Rad - Reiseberichte Marokko


R e i s e b e s c h r e i b u n g :

1. Tag:
MALAGA-Flughafen - MALAGA Hotel
16 km

2. Tag:

MALAGA - ALGATOCIN

131 km, 2.600 hm

3. Tag:

ALGATOCIN - TETOUAN

120 km, 920 hm

4. Tag:

TETOUAN - CHEFCHAOUENE

103 km, 1.900 hm

5. Tag:

CHEFCHAOUENE

6. Tag:

CHEFCHAOUEN - OUZZANE

70 km, 480 hm

7. Tag:

OUZZANE - MEKNES

127 km, 1580 hm

8. Tag:

MEKNES - RABAT

140 km, 750 hm

9. Tag:

RABAT - SOUK-EL-ARBA-DU-RHARB

115 km, 160 hm
(ein paar Brückenauffahrten)

10. Tag:

SOUK-EL-ARBA-DU-RHARB - ASILAH

116 km, 603 hm
(höchster Punkt der Pass nach Larache - 300 hm)

11. Tag:

ASILAH - TANGER über CAP SPARTEL

60 km, 517 hm
(höchster Punkt Höhenpunkt nach dem Cap - 200 hm)

12. Tag

TANGER - CHICLANA DE LA FRONTIERA

88 km, 415 hm
(höchster Punkt 92 hm)

13. Tag CHICLANA DE LA FRONTIERA - JEREZ Flughafen über CADIZ 82 km, 230 hm

B e s c h r e i b u n g    d e r    T a g e s e t a p p e n :


MALAGA Flughafen - MALAGA-Hotel:

Besorgt sehe ich von den Panoramafenstern des Flughafens in Mallorca den Pappkarton mit meinem Rad auf einem Gepäckwagen im Regen stehen - so ladet ihn doch bitte endlich in das andere Flugzeug, mit dem der Flug nach Malaga fortgesetzt wird. Aber auch das klappt, am Flughafen Malaga rollt mein Karton zwar leicht feucht, aber mit unbeschädigtem Inhalt über das Förderband (Großgepäckschalter gibt es nicht).

Nach der schon routinemäßigen Tätigkeit des Radzusammenbaus werfe ich mich gleich ins Verkehrsgewühl des Molochs Malaga - die Zubringer-Schnellstraße zum Flughafen mündet gleich in eine weitere mehrspurige "Autovia", die ich zur Einstimmung gleich einmal fast komplett queren muss, weil sie sich teilt. Die spanischen Autofahrer nehmen das aber erstaunlich gelassen und rücksichtsvoll hin und nach ein paar Kilometern über einen breiten Boulevard erreiche ich das Zentrum. Ich würde gern noch ein paar Runden durch die Altstadt drehen, aber die langsam einbrechende Dunkelheit treibt mich doch weiter. Das vorreservierte Hotel "Student Residence Jacinto Benevante" liegt auf der Avenida Jacinto Benevante, die sich zwar als Ausfallsstraße Richtung Westen entpuppt, aber über zwei Nebenfahrbahnen verfügt, auf denen sich sicher und schnell radeln lässt (falls jemand das über www.bookings.de zu buchende einfache, aber ruhig gelegene und preisgünstige Hotel - 18 Euro- sucht - einfach den Hinweisen zum Stadion folgen und dann die Hauptstraße am Flussufer immer weiter stadtauswärts).

Da das Hotel am Stadtrand liegt, ist die Auswahl an Lokalen zum Abendessen nicht allzu groß, aber eine geöffnete Bar, die Sandwiches anbietet, findet sich doch - gegenüber ist noch eine Konditorei, wo ich mich gleich mit Süßigkeiten auch zum Frühstück eindecke.

MALAGA - ALGATOCIN

Also geschwitzt habe ich in der Nacht nicht - dafür verspricht der wolkenlose Himmel am Morgen einen schönen Tag. Das Selbstbedienungs-Frühstück in der Cafeteria wird durch die gestern gekauften Kuchen ergänzt und dann geht es los, zuerst einmal zurück in Richtung Zentrum. Nach meinem Plan müsste es beim Stadion eine Verbindungsstraße geben, die mich Richtung Süden am westlichen Stadtrand von Malaga entlang führt. Diese finde ich auch problemlos, allerdings taucht sie nach ein paar Kilometern in eine Unterführung ab und ich entscheide mich angesichts des erwartet starken Verkehrs, lieber oberirdisch weiterzufahren.

In der nächsten Zeit bin ich mit Fragen von Passanten bzw. Polizisten, die aber alle keine Fremdsprache sprechen, mit Abbiegen nach Rechts und Links, Zurückfahren aus Einkaufszentren, am Krankenhaus vorbei, da war ich doch schon, da ist wieder eine Autobahnauffahrt, dort endlich ein Wegweiser - wieder nur zur Autobahn etc. beschäftigt.

Ich habe zwar Malaga, nicht aber das dichtbebaute Gebiet verlassen. Irgendwann lande ich dann endlich auf einer kleineren Ausfallsstraße, die durch Industriegebiet Richtung Coin führt. Nach ein paar Kilometern ist die Bebauung endgültig zu Ende und meine Straße kreuzt die Schnellstraße Richtung Pizarra. Auf letzterer zu Radeln ist zwar nicht das absolute Highlight, aber durch den breiten Seitenstreifen erträglich.

Mit der Ausfahrt nach Coin wird endgültig der Großraum Malaga verlassen und das ländliche Spanien ist erreicht - und ab Coin (38 km) macht das Radeln so richtig Spaß. Eine perfekt ausgebaute Landstraße führt in einem Tal ganz langsam steigend in die Berge - erst kurz vor Yunquera wird die Steigung kräftiger.

Vor dem Ort beginnt leider eine kilometerlange Baustelle - in Kürze wird man aber auch hier sehr gut fahren können. Da es weiter bergauf geht, sind die paar Schotterpassagen nicht so schlimm - es geht über einen kleinen Pass (820 Meter hoch) und in El Burgo nach 74 km wird einmal Mittagsrast bei einem kleinen Supermarkt gemacht.

Die Ortschaften werden immer weniger und eine nette Berglandschaft beginnt, auf den höchsten Gipfeln liegt noch Schnee. Weitere Anstiege wechseln mit kurzen Abfahrten und Flachpassagen, die Umgebung wird zunehmend felsiger. Wetter gut, Verkehr auch nicht schlimm, kaum Wind - und über den 1190 Meter hohen Puerto del Viento geht es in rasanter Abfahrt nach Ronda hinein. Ich radle gleich durch die Fußgängerzone zum Hauptplatz und überquere die berühmte Brücke über die Schlucht, die beide Stadteile trennt.


Nach Ronda geht es weiter in felsig-kahler Gegend bergauf, kräftiges Höhenmetersammeln ist angesagt. Nach dem kleinen Örtchen Algatocin ladet ein Hinweisschild in ein Hotel neben der Straße ein - die verlangten 35 Euro fürs nette Zimmer sind angemessen, das Hauptargument, hier zu bleiben, ist aber der mobile kleine Heizkörper, der mir ins Zimmer gestellt wird.

Vor dem in Spanien ja sehr spät angebotenen Abendessen bummle ich noch durch die einsamen Gassen des Ortes mit den weißen Häusern, für die Andalusien berühmt ist. Ganz Algatocin liegt wie auf einem Balkon mit weitem Blick auf die Berge der Serrania de Ronda, am Ortsrand weist eine Übersichtstafel auf viele Wander- und MTB-Wege hin. Und ich treffe noch einen Kollegen aus Berlin, der sich gerade auf die Suche nach einem unauffälligen Übernachtungsplatz macht -offenbar hat er den erst weit außerhalb des Ortes gefunden, denn zu dem vage ausgemachten abendlichen Bier in meine Hotel ist er nicht erschienen. Ich habe mich jedenfalls mit einer riesigen Portion Schwertfisch getröstet.

ALGATOCIN - TETOUAN


Zum Frühstück gibt es zum Kaffee ein leckeres warmes Brötchen - mehr als ich zu hoffen gewagt habe. Die umliegenden Sierras werden von der Morgensonne beschienen - scheint wieder ein schöner Tag zu werden.

Gleich in der nächsten Ortschaft in nur 5 km Entfernung (Gaucin, ein netter Ort) möchte ich noch eine Bankomat-Abhebung tätigen - da dieser aber erst von den Bankangestellten mit Bargeld gefüllt werden muss, vergönne ich mir einen zweiten Frühstückskaffee in der Bar gegenüber. Große Schinken hängen über dem Tresen, der Inhaber schenkt aber schon jetzt am Morgen ausschließlich Alkohol aus - mein Milchkaffee ist hier das absolute Minderheitenprogramm.

Noch ein paar schöne Ausblicke in die rechter- und linkerhand gelegenen Berge, dann geht es bald in weiten Kehren bergab Richtung Küste - da kann ich so richtig Tempo machen. Die von Autos wenig befahrene Landstraße führt durch viele Orangenplantagen und wird von vielen einheimischen Rennradlern, fast alle in dicker Winterausrüstung, genutzt.

Und bald ist San Roque und die Küstenebene und damit die der Küste entlangführende Autovia erreicht, auf der erwartungsgemäß starker Verkehr herrscht. Ein Rennradler, den ich kurz zuvor überholt habe, verneint auf meine Frage nach Alternativen Richtung Algeciras - also wieder auf den Seitenstreifen. Bei den (zahlreichen) Ausfahrten wird dieser unterbrochen - und die Linksabzweigung Richtung Fährhafen ist natürlich auch eine Mutprobe - aber die spanischen Autofahrer sind da wieder recht rücksichtsvoll. Als letzte Prüfung vor der Fähre ist noch ein kurviger Tunnel, der sich aber doch als nur kurz und durchgehend beleuchtet herausstellt, zu bewältigen - dann noch ein Polizeiposten und ich bin schon im riesigen Hafengelände, an dessen Südende der Fährterminal liegt. Alles ist perfekt beschildert und organisiert - dort die Einfahrt zur Fähre Richtung Tanger, dort Melilla, da Ceuta. Tickets gibt es für alle Linien in einem zentralen Gebäude - die nächste Fähre nach Ceuta geht in 5 Minuten (Euroferry, Ticket kostet 23,50, Rad kostet nichts).

Ich habe mir Algeciras ganz anders vorgestellt - irgendwie so als schmuddelige Hafenstadt - aber wenn man den direkten Weg zu den Fähren nimmt, berührt man die Stadt gar nicht. Das ganze Hafengelände ist sichtlich für riesige Kapazitäten konzipiert, jetzt Ende Februar ist kaum was los - mit einem Zwischenspurt erreiche ich noch die Fähre. Das Rad bleibt im Laderaum stehen (scheint dort sicher zu sein, während der Überfahrt darf dieser nicht betreten werden) - ich nehme halt trotzdem Tacho und Lenkertasche ab.

Vorbei an vielen Containerschiffen geht es in einem weiten Bogen aus der Bucht (der Felsen von Gibraltar ist immer in Sichtweite) und schon bald ist die Küste Afrikas sichtbar. Auf der Fähre gibt es ein sündteures Buffet, ein paar Spielautomaten und einen Duty-free-shop - auf den Freidecks ist es trotz des schönen Wetters doch recht kühl.

Als der Erste rolle ich aus dem Fährschiff auf afrikanischem Boden und bringe die Kunst zustande, mich in Ceuta kräftig zu verfahren (da hab ich offenbar einen Wegweiser übersehen). Der ganze Stadtteil scheint aus Polizei- und Militärkasernen zu bestehen - ich radle ziemlich steil den Berg hoch, zwar schöner Ausblick, aber es dämmert mir doch bald, dass ich hier falsch sein muss. Wie zur Bestätigung noch das vertraute "plong" am Hinterrad - eine Speiche ist auf der Zahnkranzseite gerissen. Gut, um die werde ich mich später kümmern, zuerst auf den richtigen Weg nach Marokko.

Ich durchquere den hügeligen Stadtrand von Ceuta - hier verschwimmen zusehends die Grenzen zwischen Europa und Afrika - nur ein Radgeschäft gibt es in diesem Ort laut Aussage eines Polizisten nicht. Das mit der Speiche werde ich also auf spanischem Gebiet nicht mehr erledigen können.

Und dann komme ich doch zur Grenze - die hätte auch gut vor 1989 als Bestandteil des Eisernen Vorhanges durchgehen können. Während ich genau im Niemandsland zwischen den spanischen und marokkanischen Zöllnern fahre, springt jemand von der (hohen) Mauer und rennt Richtung Spanien - hinter ihm eine Horde marokkanischer Zöllner, die ihn auch prompt erwischen.

Meine Einreise nach Marokko gestaltet sich vollkommen unproblematisch - einen weißen Zettel ausfüllen, Pass herzeigen, ein paar Schalter weiter 100 Euro gewechselt, das war es. Keine Schlepper, kein Anstellen, nichts. Am letzten Kontrollpunkt wünscht mir der Zöllner noch "bon voyage" - die ganze Prozedur hat nicht länger als 10 Minuten gedauert.

Nach der Grenze ist zuerst einmal ein riesiger Parkplatz voll mit blauen Mercedes-Taxis - viele Fahrer bieten mir ihre Dienste an. Und dann geht es kurz auf ganz schlechter Straße sehr STEIL bergauf - offenbar wird hier noch an der Straße gebaut. Nach der Einmündung der breiten Asphaltstraße, die von Tanger kommt, rolle ich gleich in die erste größere marokkanische Ortschaft F`nideq - schon bei den ersten Häusern ist ein Fahrradmechaniker etabliert, dem ich mein Problem zeige.

Nicht nur er ist daran interessiert - mehrere Passanten und Kinder finden das auch und der kleine Laden füllt sich rasch.

Der gute Mann hat zwar Speichen, aber nicht in der benötigten Länge - also wird ein Kind beauftragt, irgendwo die Richtige zu besorgen. Einstweilen bemüht sich mein Freund redlich, die Kassette von der Nabe zu bekommen - Kettenpeitsche und auch Zentrierständer sind ihm nicht bekannt. Voller Stolz zeigt er mir mehrere Zahnkranzabzieher - der für Shimano ist nicht dabei - aber den führe ich ja (aus Erfahrung meiner Türkei-Reise) mit.

Bald kommt das Kind mit einer Negativ-Meldung zurück - ein französischsprechender Marokkaner erklärt mir, ich könne hier warten, der Mechaniker fährt mit dem Taxi nach Tetouan, um dort die Speiche zu besorgen. Gut, das ist nicht nötig, das ist ja sowieso meine Richtung. Ich gebe meinem Mechaniker in Ermangelung von marokkanischem Kleingeld einen Euro für seine redlichen Bemühungen und fahre auf der hervorragend ausgebauten Straße weiter, wenn auch mit eierndem Hinterrad. Trotzdem hole ich zwei spanische Rennradler ein, die auf feinstem Material (Specialized-Rahmen, Mavic-Laufräder etc.) in der gleichen Richtung unterwegs sind und gemeinsam machen wir so richtig Tempo. Mit 30-40 km/h (ist auch leichter Rückenwind) geht es zügig Richtung Tetuan und in Mdiq (ihrem Umkehrort) laden sie mich noch auf einen Milchkaffee ein.

Die letzten paar Kilometer bis Tetouan sind schnell abgeradelt - schauen wir mal, was kommt, die Stadt hat ja nicht den besten Ruf. Und erwartungsgemäß dauert es nicht lange, bis sich jemand auf einem Motorrad zu mir gesellt und mit dem üblichen woher-wohin ein Gespräch beginnt - kein Zweifel, mein erster Kontakt zu den "Guides". Gut, wenn du schon da bist, dann führ mich wenigstens in eine Radwerkstatt, das ist im Moment meine größte Sorge. Also er auf dem Motorrad voran, ich hinterher.

Die technische Ausrüstung dieser Werkstatt entspricht in etwa derjenigen der ersten - mit dem Unterschied, das ganz hinten fast regungslos ein Alter mit Mantel und Kappe regungslos auf einem Stuhl sitzt - man könnte glauben, er sei schon gestorben.

Der Mechaniker kann eine Speiche auftreiben und verlangt für seine Arbeit 60 Dirhams - ein lächerlicher Touristenpreis, aber ich bin einfach zu faul eine andere Werkstatt zu suchen, dunkel wird es auch schon. Als Zentrierständer fungiert eine ausgebaute Gabel eines anderen Rades - aber mein Freund arbeitet gar nicht so schlecht und das Laufrad ist wirklich perfekt zentriert (den Abzieher muss trotzdem ich beistellen, den hat er auch nicht).

Guide Nr. 1 hat an mir mit dem Hinbringen zur Radwerkstatt offenbar genug verdient und übergibt an Guide Nr. 2, der sich Abdullah nennt und mir eine wirklich nette Pension zeigen möchte. Abdullah scheint zwar noch nicht 30 zu sein, hat aber kaum mehr Zähne im Mund und möchte jetzt also an mir auch noch was verdienen. Soll sein, aber dafür musst du auch was tun. Die erste Pension lehne ich mit der Begründung ab, ich möchte zumindest Wasser im Zimmer haben, und er soll mich zum (in meinem Reiseführer empfohlenen) Hotel "Cosmopolitan" führen. Das tut er auch und der Übernachtungspreis von 70 Dirham ist ok. - also bleibe ich hier.

Mein Zimmer hat einen kleinen Balkon zur Straße und ein Waschbecken - mehr kann man um diesen Preis nicht verlangen. Das Warmwasser tröpfelt zwar nur schläfrig aus der Dusche - diese dauert halt dafür umso länger. Abdullah wartet einstweilen geduldig beim Rezeptionspult. Letztere ist rund um die Uhr besetzt, weil der Rezeptionist gleich daneben in einer Kammer auch schläft - so ist das Hotel absolut sicher.

Tetouans Altstadt interessiert mich (und ohne Guide findet man sich zumindest im Dunkeln wirklich kaum zurecht), aber es ist mir klar, dass Freund Abdullah noch nicht ernsthaft an mir verdient hat. Immerhin bin ich schon "besetzt", brauche also Anmache durch andere Guides nicht zu fürchten.

Es geht also mal rechts, mal links durch die verwinkelten Gassen der Medina, jetzt am Abend haben alle Läden geöffnet, es herrscht ein ziemliches Gedränge. Im ersten Teppichgeschäft (only looking...) bin ich schnell draußen, im zweiten mache ich Freund Abdullah entgültig klar: noch ein Teppichgeschäft und ich kündige den Vertrag !!! Der Teppichhändler, an und für sich gar nicht unsympathisch, versucht zwar noch, mit der Story über die Waisenkinder im Riffgebirge, die seine Teppiche herstellen, irgendwie mit der Mitleidsmasche ins Geschäft zu kommen, sieht aber doch ein, dass er seine Energien besser für kaufwilligere Kunden aufsparen sollte - so scheiden wir als Freunde.

Schau an, Abdullah hat begriffen - auch über seinen Tarif (5 Euro) sind wir uns einig geworden - es folgt tatsächlich kein Schleppversuch mehr und wir wandern noch eine Stunde durch die Medina - vorbei an den wichtigsten Sehenswürdigkeiten, die ich aber nur von Außen und im Dunkeln betrachten kann. Und fürs Abendessen gilt folgende Regel: da ich sowieso kein Lokal in Tetouan kenne - soll er mich in eines führen, aber: ist es zu teuer oder schmeckt mir das Essen nicht, gehe ich alleine woanders hin und er fällt um sein Hauptgericht (auf das ich ihn einladen würde) um.

Ist es Zufall oder gibt sich Abdullah tatsächlich Mühe - das Lokal ist preiswert und das Essen ganz annehmbar, das von meiner Seite schon ziemlich gespannte Verhältnis zu meinem Guide (vor allem in den Teppichgeschäften) lockert sich wieder und wir unterhalten uns sogar ganz angenehm. Ob er jetzt seine drei behaupteten Kinder tatsächlich hat, was soll es...

Bevor du das Honorar kriegst, musst du mich aber noch zu einem Lebensmittelgeschäft führen, da ich noch Wasser und was zum Frühstück brauche - Abdullah tut und versorgt mich noch mit ein paar Tipps für die Weiterreise. So habe ich Abdullah und seinen drei Kinderchen für einige Tage das Überleben gesichert und kenne mich in Tetouan mittlerweile ganz gut aus - das nächste Mal kann ich auf die Dienste eines Guide verzichten.

TETOUAN - CHEFCHAOUENE über OUED LAOU

Warm war es nicht gerade im Zimmer - aber unter den dicken Decken habe ich doch gut geschlafen und beginne mein Tagwerk mit einem guten Frühstück in einer Konditorei um die Ecke - leckere Mehlspeisen werden die notwendigen Kalorien für die Fahrt in die Rif-Berge liefern.

Weil ich eine Abzweigung verpasse, drehe ich noch eine Ehrenrunde durch die besseren Viertel von Tetouan - aus den festungsgleich ausgebauten Privatgrundstücken mit Villa drinnen werden gerade die Kinder mit dem Auto zur Schule gebracht - der Kontrast zu den Lebensbedingungen in der Medina könnte kaum größer sein...

Um weitere Orientierungsflops zu vermeiden, frage ich bei der nächsten großen Kreuzung den dort postierten Verkehrspolizisten nach dem Weg - in gutem Französisch (jedenfalls kann er es besser als ich) erklärt er mir selbigen und wünscht noch eine gute Reise. Ein paar Industriebetriebe und Wohnhäuser säumen die Straße - mit jedem Kilometer wird der Verkehr weniger und bald ist die Küste erreicht. Genussradeln ist angesagt - schönes Wetter, schöne Ausblicke - fortwährend geht es eine Klippe hinauf, dann wieder in eine Bucht mit ein paar Häusern hinunter und dann wieder hinauf bis zum Cap Mazari, wo ich mich einmal meiner Gore-Jacke entledige, weil es mittlerweile angenehm warm geworden ist. Zwei Motorcross-Fahrer jagen ihre Maschinen mit aufheulendem Motor einen Forstweg hinauf - ich höre nur das Klappern meiner Packtaschen auf der mit vielen Schlaglöchern gespickten Asphaltstraße. Irgendwann wird auch dieser schöne Küstenabschnitt ausgebaut und von Ferienanlagen verschandelt sein...

 

Nachdem ich so viele Buchten ausgefahren habe, wird der große Strand von Oued-Laou erreicht - der Ort scheint im Sommer ein beliebter Badeort zu sein, jetzt sind die meisten Geschäfte und Gaststätten zu meinem Leidweisen (weil ich schon Hunger bekomme) noch geschlossen. Nach der Abzweigung der Straße 8304 in Richtung Chefchaouene nach 53 km wird die schlechte Asphaltstraße zur schlechten Schotterstraße und führt durch ein weiteres Ortszentrum (offenbar noch zu Oued-Laou gehörig). Dort ist gerade Markt und entsprechend viel los - Sammeltaxis und LKWs wirbeln gehörig Staub auf. Leider ist das Essensangebot nicht überwältigend, sodass ich letztendlich in einem Milchgeschäft zwei Fruchtjoghurts und zwei verpackte picksüße Mehlspeisen kaufe. Auch die Trinkflaschen werden mit dem Inhalt der überall erhältlichen 1,5 l Mineralwasser-Flasche (5 Dirhams) neu aufgefüllt.


So gerüstet verlasse ich endgültig die Küstenebene und es geht in die Berge.
Nach den letzten Häusern noch eine große Brücke über das ausgetrocknete Flussbett und dann bin ich absolut alleine - sieht man von ein paar Hirten am Straßenrand ab. Die Straße zieht mit durchschnittlicher Steigung einen Hang hinauf - am Gegenhang sind ein paar kleine Dörfer zu erkennen.

Nach ein paar Kilometern Bergfahrt geht es steil hinunter zum Fluss und ich verliere fast alle Höhenmeter wieder - und leider auch die Luft aus dem Vorderrad, also neuen Schlauch einziehen.

Im nächsten kleinen Dorf ist gleich neben der Straße eine Quelle, ein paar Berberfrauen haben heute Waschtag und ich nutze die Gelegenheit, mir wieder die Hände zu säubern. Die Straße führt jetzt einem canyonartigen Flussdurchbruch entlang und ist durch Steinschlag stark in Mitleidenschaft gezogen. Aber die Gegend ist ausgesprochen schön!

In der Nähe eines Kraftwerkes wird das Flusstal wieder verlassen und erneut geht es bergauf. In einem (auf meiner Karte gar nicht eingezeichneten Dorf) trinke ich noch einen Kaffee und - mangels Alternativen - ein Cola - zu Essen gibt es leider nichts...

Bald verflacht die Straße und in weiten Schleifen wird nur mehr sanft ansteigend eine Hochebene durchquert - ein paar Kinder versuchen, eine Art Straßensperre (Hello! Stylo, Dirham) zu bilden, aber gehen rechtzeitig zur Seite. Tut mir leid, ich sehe ein, dass ihr hier in den Bergen nicht im Überfluss lebt, aber ich kann eure Probleme auch nicht lösen...

Kurz vor der Einmündung zur Hauptstraße wird ein jetzt schon fast ausgetrockneter Stausee (der offenbar das Kraftwerk im Flusstal speisen soll) umfahren und die restlichen paar Kilometer bis zur Abzweigung hinauf nach Chefchaouene sind rasch zurückgelegt. 5 km Bergfahrt beginnen. Im Ort kann ich dankenswerterweise in einem Zimmer im Obergeschoss eines Mailpartners aus dem Marokko-Forum übernachten, seine Frau wäscht mir sogar die benutzte Radwäsche. Und am Abend ist noch eine Stadtführung mit deren Bruder angesagt - ein wirklich nettes Städtchen. Rasieren und Haareschneiden (zusammen 15 Dirhams!) kann man hier auch um 22 Uhr abends. Komisch nur, dass der am Meer neu geeichte Höhenmesser meines Radtachos 200 Höhenmeter zu viel anzeigt ... warum sollte ich am nächsten Tag erfahren.

CHEFCHAOUENE

Momentan geht nichts - in der Nacht hat starker Regen eingesetzt, wahre Sturzbäche gießen über die Straße und ich verschiebe meine Abfahrt einmal bis Mittag, muss aber bald zur Kenntnis nehmen, dass weder die wolkenverhangenen Berge noch die Internet-Recherchen Anlass zur Hoffnung auf Wetterbesserung geben.

Während meines Stadtbummels reißt die Wolkendecke zwar ganz kurz auf und ich will schon umkehren um aufzubrechen - aber der nächste Schauer treibt mich gleich wieder in ein schützendes Cafe.
Bleibt nur die Hoffnung auf besseres Wetter morgen und ich nehme das Angebot, noch eine weitere Nacht das Zimmer benutzen zu können, gerne an.

CHEFCHAOUENE - OUZZANE

Die Straßen sind zwar noch nass, aber zumindest regnet es nicht mehr. Also Sachen gepackt und mit Überschuhen und der kurze Regenhose, die ich über die lange Radhose überziehe, ausgerüstet. Nach der Verabschiedung von meinen Gastgebern kaufe ich im Zentrum noch schnell zwei Mehlspeisen, möchte bei einer Reifenwerkstatt noch schnell meinen Schlauch flicken lassen (an dem sich mysteriöserweise im Wasserbad kein Loch zeigt, keine Ahnung, warum der auf der Fahrt hierher plötzlich Luft verloren hat) und fahre angesichts der nassen Fahrbahn recht vorsichtig wieder zur Hauptstraße hinab. Nur 500 Meter weiter ist gleich die nächste Kreuzung samt den obligaten Polizeiposten - die Strecke nach Ketama (einem der Haschisch-Hauptanbaugebiete) zweigt ab.

Ich bliebe aber auf der Hauptstraße und fahre weiter südwärts - noch vor der ersten kleineren Ortschaft setzt wieder heftiger Regen ein. Für "normalen" Regen bin ich ja ausgerüstet, aber das ist so eine gewitterartige Flut, da hilft nichts. Fast schon völlig durchnässt muss ich bei der Tankstelle Pause machen - und warten. Einmal diskret zumindest die Oberbekleidung umziehen - einen Kaffee und einen Tee hab ich auch schon getrunken - es schüttet weiter. Ein älterer Marokkaner setzt sich zu mir und wir reden über dies und das - ich würde gerne weiterfahren, aber es hat keinen Sinn. Die wenigen Fahrzeuge ziehen ganze Wasserfontänen nach - ich wäre nach ein paar hundert Metern erneut nass. Weniger aus Hunger denn aus Fadesse esse ich ein paar kleine Lammkoteletts, die am Stand nebenan angeboten werden.

Erst nach zwei langen Stunden hört der Regen auf - die Straße ist natürlich vollkommen nass und auch verdreckt, weil die Seitenwege in den Ortschaften nicht asphaltiert sind und der ganze Schmutz auf die Fahrbahn geschwemmt wird. Kurzzeitig ist es trotzdem ganz angenehm zu fahren, die Landstraße führt durch ein kleines Flusstal, windet sich mal rechts und dann wieder nach links - Sorgen macht mir nur die nächste Regenfront, die sich unweit im Westen aufbaut.

Als sie loslegt, steht sie dem ersten Guss in Intensität um nichts nach - die inzwischen getrockneten Überschuhe und die restliche Kleidung sind gleich wieder nass, zudem setzt auch ein kühler Wind ein. So hat das Weiterfahren keinen Sinn. Ich kämpfe mich noch bis nach Ouazzane und folge dort gleich dem ersten Schild zum Hotel "Bouhal", wo ich noch am frühen Nachmittag ein Zimmer beziehe und sogleich in der Dusche verschwinde. Für meine nassen Radsachen gibt es nur wenig Hoffnung: Heizung gibt es hier keine und bei der Temperatur werden sie im Zimmer wohl nicht trocknen.

Mit Ersatzsocken schlüpfe ich in die nassen Radschuhe - mit meinen als Zweitpaar mitgeführten Sandalen werde ich hier im Regen nicht weit kommen. Vom Hotelbesitzer leihe ich mir zuerst einmal einen Schirm - so gerüstet erreiche ich im weiter anhaltenden Regen zumindest einmal das nächste Cafe. Zum Essen gibt's hier leider nichts. Dafür lässt die Regenintensität kurzzeitig etwas nach und ich kann zwischen den Pfützen vorbei ins nächste Imbiss-Lokal springen - dort werden so Döner-ähnliche Sandwiches verkauft. Der Einfachkeit halber bestelle ich die gleiche Speise wie sie am Nachbartisch verzehrt wird - ein Weißbrot wird mit Salat und mit gemeinsam mit Zwiebel gerösteten Innereien gefüllt- wie ich zumindest zu identifizieren glaube. Nun gut. Der Regen hat weiter nachgelassen und ich kann noch eine Runde durch die Stadt drehen - am Eingang zur Medina bieten ein paar Männer, nur mit einer Schreibmaschine vor sich, unter dem Regenschirm ihre Dienste an - vielleicht so etwas wie Auftragsschreiber für Behördeneingaben, wer weiß?

In einer Regenpause mache ich mich auf die Suche nach der Moschee del la Zawia mit ihrem achteckigen Minarett. Kurz bevor ich sie erreicht habe, sprechen mich ein paar Jugendliche an und wollen mich hinführen. Guides? Mein anfängliches Misstrauen löst sich schnell auf - diese Leute hier wollen an mir nichts verdienen und freuen sich sichtlich, Kontakt mit einem Touristen zu haben.

Nachdem ich den Turm (in die Moschee darf man als "Ungläubiger" in Marokko ja nicht) gebührend von außen bewundert habe, führen sie mich auf den Hauptplatz zum Schneckenessen. In einem großen Topf brodeln kleine weiße Schneckenhäuser samt ihrem Inhalt in einer Art Suppe - mit einem Schopflöffel bekomme ich eine Portion in eine Porzellansschale, als Schneckenbesteck dient eine Sicherheitsnadel. Leider hat es mittlerweile wieder zu schütten begonnen, sodass ich noch schnell die Suppe austrinke und dann vorschlage, auf einen Tee in das nächste Cafe zu flüchten. Jeglicher Versuch, meinen Imbiss zu bezahlen, wird entrüstet zurückgewiesen.

Ich hätte die Leute ja gerne auf einen Tee eingeladen, aber sie bestehen darauf, dass ich in eine Wohnung mitkomme und dort Tee trinke. Währenddessen werden eifrig die Handy-Nummern getauscht und in einer abwechselnd auf französisch und englisch geführten Unterhaltung erfahre ich einiges über die Lebensumstände meiner Gastgeber. Obwohl alle sichtlich nicht arm im klassischen Sinn sind (Handy, Markenjean und -pullover sind obligatorisch) und eine gute Ausbildung (drei Sprachen) genießen, bedrückt sie doch die absolute Perspektivlosigkeit nach Ende des Studiums - ihre Jobchancen sind angeblich gleich null - und dass sie in Europa schon längst nicht mehr willkommen sind, ist ihnen auch bewusst.

Im örtlichen Internet-Cafe zeige ich ihnen noch ein paar Bilder von Wien und von der Schule und der Klasse meiner Kinder, die aufgenommenen Digitalfotos werde ich an ihre hotmail-Adresse schicken. Insbesondere in Kleinstädten ist das Internet-Cafe auch deshalb so beliebt, weil man hier mit der Web-cam unbeobachtet von den Eltern und der Nachbarschaft in Ruhe flirten kann...

Sollte ich einen weiteren Tag in Ouzanne verbringen, planen sie schon ein Besichtigungsprogramm für mich - ich hoffe aber weiterhin auf besseres Wetter...

OUZZANE - MEKNES

Tief hängen die Wolken über dem Ort - der obere Ortsteil ist im Nebel - aber es regnet immerhin nicht mehr, wenngleich auch die Straßen wieder vollkommen nass sind. Natürlich ist in dem ungeheizten Zimmer das am Vortag gebrauchte Radgewand nicht trocken geworden - ich muss also die nächste Garnitur ins Gefecht werfen. Schnell noch ein Frühstück im Cafe, ein SMS an meine Freunde von gestern, dass ich doch abfahre und dann die Gunst der Stunde genutzt. Meinen ursprünglichen Plan, die Straße P 26 durch die Berge nach Fes zu nehmen, verwerfe ich aber, da nicht sicher ist, dass die Strecke durchgehend asphaltiert ist und nach den Regenfällen der letzten Tage ist auch nur ein kurzes Stück Piste eigentlich unmöglich zu fahren.

Die Neopren-Überschuhe leisten gute Dienste, denn auch wenn es jetzt nicht regnet, die Straße ist noch längst nicht aufgetrocknet. Es geht auch recht flott voran, die Hügellandschaft ist auch ganz ansehnlich, wenn auch nicht mehr so spektakulär wie im Rif-Gebirge.

Einen kurzen Regenschauer muss ich noch überstehen, dann lockert die Bewölkung zunehmend auf und es wird von Kilometer zu Kilometer windiger. Tendenziell kommt der Wind aus Süd bis Südwest, also genau aus meiner Fahrtrichtung. Da sich die Straße aber in vielen Kurven durch die Hügel schlängelt, wird zwar mein Schnitt gedrückt, aber es ist noch erträglich.

Kurz vor Jorf-El-Melha (43 km) gehen ein paar Mädchen von der Schule heim, ich bitte sie, mich zu fotografieren. Zuerst lehnen sie ab (weil sie denken, ich will sie fotografieren, aber dann haben sie sichtlich Spaß an der Sache, stellen sich mit Namen vor und jede darf mal ein Digi-Foto schießen und gleich betrachten).

Der Ort ist etwas größer - der Wind und ein bisschen Sonnenschein haben meine Kleidung getrocknet, sodass ich hier gleich einen Imbiss einzunehmen gedenke.

Es geht hier zwar sehr geschäftig zu, aber die Auswahl an Restaurants ist nicht sehr groß. Diesmal gibt es halt kleine Fische, die in Panier gehüllt neben der Pfanne auf hungrige Radfahrer warten. Nicht besonders kalorienreich, aber mit einem Kuchen zum Dessert geht es schon. Zum Trinken gibt es wie so oft frischgepressten Orangensaft, der meistens sogar billiger (!) als irgendein Softdrink ist.

Wieder am Rad hält mich der am Ortsende postierte und sichtlich unterbeschäftigte Verkehrspolizist auf und fragt mich auf Französisch, woher ich komme. Zuerst glaubt er aus Australien, dann sage ich das Zauberwort "Nemsa" und er versteht. "Ah, Nemsa, ADOLF HITLER!" assoziiert er mit breitem Grinsen. Hm, es gibt doch auch andere berühmte Österreicher - wie wäre es mit Mozart, Kreisky, Sigmund Freund, von mir aus auch Hans Krankl - aber ausgerechnet Hitler? Ich verweise darauf, dass er schließlich in Deutschland an die Macht gekommen ist und fahre weiter.

Gleich danach eine weitere Polizeistreife, die gut versteckt auf Schnellfahrer lauert, mich grüßen sie nur freundlich. Und dann wird das breite Flussbett des Oued Ouerrha überquert, der trotz des vielen Regens nur wenig Wasser führt. Nach der Brücke geht es schnurgerade leicht bergauf - genau gegen den Wind, der sich hier mangels natürlichen Windschutzes so richtig entfalten kann.

Kurz schwenkt die Straße nach Osten, um einen weiteren Fluss zu queren und dann wird es richtig gemein: die Polizisten einer weiteren Verkehrskontrolle bei der Abzweigung der Straße Nr. 4050 nach Fes schauen mitleidig, wie ich in der Unterlenkerposition verdammt langsam eine kilometerlange leicht ansteigende Gerade hochtrete - aber da muss man durch.

Bäume gibt es hier nur sehr selten und die vielen Viehweiden erinnern an die Hügellandschaft im Weinviertel (nur hab ich dort noch nie so einen Gegenwind erlebt). Da ich so langsam bin, habe ich genug Zeit, die Ortschaft auf dem im Osten befindlichen Höhenzug zu betrachten - da dürfte die Hauptstraße von Fes kommend durchführen, die ich hoffentlich bald einmal erreichen werde.

Viel von der Höhe, die ich gegen den Wind mühsam gewonnen habe, verliere ich auf der Straße P 3 wieder, aber entgegen den Angaben auf meiner Karte treffe ich plötzlich auf einen Wegweiser nach Mulay-Idris - eine ganz schmale Asphaltpiste führt direkt zu einem höher gelegenen Dorf.

So kann ich ein gutes Stück abkürzen - angesichts der kräftigen Steigung ist der Gegenwind auch egal. Nachdem ich das abseits der Straße gelegene Dorf passiert habe, verflacht diese und führt oberhalb eines Flusstales weiter Richtung Süden. Ein Junge auf seinem Mountainbike würde sich sichtlich gerne mit mir duellieren, aber ich muss mir meine Kräfte sparen. In einem Dorfladen kaufe ich noch Mineralwasser und ein paar Schnitten und dann geht es - in dem Flusstal jetzt etwas windgeschützt durch viele Olivenhaine - weiter bis ein kleiner Pass erreicht ist - eine kurze Abfahrt und ich befinde mich schon oberhalb des Ortes Mulay-Idris, das auf mehreren Hügeln liegt. Immerhin schon 98 km bei nicht einfachen Bedingungen zurückgelegt, ich sollte eine Essenspause einlegen.

Dazu kommt es aber deshalb nicht, weil mich schon bei der Ortseinfahrt ein netter älterer Herr anspricht, der sich erbötig macht, mir für 60 Dirhams den Ort zu zeigen. Gut, Kultur ist bisher sowieso etwas zu kurz gekommen und der Typ macht wirklich einen positiven Eindruck vor allem auch deshalb, weil er mir versichert, mich in keinen Shop schleppen zu wollen. Eine sichere Radaufbewahrung ist bei der daneben liegenden Feuerwehrwache gewährleistet, ich ziehe mir nur trockene Oberbekleidung an und los geht es.

Mein Guide ist seine 60 Dirhams wert - er redet wie ein Wasserfall und stopft mich mit Fakten über den Islam, den Ort, die Landwirtschaft der Umgebung, die Zusammensetzung der Bevölkerung etc. voll. Und er führt mich zu einem guten Aussichtspunkt, von dem aus man die Grabmoschee des Mulay Idris in ihrer ganzen Ausdehnung sehen kann. Bemerkenswert sind auch die kunstvoll geschnitzten Holztüren der Häuser in der Medina und ein zylindrisches Minarett einer anderen Moschee. Mulay Idris ist so eine Art Mariazell für Moslems - also ein bedeutender Wallfahrtsort, den auch der jeweils neu gekrönte König als einer seiner ersten Amtshandlungen aufsuchen muss. Ich erfahre auch, dass es in dem ganzen Ort kein einziges Hotel gibt - die Pilger übernachten entweder bei Privatpersonen oder direkt im Gelände der Grabmoschee.

Nach soviel Infos über den Islam komplettiert noch eine kurze Ansicht der römischen Ruinen von Volubilis, nur ein paar Kilometer weiter im Tal gelegen, mein Besichtigungsprogramm. Ich trage mich mit dem Gedanken, hier zu übernachten und mir die Ausgrabung noch näher anzuschauen (ist immerhin die größte im Marokko), aber das oberhalb der Straße gelegene "Hotel Volubilis Inn" wird gerade umgebaut und ist deshalb geschlossen. Gut, jetzt also auf nach Meknes - es wird nämlich schon langsam dämmrig und die von Westen heranziehende Schauerwolke macht mir auch Sorgen.

Aus einem Bauernhof entblöden sich drei mittelgroße Hunde nicht, mir laut kläffend nachzulaufen - geben aber auf, noch bevor ich mein akustisches Hundeabwehrgerät aus der Trikottasche genommen habe. Ich muss jetzt einfach einen Zahn zulegen, hätte ich mehr Zeit, hätte ich es an auch gerne ausprobiert.

Mulay-Idirs ist noch in Sichtweite, als es plötzlich heftig zu schütten beginnt, gemeinerweise scheint ein paar Kilometer südlich die Abendsonne. Sogar ein Donner aus Richtung des Hügels östlich von mir ist zu hören, scheint so, als ob sich die Wolke ausgerechnet hier an der Hügelflanke abregnen möchte. Regen würde ja noch gehen, aber dieser fällt in einer Intensität, dass man glaubt, unter der Dusche zu stehen und so bin sowohl ich als auch die Straße in kürzester Zeit nass. Der Spuk ist zwar nach ein paar Kilometern schon wieder vorbei, aber die folgende kurvige Abfahrt Richtung Meknes muss ich wegen der feuchten Straße trotzdem sehr vorsichtig angehen. Die Stadt liegt auf einem kleinen Hochplateau und ist schon von weitem sichtbar, die letzten paar Kilometer, die ich schon in völliger Dunkelheit (günstigerweise hat die Hauptstraße aber einen Seitenstreifen) zurücklege, geht es wieder bergauf - zusätzlicher Ansporn zur baldigen Dusche ist auch ein Rennen mit einem rittlings auf einem Esel sitzenden Reiter, das ich knapp für mich entscheide.

Hotel Ibis Moussafir ist im Führer empfohlen und auch auf Hinweistafeln angeschrieben. Vollkommen nass habe ich nicht die Absicht, jetzt in der Dunkelheit nach preisgünstigeren Alternativen Ausschau zu halten. Der Rezeptionist ist sichtlich überrascht - mit dieser Gestalt hat er heute nicht mehr gerechnet. Das Rad steht im Heizungskeller und ich in Windeseile unter der Dusche, der Hotelboy hat für das Tragen der verschmutzten Packtaschen auch 5 Dirhams bekommen - so sind alle zufrieden. Die aircondition läuft auf Hochtouren auf wärmster Stufe und alle durchnässten Sachen (auch die vom Vortag) werden auf die reichlich vorhandenen Kleiderbügeln gezogen. Durch den Umstand, dass eine zur Zierde angebrachte Holzleiste in der Nähe der aircondition vorbeiführt, kann ich den Trocknungsvorgang noch beschleunigen, die Kleiderbügel werden dort einfach eingehängt - sogar die Schuhe kann ich mit heißer Luft bestrahlen lassen.

Geduscht und in trockenem Gewand erwachen auch wieder die Lebensgeister und der Hunger meldet sich. Das Hotel liegt strategisch günstig an einem großen Platz in der Nähe der Altstadt, nur ist mein Aktionsradius mit den Sandalen angesichts des Wetters (es regnet schon wieder leicht) begrenzt, sodass ich zwischen dem Hotelrestaurant und dem gleich daneben liegenden McDonalds wähle. Das Preisniveau bei letzterem ist aber durchaus europäisch, sodass ich mich für das 120 Dirham-Menü im Hotel entscheide (immerhin ist ein großer Salatteller vom Buffet inkludiert).

MEKNES - RABAT

Eine herrliche Nacht - dank der aircondition bin ich so richtig aufgewärmt, das Gewand ist trocken (wenngleich es auch nicht sehr gut riecht) - draußen scheint die Sonne, obwohl die Straßen vom nächtlichen Regen noch feucht sind. Für den für marokkanische Verhältnisse horrenden Übernachtungspreis werde ich auch allerdings noch das Frühstücksbuffet (es sollte das einzige auf dieser Reise bleiben) halb leer fressen - gesagt, getan.


Da das Hotel zentral gelegen ist, ist es auch nicht weit bis zum berühmtesten Tor Marokkos, das Bab El Mansour - auf der Ostseite eines großen Platzes gelegen, durch das jahrzehntelange Abgasbombardement hat es einiges seiner früheren Farbenpracht eingebüsst. Die Ausfahrt aus Meknes Richtung Rabat ist gut beschildert - obwohl parallel eine Autobahn führt, muss ich mich an mehr Verkehr als bisher gewöhnen. Es gibt aber auf dieser Straße P 1 fast durchgehend einen breiten Seitenstreifen, sodass ich dem Schwerverkehr nicht wirklich in die Quere komme.


Endlich ist einmal schönes Wetter und auch der Wind kommt zwar von vorne, ist aber lang nicht so kräftig wie am Vortag. Zuerst wird nur unspektakuläres, aber hügeliges Ackerland durchquert, sehr schön ist das Flusstal des Oued Beth, das die Hochebene durchbricht - bei der rasanten Abfahrt hat man die Strecke, die es gleich wieder hochzuradeln gilt, richtig gut im Blick.

Nachher gibt es zwar noch ein paar nette Blicke gegen die Berge im Süden, aber die landschaftlichen Besonderheiten treten zunehmend in den Hintergrund - viele Verkaufsstände neben der Straße bieten in Plastikkanister gefüllte Flüssigkeit an, ich nehme an - Öl (Wein so direkt ab Straße wird in einem moslemischen Land wohl nicht gehen).

Im Khemiset (57 km) gibt es Suppe und Hauptgericht, in Tiflet, 25 Kilometer weiter, Kaffee und Dessert. Das im Vergleich zu den Vortagen herrliche Wetter, der nicht so starke Gegenwind und das Fehlen von landschaftlichen Attraktivitäten treiben mich so richtig voran, bis bei Sidi-Allal-el-Babraui die Straße unvermittelt auf die Autobahn führt - ich habe meiner Landkarte, der ich nie so wirklich vertraut habe, einfach nicht geglaubt - aber diesmal liegt sie richtig. Weder rechts noch links der Autobahn ist irgendeine Alternative auszumachen, obwohl vereinzelt ein paar Häuser stehen. Wenigstens gibt es einen fahrbahnbreiten Pannenstreifen und viel Verkehr ist auch nicht.

Schon nach ein paar hundert Metern treffe ich auf zwei Motorradpolizisten, die hier die Geschwindigkeit messen. Nach meinen bisherigen Erfahrungen mit der marokkanischen Polizei werde ich wohl kaum bestraft werden, aber sie könnten mich von der Autobahn weisen und was dann?

Ich rolle also langsam auf die Beamten zu - der eine nimmt Haltung an (als sei ich sein vorgesetzter General), salutiert und entschuldigt sich dafür, dass es keinen angenehmeren Weg für mich Richtung Rabat gibt, ich soll immer auf dem Seitenstreifen bleiben, vorsichtig sein und außerdem wünscht er mir bon voyage. Gut, als vorschriftsgewohnter Mitteleuropäer muss man halt zur Kenntnis nehmen, dass in Afrika alles ein bisschen lockerer gesehen wird - so kommen mir auf meinem Seitenstreifen Eselgespanne und Radfahrer auch entgegen...

Die Autobahn quert ein größeres Waldgebiet (das in diesem Teil Marokkos doch eher selten ist) - die Bäume stehen aber weit auseinander, eher wie in einem Park, der Marmora-Wald ist aber als Naherholungsgebiet (laut meinem Reiseführer) sehr beliebt.

Ich quere Autobahnabzweigungen und -zubringer und viele Kreisverkehre, passiere die Abzweigung zum Flughafen und radle kilometerlang an einer Mauer vorbei. Im Abstand von 100 Metern stehen kleine Wachhäuschen, davor ein blau-, ein rot- und ein grüngekleideter Soldat, besonders erstere wirken, als ob sie gerade einer Operette entsprungen sind. Vielleicht ist der Königspalast dahinter?

Die Städte Rabat und Sale werden nur durch einen Fluss, der in den Atlantik mündet getrennt - also fahre ich Richtung Rabat zuerst über eine große Brücke und frage dann bei der nächsten Kreuzung nach dem Weg zu meinem Hotel (das ich vorher schon im Reiseführer ausgesucht habe). Der Polizist, der mir ausführlich den Weg erklärt, hätte eigentlich die Aufgabe, die Ampel händisch zu regeln - es ist ihm aber ein besonderes Anliegen, dass ich den Weg auch wirklich finde, der Querverkehr muss halt warten. Gerade dass er mich nicht noch abprüft, ob ich auch alles behalten habe...

Dank seiner Beschreibung und des unkomplizierten Aufbaues der Stadt bin ich auch sofort auf dem richtigen Kurs und lerne wieder eine andere Facette Marokkos kennen - das europäisch wirkende Regierungsviertel mit breiten Avenues, großen Gebäuden und viel Polizei (wahrscheinlich auch deshalb, weil sich in einer Querstraße soeben ein Demonstrationszug formiert) - unverschleierte Frauen im Business-Kostüm steigen in ihren Sportwagen, überall Anzugsträger, kaum Djerballas...

Im Hotel Majestic, strategisch überaus günstig gelegen (gleich gegenüber der Altstadt, Pasticceria und Internetcafe fast im selben Haus) gibt es sogar Schallschutzfenster, von meinem Zimmer im 4. Stock habe ich einen schönen Blick über die Hauptstadt.

Während meines Abendspazierganges in der Medina (vollkommen unbelästigt von irgendwelchen Verkäufern oder Guides) muss ich aber feststellen, dass sich der Himmel wieder überzieht und über die morgige Wetterprognose im Internet schweigen wir lieber...

RABAT - SOUK-EL-ARBA-DU-RHARB

Die gute Nachricht: es regnet momentan nicht - die schlechte: es hat bis in die Früh geregnet, die Straßen stehen wie gewohnt unter Wasser. Also wird nach dem Frühstück in der Pasticceria wieder einmal in der Regenausrüstung losgefahren und schon nach der Brücke vor Sale beginnt es wieder kräftig zu schütten, natürlich ist gleich wieder der übliche Schmutz auf der Fahrbahn.


Vorbei an unzähligen Keramik- und Töpferständen neben der Straße, die bei diesem Wetter wohl vergebens auf Kundschaft warten, geht es durch recht dicht besiedeltes Gebiet der Küste entlang, das Meer ist jedoch nicht zu sehen, da sind noch ein paar Felder, kleine Wälder und Dünen dazwischen. Der Wind hat wieder einmal gedreht und kommt diesmal von Norden - also mir entgegen. Durch die Bebauung und die Waldstücke gibt es aber genug natürlichen Windschutz, sodass ich ganz gut vorankomme.

Nach 35 km gibt es in Kenitra noch ein 2. Frühstück, aber dann wird es mühsam. Es hat zwar zu regnen aufgehört, aber der Wind nimmt immer mehr zu und nach dem Ort gibt es auch keinen Windschutz mehr - es geht vollkommen eben dahin, rechts Felder, links Felder, nur hier und da ein kurzer Windschatten durch einen überholenden LKW. Ich hänge tief am Unterlenker und nehme den Kampf auf - so geht es recht ungemütlich bis Allal-Tazi (80 km), wo ich Kalorien nachtanken möchte. Der Ort besteht hauptsächlich aus einer Kreuzung, einer Tankstelle, ein paar Läden und Werkstätten.

Ich finde am Ortsende aber doch ein Restaurant - halbe Schafe hängen hier draußen und der Gast kann sich sein Fleischstück, dass exklusiv für ihn zubereitet wird, aussuchen (bezahlt wird nach Gewicht) - für einen Fast-Vegetarier wie mich gar kein so leichtes Unterfangen. Ich trete die Verantwortung für die Fleischauswahl einfach an den Koch ab - es gibt Lammkoteletts mit Reis, dazu den üblichen frischgepressten Orangensaft.

Jetzt wird der Kampf gegen den Wind wieder aufgenommen, die Küstenebene ist schon fast durchquert, am Horizont tauchen schon wieder Hügel auf, die eine abwechslungsreichere Landschaft versprechen. Gerade erst so richtig getrocknet, erwischt mich der nächste Regenguss genau bei den ersten Häusern von Souk-el-Arba du-Rharb, zuerst glaube ich, den Regen bei einem Kaffee überstehen zu können, muss aber bald einsehen, dass es so schnell nicht mehr aufhören wird. Eine Weiterfahrt durch die Riesenpfützen hat wohl keinen Sinn - also eine Übernachtungsmöglichkeit wird gesucht.

Es bieten sich zwei Alternativen: links liegt ein Hotel, das in eine verfallene Geisterstadt im Wilden Westen passen würde, rechts ein recht moderner Zweckbau, das Hotel "Gharb". Die Entscheidung ist schnell gefallen - beim näheren Betrachten ist es jedoch nur die Wahl zwischen Not und Elend. Das Hotel dürfte irgendwann in den Siebzigerjahren errichtet worden sein und befindet sich im absoluten Originalzustand. Im Schaukasten neben der Rezeption sind durch das völlig verstaubte Glas noch ein paar Silberwaren und Dolche zu erkennen, im ersten Zimmer gibt es zwar Bad und WC, der Warmwasserhahn ist aber nur mit Klebeband angeklebt und lässt sich nicht mehr betätigen, auch der Klodeckel wurde längst abmontiert, das Restaurant im 1. Stock ist leergeräumt und der Rest verfällt. Ein Blick auf den strömenden Regen draußen und mir ist klar, dass ich mich mir der Situation arrangieren muss.

Ich warte noch, bis die Putzfrau im Zimmer nebenan ausgebetet hat und dann verlange ich eine funktionierende warme Dusche. Meine Putzfrau richtet also ein anderes Zimmer her, grinst mich mit ihrem einzigen Zahn freundlich an und bittet um ein Trinkgeld ("für Kaffee"). Gut, viel wirst du hier nicht verdienen - kriegst halt 5 Dirham, aber bringst mir noch eine zusätzliche Decke und überziehst sie auch noch mit möglichst frischer Bettwäsche. Nach dem Abgang der Putzfrau bringe ich die Dusche - das Warmwasser tröpfelt eher als das es rinnt - so schnell es geht hinter mich und brause dann auch gleich noch mein völlig verschmutztes Rad in der Badewanne ab - hygienische Bendenken sind hier fehl am Platz.

Bleibt noch das Problem mit meinem nassen Gewand - glücklicherweise ist 100 Meter weiter eine Wäscherei und ich gebe eine Wäsche in Auftrag, nicht ohne vorher darauf hingewiesen zu haben, nicht wärmer als 30 Grad zu waschen und die Sachen nicht zu bügeln.

Der Inhaber prüft jeden nassen stinkenden Socken einzeln - von dem Einsatz der Radhose ist er überhaupt begeistert - und sagt zu, bis morgen 9 Uhr alles fertig zu haben, kostet 40 Dirhams (natürlich ein Touristenpreis, war es mir aber wert).

Im Souk findet sich schnell ein Friseur, der mir für lächerliche 3 Dirhams sorgfältig den Bart rasiert. Bei meiner Frage nach einem Internet-Cafe lerne ich gleich wieder einen ganz gut Deutsch sprechenden Marokkaner kennen, mit dem ich den Abend verbringe. Obwohl er 25 ist, hat er noch immer Angst davor, von seinem Vater beim Alkoholtrinken erwischt zu werden - wir ziehen uns ins hinterste Eck eines (florierenden!) Gasthauses zurück und trinken jeder zwei Flaschen marokkanisches Bier - schmeckt nicht schlecht. Leider die übliche Geschichte: er ist fertig studierter Jurist, spricht drei Sprachen perfekt und Deutsch ganz gut, ist aber ohne Chance auf einen Job, so hilft er halt im Baustoffhandel seines Vaters aus, der aber auch nicht viel Geld abwirft.

SOUK-EL-ARBA-DU-RHARB - ASILAH

Das mit der Wäsche klappt gut, zum Frühstücken findet sich auch etwas - besonders eilig habe ich es nicht, weil ich darauf hoffe, dass die Straße, nachdem es die ganze Nacht durchgeregnet hat, endlich auftrocknet.

Und just, als ich mein Rad von dem kleinen Zimmerbalkon (mit Aussicht auf die mit Müll übersäten Hinterhöfe) hole, fängt der Regen erneut an. Ein Blick auf den Himmel macht mir klar, dass ich nicht auf schnelle Wetterbesserung hoffen kann.

Also los - natürlich bin ich schon nach einem Kilometer komplett nass - die dunkelgrauen Regenwolken vom Atlantik haben offenbar genug Gelegenheit gehabt, Feuchtigkeit aufzunehmen. Die wenigen Autos auf der Straße machen aber rücksichtsvollerweise beim Überholen einen weiten Bogen, die Wasserfontänen meines Vorderrades sorgen aber auch so für genug Straßendreck auf Rad und Kleidung.

Die ehemalige Grenze zwischen dem französisch und dem spanisch besetzten Teil Marokkos passiere ich dann während einer Regenpause, rund um das verfallene Grenzgebäude haben sich viele Stände mit Töpferwaren etabliert.

Bis Ksar-al-Kebir (38 km) bin ich zwar wieder halbwegs trocken - nicht jedoch die Straße und so beschließe ich, bei einem Imbiss deren Auftrocknen abzuwarten. Ziemlich viel los hier - und ich finde tatsächlich ein Restaurant, das einmal etwas anderes, nämlich Grillhühner, anbietet. Eigentlich esse ich nicht sehr gerne Huhn, auf dieser Reise ist es aber eine willkommene Abwechslung, einen Vorspeisenteller bekomme ich auch noch ohne Bestellung dazu - die Rechnung fällt erfreulich moderat aus. Falls es jemanden hierher verschlägt: das Lokal befindet sich schräg gegenüber der Abzweigung der Straße nach Chefchanouene (die über die Eisenbahnbrücke führt) und ist wirklich empfehlenswert.

So gesättigt durchquere ich den Rest des Ortes und radle wieder zurück auf die Umfahrungsstraße - es geht jetzt durch ein größeres Waldgebiet weiter. Am Straßenrand werden Erdbeeren verkauft und ich hätte auch tatsächlich welche erstanden, wenn es nicht schon wieder zu regnen begonnen hätte und mir die Lust auf Erdbeeren dadurch wieder vergangen ist...

Außerdem fahre ich wieder voll gegen den starken Wind (was mir erst wieder so richtig auffällt, als ich landwirtschaftliches Gebiet ohne Wald erreiche), diesmal vertreibt er die Regenwolken leider nicht so schnell. Auf der breiten Einfahrtsstraße nach Larache (73 km) fahre ich schon fast in der Fahrbahnmitte, weil die rechte Spur trotz Asphalt einer Schlammwüste gleicht.

Im strömenden Regen fahre ich so bis zur Uferpromenade, der stürmische Wind peitscht ziemlich hohe Wellen an die Küste. Eigentlich wollte ich mir die Stadt ein bisschen ansehen, aber bei diesem Wetter vergeht mir die Lust dazu.

Bei einer Tankstelle wird erst einmal das Rad mit dem Hochdruckreiniger gesäubert und die Kette frisch geölt, dann geht es weiter. Die Besichtigung der römischen Ruinen von Lixus wird auch gestrichen, trotz des miesen Wetters läuft mir aber tatsächlich ein Hund laut kläffend ein Stück nach - aber auch er verzieht sich, noch bevor ich mein akustischen Warngerät aus der Trikottasche gefummelt habe.

Die folgenden Kilometer geht es zuerst bergauf-bergab durch eine nette, teilweise bewaldete Hügellandschaft, sodass ich zumindest zeitweise etwas Windschutz habe. Bei der großen Straßenkreuzung der Autobahn, der Straße P 37 und meiner Straße P 2 hat der Regen aufgehört und ich kann die restlichen Kilometer bis Asilah zwar weiterhin gegen die starken Wind, aber immerhin im trockenen zurücklegen. Landschaftliche Schönheiten bietet die Gegend nicht mehr - es geht immer in Sichtweite der Autobahn dahin, erst auf der kurzen Abfahrt in die Bucht von Asilah gibt es ein paar nette Ausblicke.

Im Ort folge ich wieder der Empfehlung meines Reiseführers und miete mich im Hotel "Mansour" ein - das Rad wird diesmal im Speisesaal untergebracht. Ich kann zwischen zwei Zimmern wählen und entscheide mich für jenes mit Blick aufs Meer - der Inhaber bringt mir vorsorglich gleich zwei Zusatzdecken, warm ist es im Zimmer ja wirklich nicht.

Dafür ist der Ort voll auf Touristen eingestellt - es gibt (beim nördlichen Stadttor) eine ganz ausgezeichnete Pasticceria und eine große Auswahl an Restaurants, die alle ein umfangreiches Speiseangebot haben.

Nach einem Bummel durch die in blau-weissen Farben gehaltene Altstadt gibt es während des Abendessens noch einen allerletzten Regenguss (es sollte auch der letzte auf dieser Reise sein).

ASILAH - TANGER über CAP SPARTEL

Der Radtacho, den ich aufs Zimmer mitgenommen habe, zeigt in der Früh 12 Grad an - die Innenseiten der Fenster sind nass, die Wäsche ist natürlich nicht getrocknet - aber: draußen scheint die SONNE!

Das Hotelfrühstück wird noch in der hervorragenden Pasticceria, die ich gestern entdeckt habe, ergänzt und dann radle ich noch die paar Meter zum Strand. Auf dem großen Parkplatz vor den Stadtmauern haben dutzende Wohnmobile ihren nächtlichen Stellplatz gefunden, im kleinen Hafen dümpeln ein paar Fischerboote - kein Vergleich zu der aufgepeitschten See von gestern, auch der Wind hat deutlich nachgelassen (trotzdem kommt er weiterhin von Norden...)

Lange Zeit führt die Straße in Sichtweite der Küste, an der es aber kaum touristische Infrastruktur gibt. In der durch den vielen Regen gereinigten Luft kann man kilometerweit sehen und in der Vormittagssonne wirken das Meer noch blauer und die Häuser noch weißer. Obwohl die Autobahn mittlerweile bis Tanger fertiggestellt ist (entgegen meiner Landkarte), gibt es regen Lastwagenverkehr auf meiner Straße - alle LKW haben ein spanisches Kennzeichen, keine Ahnung, was die transportieren. Und dann der nächste Fehler auf meiner Karte: die Hauptstraße biegt von der Küste weg, die eingezeichnete direkte Straße zum Cap Spartel existiert nicht. Die P 2 mündet bald in die Autobahn und ich bin wieder einmal am Pannenstreifen unterwegs, bis bei einer Baustelle eine unscheinbare Asphaltstraße wieder nach Westen abzweigt, die nur in der Gegenrichtung beschildert ist.

Nach 3 Kilometern bin ich wieder an der Küste, die hier aber zunehmend verbaut wird - ein paar Villen stehen schon, Ferienanlagen werden gerade errichtet.

Jetzt in der Vorsaison ist beim Leuchtturm von Cap Spartel kaum was los - ein paar Andenkenverkäufer langweilen sich am Parkplatz, das Cafe wartet auf Gäste. Richtung Tanger ist dann noch ein Höhenzug zu überwinden, und dann geht es tendenziell bergab (ein paar Gegensteigungen sind auch dabei).

Hier im Küstengebirge hat es sich die bessere Gesellschaft von Tanger gemütlich gemacht - bewachte Grundstücke, Golf- und Kricketplatz, Ausflugslokale säumen die Straße. Und durch das Villenviertel am westlichen Stadtrand rolle ich dann auch auf die Hauptverkehrsachse nach Tanger hinein - der mit einem Mitglied des Marokko-Forums ausgemachte Treffpunkt nahe dem Stadtstrand ist leicht zu finden.

Über dessen Vermittlung kann ich zu einem überaus günstigen Preis ein Zimmer im ****-Hotel "Solazur" mit Blick aufs Meer beziehen und drapiere meine noch vom Vortag durchnässten Sachen auf Kleiderbügeln im ganzen Raum - ein heißes Wannenbad tut auch gut, bevor ich in den Genuss einer Stadtführung komme. Mir persönlich gefällt Tanger sehr gut - eine wunderschöne Lage in der Bucht, eine moderne Neustadt und eine sehenswerte Medina, auch viele Gebäude aus der Kolonialzeit fallen auf, sodass ich hier gerne einen halben Tag verbringe. Beim Rückweg zum Hotel wird mir übrigens auf der Strandpromenade zum ersten Mal in Marokko Haschisch angeboten - tut dem Ego gut, dafür doch noch nicht zu alt auszusehen...

TANGER - CHICLANA DE LA FRONTIERA

Ich werde noch bis zum Fährhafen begleitet - der Abfahrtstermin der Schnellfähre nach Tarifa ist jedoch nur eine Absichtserklärung, tatsächlich fährt der Katameran erst zwei Stunden später ab, braucht jedoch für die Überfahrt nur 35 Minuten. Das muss jedoch teuer erkauft werden: 232 Dirhams pro Person und 115 Dirhams für das Rad - also ca. 30 Euro für 20 ersparte Straßenkilometer - eine billige pünktliche Fähre nach Algeciras wäre wohl die bessere Wahl gewesen.

Die berüchtigten Drogenkontrollen der spanischen Polizei bei der Einreise aus Marokko unterbleiben - der Zöllner schätzt mich richtig ein und winkt mich nur durch.

Ja und dann muss ich mich einmal umstellen: das Rad rollt leise auf dem makellosen Asphalt, kein Müll mehr neben der Straße, keine stinkenden Mercedes-Sammeltaxis, gepflegte Lokale und Geschäfte... Ein ziemlicher Kontrast, wenn man aus Marokko kommt.

Nicht umsonst ist Tarifa bei den Surfern so beliebt, ist es doch einer der windigsten Punkte Europas, zahlreiche Windkraftwerke sind auf den Hügeln zu sehen - natürlich fahre ich wieder gegen den Wind, aber ich hatte ja auf der Reise genug Zeit, mich daran zu gewöhnen.

Bald verlässt die wenig befahrene Straße die Küste und durchquert weite, kaum besiedelte Ebenen - die Propeller der Windkraftwerke sind fleißig am arbeiten, viel Verkehr ist nicht und auch die Straße führt nicht immer nur geradeaus.

Ich bin jetzt in der Gegend der berühmten "weißen Dörfer" Andalusiens, passiere Vejer de la Frontera, hoch oben auf einem Hügel gelegen, und erreiche bei Conil de la Frontera (62 km) wieder das Meer. Dann noch ein paar Kilometer Richtung Cabo Roche durch ein Waldstück immer in Sichtweite der Küste, bis wieder verbautes - und damit wenig attraktives - Gebiet beginnt. Privatvillen, Hotelanlagen, Obstbau, Gärtnereien - keine richtige Ortschaft, aber auch kein Fleckchen, dass nicht irgendwie genutzt wird - hier gefällt es mir weniger. Aus dem Umstand, dass mir bisher entlang der Hauptstraße ein ausreichendes Übernachtungsangebot aufgefallen ist, ziehe ich allerdings den (falschen) Schluss, dass das auch weiterhin der Fall sein wird - aber hier ist nichts los, kein Hotel, kein Hostal, nichts...

Erst bei der Ortseinfahrt nach Chiclana gibt es ein größeres, teuer aussehendes Hotel neben der Straße - im Zentrum müsste es doch noch etwas billigeres geben... Obwohl Sonntag Abend, sind nicht sehr viele Leute auf der Straße - durch Fragen zweier Pensionisten erfahre ich immerhin, dass sich ein Hotel bei der großen Flussbrücke befindet. Dieses schaut zwar sehr gepflegt, aber auch teuer aus, in dem großen Ort müsste es doch was anderes zu finden sein... Ich frage noch ein paar Passanten (vorzugsweise junge Leute), die so aussehen, als ob sie Englisch oder Französisch sprechen würden, aber negativ (das kenne ich auch schon aus Italien). Gut, bis Cadiz schaffe ich es angesichts der hereinbrechenden Dämmerung nicht mehr, also ab zum Hotel "Alboran". Der Portier spricht sogar perfekt Deutsch, das Hotel und das Zimmer ist wunderschön mit allen Features, hat aber seinen Preis. Dafür kann ich vom Bett aus die Abendsportsendung mit der Zusammenfassung der heute stattgefundenen spanischen Liga-Spielen sehen.

CHICLANA DE LA FRONTIERA - JEREZ Flughafen über CADIZ

Das Frühstück (zwei Lufthörnchen à la Italia) entspricht nicht ganz dem Standard des Hotels, aber so viele Kalorien werde ich heute nicht mehr brauchen. Die Hauptstraße ist schnell erreicht und der Nachbarort San Fernando wird auf der "Autovia" passiert. Die führt jetzt zusammen mit der Bahnlinie einen langen Damm entlang, der eine große Lagune vom offenen Meer trennt.

Schon nach 23 km sind die ersten (Hoch)häuser von Cadiz erreicht - die ganze Stadt liegt auf einer gestreckten Halbinsel, die Altstadt kann man auf einer Ringstraße umrunden. Genauso historisch wie dieser Küstenabschnitt (in der Nähe startete immerhin Christoph Columbus zur Entdeckung Amerikas) ist allerdings auch das Straßenpflaster - eindeutig nicht rennradtauglich. Also noch eine kurze Fotopause bei dem westlichsten Punkt der Stadt, dem Punta del Sur und dann durch die Innenstadt auf der Ostseite wieder zurück zum Hafen, bei dem die direkte Verbindung zum nördlichen Festland über eine Brücke, welche die Lagune überspannt, führt.

Ich zweige also nach links Richtung Brücke ab und erblicke gleich ein Verkehrsschild, dass jeglichen Rad- und Fußgängerverkehr auf der Brücke untersagt - Alternative ist nur die Rückfahrt über den Damm, damit müsste ich die komplette Lagune umrunden. Dazu habe ich aber keine Lust, also wird weitergefahren - die Fischer, die neben der Leitplanke stehen, werden wohl auch nicht vom Helikopter abgesetzt worden sein. Warum man ausgerechnet hier nicht radeln darf, ist mir aber verborgen geblieben - ist auch nicht anders als auf einer durchschnittlichen "Autovia". Es herrscht starker Verkehr, aber alle nehmen auf mich ausreichend Rücksicht, und so ist die Brücke, die bei Bedarf für ein Schiff auch "aufgeklappt" werden kann, rasch passiert und ich radle wieder legal auf der "Autovia" weiter. Genuss ist das allerdings durch den mörderischen Verkehr keiner - in der Gegenrichtung hat sich auch ein kilometerlanger Stau gebildet. Irgendwie würde ich gerne auf einer ruhigen Landstraße weiterfahren, aber eine solche kommt erst ein paar Kilometer nach Puerto Real ins Blickfeld - also endlich rechts ab und wenigstens ein bisschen das verkehrsarme ländliche Andalusien genossen. Das Wetter scheint sich in den letzten Tagen mit mir versöhnen zu wollen - fast wolkenloser Himmel, die Hügel und Berge im Nordosten sind schön zu sehen, auch der Westwind ist nicht mehr so kräftig.

Im winzigen Ort El Portal (61 km) steht vor einer Bar eine Tafel: "Menü 6 Euro". Ist doch ein netter Abschluss meiner Reise! Was es genau zu essen gibt, kann ich mangels Fremdsprachenkenntnisse des Servierpersonals und der Gäste zwar nicht eruieren, lass ich mich halt überraschen. Das Menü besteht aus einer Suppe mit Ei drinnen, einer großen Portion Fisch mit Pommes und einem Karamelpudding - nicht schlecht für diesen Preis.

Ein kleiner Hügel ist noch vor Jerez de la Frontiera zu bewältigen und dann rumple ich auf Kopfsteinplaster ins Zentrum des netten Ortes - scheint so, als ob mehrere spanische Städte mit dem Rennrad einfach nicht gut erfahren werden können.

Obwohl sich oft Hinweistafeln zu Weinkellereien (vor allem in Bahnhofsnähe) finden, ist mir auf der Fahrt hierher und auch auf der Weiterfahrt Richtung Flughafen kein einziger Weinstock aufgefallen...

Der Flughafen liegt ein gutes Stück auswärts in nordwestlicher Richtung und ist natürlich nur über eine "Autovia" zu erreichen. Ich bin über zwei Stunden vor Abflug schon vor Ort und kann in Ruhe auf dem sonnenbeschienen Vorplatz mein Rad reisefertig machen.

Beim Einchecken bildet man sich mangels Großgepäcksschalters partout ein, das Rad auf dem Förderband der Gepäckaufnahme weitertransportieren zu wollen, ist aber dann von der Aussichtslosigkeit des Vorhabens schnell überzeugt.

Also wird das Rad doch von einem Flughafenmitarbeiter durch eine Tür geschoben, nicht ohne vorher noch von einem Polizisten auf dessen Unbedenklichkeit geprüft worden zu sein. Trotz neuerlichem Umladen in Mallorca ist es in Wien unbeschädigt angekommen.