karte lässt aber annehmen, dass ich bei meiner beabsichtigten Route immer weiter ins touristische Nirvana gerate, also einmal umschauen, was sich hier so bietet. Rechts geht es zur Grenze und nach Rozvadov (da könnte es eine Übernachtungsmöglichkeit geben), ich fahre aber links Richtung Primda und komme schon nach 2 Kilometern zur Autobahnabfahrt Rozvadov. Es gibt zwei Vietnamesenmärkte, ein Restaurant direkt an der Straßenkreuzung, ein McDonalds jenseits der Autobahnbrücke, zwei Nachtclubs und eine Privatpension dahinter - keine Idylle, aber angesichts der Infrastruktur (damit meine ich nicht die Bordelle...) auch nicht der schlechteste Übernachtungsplatz.

Der Besitzer der Pension ist sehr freundlich, leider ist das Zimmer klein und teuer (600 Kronen) - hat aber einen Fernseher, der im Hinblick auf die heute Abend stattfindenden Qualifikationsspiele zur Fußball-Weltmeisterschaft von Bedeutung sein könnte (wegen der Grenznähe ist auch der Empfang der deutschen Sender möglich). Eine positive Überraschung bietet das Restaurant an der Ecke, in dessen Wintergarten ich ein überdurchschnittlich gutes Abendessen zu durchschnittlichem Preis einnehme. Spät am Abend muss ich dann erfahren, dass Österreich die Qualifikation nicht geschafft hat und sehe noch die Tore der Begegnung gegen Polen (2 : 3).

ROZVADOV - KVILDA


Das Organisieren eines Frühstücks an einem Sonntagmorgen in Tschechiens tiefster Provinz ist immer eine logistische Meisterleistung, aber hier gibt es ja den McDonalds auf der anderen Seite der Autobahnbrücke - Frühstück daher gesichert. Während die vietnamesischen Händler wieder ihre Scheußlichkeiten auspacken, rolle ich schon auf der Nebenstraße Richtung Süden, wodurch ich ein gutes Stück abschneiden kann (war ein weiterer Grund, hier zu übernachten).

Bis zu den paar Häusern von Diana ist alles kein Problem, aber hier endet die asphaltierte Straße und geht in einen Schotterweg über (grober Fehler in meiner Karte !), der zwar als Bikeroute ausgewiesen ist, aber dessen Befahrung ist mit den 23er Reifen wahrlich kein Vergnügen ist. Dafür bin ich mit der Natur wieder einmal ganz alleine und doch heilfroh, nach 5 km die Asphaltstraße bei Zelezna (hier hätte es zu meiner Überraschung eine Pension gegeben) pannenfrei zu erreichen. Auch die nächsten Orte Smolov und Rybnik (26 km) bieten Übernachtungsmöglichkeiten - hätte ich das gewusst, wäre ich gestern weiter gefahren.


Stellenweise ist die Asphaltdecke sehr schlecht, auch so manches Schlagloch wartet auf unaufmerksame Radler, aber mangels Verkehr habe ich die gesamte Fahrbahnbreite für meine Manöver zur Verfügung und komme so rasch voran. Wäre so mancher Straßenabschnitt in besserem Zustand, könnte man die Gegend als Rennradrevier vom Feinsten bezeichnen - dichter Wald wechselt mit sumpfigen Wiesen, Ausblicke auf beide Seiten, de facto ist es hier unbesiedelt, daher auch kein Verkehr, kurze Anstiege wechseln mit Abfahrten, einfach ideal.

Kurz nach Nemanice erreicht man dann die bessere Straße Nr. 189, die einen markanten Hügel erklimmt und dann kann man wieder ein Stück abkürzen (kurz nach Beginn der Abfahrt, nach einem Restaurant mit Pension geht es rechts steil bergab, ist unbeschildert) und fährt über Chodov nach Babylon (54 km, ziemlich seltsamer Name für die Gegend), liegt direkt an einer Hauptstraße - durch die Grenznähe wieder der übliche Markt, aber auch eine Auswahl an Restaurants - die Pizzeria gegenüber der Kreuzung bietet sich für das Mittagessen direkt an.

Die Hauptstraße Richtung Grenze und Furth im Wald kann ich - da hier doch deutlich stärkerer Verkehr als gewohnt ist - bald wieder verlassen, die Straße Nr. 190 kostet aber ordentlich Körner - Hügel rauf, Hügel runter, der nächste Hügel... Da sie meist über freie Flächen führt, hat man dafür immer wieder schönen Ausblick nach Süden auf die höchsten Erhebungen des Böhmerwaldes. War es am Morgen noch dunstig, so ist jetzt ein richtig schöner Spätsommertag mit klarer Luft und entsprechender Sicht, ein schwacher Wind kommt aus unterschiedlichen Richtungen - beste Verhältnisse.

Nach dem Ort Nyrsko beginnt dann ein Anstieg zu einem richtigen Pass, der auch von der parallel laufenden Eisenbahn überwunden werden muss. Abschnittsweise zieht die Straße ziemlich steil (über 12 %) nach oben - dafür verläuft sie nach dem Ort Hoisova (Übernachtungsmöglichkeiten !) kilometerlang fast eben, aber mit vielen geländebedingten Kurven durch den Hochwald - sehr angenehm zu fahren. Auf der Passhöhe (987 m) ist der Rummel fast so groß wie auf den Dolomitenpässen - Cafe, Schilifte, großer Parkplatz, Wanderwege - nach so vielen Kilometern im Outback wieder gewöhnungsbedürftig.

Mit Highspeed geht es hinunter nach Zelezna Ruda (107 km) und hinein in die - ausschließlich von Deutschen besuchte - Konditorei, wo ich mit bayrischen Rennradlern die Strecken hier in der Gegend bespreche. Außer der Konditorei (und vielen Übernachtungsmöglichkeiten) hat Zelezna Ruda nicht viel zu bieten, und so finde ich mich schon bald wieder im Sattel um die schon von der letztjährigen Tour bekannte Steigung am Ortsende Richtung Nordosten in Angriff zu nehmen. Nur bleibe ich diesmal auf der Straße Nr. 190 und fahre nicht die bereits bekannte Strecke über Srni.

Allerdings entpuppt sich diese Strecke als die weitaus anstrengendere: nach Hartmanice geht es kräftig bergab bis in ein Tal, den Fluss überquert man auf einer Brücke um dann am anderen Ufer in die Gegenrichtung wieder flussaufwärts zu fahren. Landschaftlich eine schöne Strecke, mehrere Campingplätze am Flussufer, aber nach ein paar Kilometern wird es wieder ernst: die folgende lange Steigung schreit direkt nach dem kleinsten Kettenblatt vorne. Und es geht weiter bergauf, die Schweißproduktion läuft auf Hochtouren. Gute 600 Höhenmeter sind am Stück zu überwinden - dafür erreicht man dann eine wunderschöne Hochebene (auch hier viele Unterkünfte).

Noch eine kurze Abfahrt bis in den Ort Kvilda und ich beschließe, es für heute gut sein zu lassen. Zu meiner Überraschung ist die Quartiersuche gar nicht so einfach und ich lande letztendlich im besten Haus am Platz, der dem gegenüberliegenden Hotel "Sumava" angeschlossenen Pension "Pohoda". Hier ist man sowohl auf Winter- als auch auf Sommersportler bestens eingerichtet - im versperrten Abstellraum hängen ganz professionell Haken zum Einhängen der Räder an der Felge.

KVILDA - GMÜND über SANDL


Leider öffnet das (gute und reichhaltige) Frühstücksbuffet erst um 8 - angesichts des schönen Tages wäre ich um diese Zeit schon gerne am Rad gewesen.

Es geht bis Borova Lada (auf der Strecke und hier weitere Übernachtungsmöglichkeiten) tendenziell bergab und erst kurz vor der Hauptstraße vor Horni Vitavice, baut sich eine kurze Steigung auf. Die hügelige Weiterfahrt bis Volary (33 km) ist mir schon von früheren Touren bekannt, den Höhenzug nördlich Richtung Prachatice befahre ich diesmal in der anderen Richtung, und ab Blanicky Mylin beginnt wieder Terra Incognita: die Straße Nr. 165, die ziemlich am Kamm des Höhenrückens entlang führt - mit entsprechenden Gegensteigungen. Bei Markov verläuft die Landstraße dann entlang eines (auch auf der Karte eingezeichneten) Truppenübungsplatzes, jedenfalls verbieten Warn- und Fahrverbotstafeln ein Betreten und Befahren des Geländes, das sich wie die ganze Gegend auch gut zum Biken eignen würde.

Der höchste Punkt der Strecke liegt auf 1000 Metern, entsprechend flott geht es auf der Abfahrt nach Tisovka und - nach einer kurzen Gegensteigung - über Ktis Richtung Cesky Krumlov dahin. Zwischen Volary und Chvalsiny (hier fällt die weithin sichtbare Kirche auf) gibt es keinerlei touristische Infrastruktur bis auch ein einfaches Gasthaus in Ktis).

Cesky Krumlov kenne ich schon zur Genüge - so wähle ich gleich die Abkürzung über die Hügel nach Vetrni im Moldautal (gar nicht so leicht zu finden: bei der Kreuzung mit der Straße Nr. 39 zuerst nach Kajov, dort links über die Bahngleise wieder ein kurzes Stück zurück und dann immer geradeaus, kein Wegweiser).

Nachdem die obligate Hügelkette erradelt wurde, kommt man am hoch gelegenen westlichen Ortsrand von Vrteni in den Ort - das Flusstal wird zur Gänze von der riesigen Papierfabrik okkupiert, die so gar nicht zu der harmonischen Landschaft ringsum passt.

Die Straße Nr. 160 führt noch einige Zeit neben noch in Betrieb befindlichen oder schon stillgelegten Fabriksteilen entlang und dann folgt sie den vielen Mäandern der Moldau - wochentags ist hier kein Verkehr (erfahrungsgemäß kann dieser an Wochenenden, bedingt durch die vielen Kanuten, die mit Bussen samt Anhängern für die Kanus wieder flussaufwärts gebracht werden, unangenehm sein). Die Straße ist größtenteils neu asphaltiert, sodass ich nach 101 km Rozmberk (mit dem markanten Schloss über der Moldau) schnell erreiche. Mit den letzten Kronen kaufe ich mir im Gasthaus neben der Flussbrücke noch ein Mittagessen und unterstelle dem Kellner mal, das er den nicht konsumierten Apfelstrudel absichtlich auf der Rechnung gesetzt hat, aber mit diesen kleinen Tricks muss man in Touristengebieten rechnen.

So bekomme ich 25 Kronen in Münzen wieder zurück und die erschweren den nächsten Anstieg hinauf nach Rybnik - auch eine schon bekannte Strecke. Sogar Montag mittags warten hier ein paar Prostituierte auf Kundschaft, wenn einem nach ihren Diensten nicht gelüstet - am Stand daneben gibt's Pilze zu kaufen.

Wieder in Österreich geht weiter bergauf, dann nach Leopoldschlag bergab und kurz dem Grenzbach entlang flussaufwärts, dann wird es wieder ernst. Vor und nach Windhaag sind ziemlich giftige Steigungen, die meinen Tagesschnitt kräftig drücken - und noch einmal wird die 1000 Höhenmeter-Marke erreicht. Endlich in Sandl (134 km), geht es noch einmal kurz bergauf, dann ist das Gröbste vorbei - die Bundesstraße Nr. 41 ist zu meiner Überraschung stark von LKW´s befahren. Unter Berücksichtigung des jetzt doch spürbaren Südostwindes und der neu ausgebauten Straße, auf der sich trotz des Verkehrs vorzüglich radeln lässt, entscheide ich mich gegen die Abfahrt Richtung Donau und Westbahn und erreiche über Karlstift, Bad Großpertholz und Weitra nach 177 km den Bahnhof in Gmünd.

Da ich noch einige Zeit bis zur Abfahrt des Zuges habe, radle ich ein letztes Mal über die Grenze um in einer mir schon bekannten Konditorei im tschechischen Ortsteil Ceske Velenice die letzten Kronen gegen Eiskaffee und Süßigkeiten zu tauschen.

Dann bin ich wieder zurück am Bahnhof - hier herrscht das do-it-yourself-Prinzip (der Fahrkartenschalter ist nur ein paar Stunden um die Mittagszeit geöffnet, das Rad lade ich selbst in den Gepäckwagen - auf der Franz-Josef-Bahn wird mit dem ältesten Wagenmaterial gefahren, wie mir ein Waldviertler Oftbahnfahrer versichtert), nur die Lok muss ich nicht selbst bedienen, weil kurz vor der Abfahrt Lokführer und Schaffner doch noch auftauchen.