Rad - Reiseberichte



Antalya Fligth only - 249 Euro ! Bei welchem Radler, dem dieses Angebot eines Reisebüros an einem verregneten Märztag in die Augen sticht, werden da nicht sofort Träume nach Sonne, Wärme und Meer geweckt? Also schnell am (Reise)Rennrad die Laufräder mit den breiteren Felgen und Reifen montiert, dieses nach den Empfehlungen der AUA verpackt (aber das ist eine andere Geschichte) und schon am Vorabend des Fluges nach Schwechat zum "Großgepäckschalter" gebracht, ein paar Broschüren von der Türkischen Fremdenverkehrsinformation (viel gibt's dort nicht, schon gar nicht zum Thema Fahrrad) besorgt und das Gepäck in zwei kleinen Ortlieb-Taschen verstaut und ab in den Süden!


R e i s e b e s c h r e i b u n g :

 
1. Tag:
WIEN - ANTALYA/Flughafen - KEMER
61 km, 244 hm

2. Tag:

KEMER - KAS

147 km, 1.954 hm

3. Tag:

KAS - FETHIYE

110 km, 1.000 hm

4. Tag:

FETHIYE - MUGLA

137 km, 1.974 hm

5. Tag:

MUGLA - SERINHISAR

128 km, 1.974 hm

6. Tag:

SERINHISAR - BURDUR

115 km, 742 hm

7. Tag:

BURDUR - ANTALYA

132 km, 642 hm

8. Tag:

ANTALYA-CITY - Flughafen (mit Abstechern)

69 km, 300 hm

Beschreibung der T a g e s t o u r e n :


WIEN - ANTALYA/Flughafen - KEMER

Das großdimensionierte Flughafengebäude von Antalya wird - offenbar wegen des beginnenden Irak-Krieges - nur durch die Fluggäste (fast alle im reiferen Alter) meines Fluges bevölkert, unter deren erstaunten Blicken ich noch in der Ankunftshalle mein Rad zusammenbaue - alles klappt, offenbar wurde es sorgfältig behandelt (oder von mir gut eingepackt). Als ich mein Rad bepackt auf den Parkplatz schiebe, sind meine Mitreisenden längst in den Bussen zu den diversen Hotels unterwegs - nur ein paar Taxi-Fahrer warten noch auf (nicht kommende) Kunden.

Die Südtürkei empfängt mich mit angenehmer Temperatur, aufgelockerter Bewölkung und starkem Nordwind, sodass ich meinen ursprünglichen Plan, ins Landesinnere Richtung Isparta/Konya zu radeln gleich verwerfe und beschließe, die Küste abzufahren. Die autobahnähnliche Schnellstraße Antalya-Alanya wird (bis zum Flughafen) auf beiden Seiten von Nebenfahrbahnen begleitet, auf denen sich der Lokal- und Radverkehr tummelt. Mehrere Kilometer geht's durch Industriegelände, ehe das Stadtgebiet erreicht ist - da wird der Verkehr schon etwas heftiger, insbesondere die vielen Dolmus-Busse, die (für mich) unvermittelt stehen bleiben und abfahren, erfordern erhöhte Aufmerksamkeit.

Wie vermutet, ist der Wechselkurs für türkische Lira in ANTALYA besser als im Flughafengebäude und als frischgebackener Millionär reist es sich gleich viel entspannter.

Es ist früher Nachmittag geworden, als ich die Stadt Richtung Westen durchquert habe. Bei McDonalds in einem Land einzukehren, dass für seine Küche berühmt ist, schaffe ich doch nicht und so wird in einem der vielen Vororte eine Pizzeria aufgesucht.

Nach langer Fahrt entlang von Baustellen und neu gebauten Hochhäusern (vor denen friedlich Kühe und Ziegen grasen, ein netter Anblick) biegt die Straße nach Süden - der Nordwind treibt mich an. Jetzt fallen die Berghänge steiler ins Meer und damit habe ich das besiedelbare Gebiet (und den Stadtverkehr !) vorerst hinter mir gelassen. Die vor 15 Jahren noch nicht durchgehend asphaltierte, zeitweise einem Feldweg gleichende Küstenstraße ist mittlerweile gut ausgebaut worden, auf dem breiten Seitenstreifen lässt es sich angenehm fahren. Unangenehm sind nur zwei unbeleuchtete Tunnel, in denen sich die Fahrbahn verengt.


Blick nach Antalya

Gleich in ersten Ort BELDIBI biege ich von der Hauptstraße ab und fahre durch das Dorf, das Ende März noch einen sehr verschlafenen Eindruck macht. Nur wenige Geschäfte haben geöffnet, die Besitzer der Teppich-, Leder- und Andenkenshops sowie die Autovermieter sperren wohl erst mit dem Eintreffen der Touristen auf, welche dann wohl in den festungsähnlichen Hotelanlagen auf der Küstenseite untergebracht sein werden.

Kilometerlang geht es so dahin - links die Hotelburgen - viele werden gerade für den erhofften Ansturm renoviert und hergerichtet - rechts wechseln landwirtschaftlich genutzte Flächen mit geschlossenen Ladenzeilen ab.


Im in allen Türkeikatalogen angebotenen KEMER - rückblickend betrachtet der scheusslichste Ort meiner Reise - findet die touristische Infrastruktur noch eine Steigerung - trotzdem beschließe ich, die Fahrt heute hier zu beenden, da wenigstens Unterkunftsmöglichkeiten in reicher Auswahl vorhanden sind.

Eigentlich ist es jetzt am Abend recht kühl, sodass ich auf das Angebot meiner Vermieterin, die Klimanlage im Zimmer zum Heizen einzuschalten, gerne zurückgreife. Nach der obligaten Dusche suche ich ein hauptsächlich von Einheimischen frequentiertes Lokal auf - in Kemer nicht leicht zu finden, da alles auf den Tourismus ausgerichtet ist. Allerdings haben touristische Gegenden - wie ich später feststellen musste - auch Vorteile: man kann zum Essen Bier trinken, in nichttouristischen Flecken gibt's nur alkoholfreie Getränke. Den obligaten Anmachversuch des Teppichhändlers im Eckgeschäft habe ich mit konsequenter Nichtbeachtung abgewehrt.

KEMER - KAS

Kemer

Ein weiterer Vorteil touristischer Orte: es gibt gute Frühstücksmöglichkeiten (in Pensionen ist in der Regel kein Frühstück erhältlich, in Hotels schon und dort ist es auch im Zimmerpreis inkludiert). Also die schon am Vorabend entdeckte Konditorei aufgesucht und den Blutzuckerspiegel beträchtlich angehoben - so gestärkt verlasse ich Kemer Richtung Süden auf einem Radweg (sogar mit blauer Tafel ausgeschildert!). Dieser wurde offenbar deshalb angelegt, um die in Kemer urlaubenden Mountainbiker gefahrlos zu den Schotterstraßen zu leiten - die Umgebung des Ortes ist mittlerweile ein Recht bekanntes MTB-Revier, allerdings liegt zu dieser Jahreszeit auf den Bergen überall noch Schnee, sodass die Bike-Möglichkeiten - zumindest was die erreichbaren Höhen betrifft - noch limitiert sein dürften.

Die schneebedeckten Berge, die mediterriane Vegetation und die immer wieder möglichen Meerblicke lassen mich die ersten ernstzunehmenden Steigungen vor OLYMPOS rasch erklimmen, eine kilometerlange Abfahrt nach KUMLUCA ist der Lohn. Dort angekommen stärke ich mich bei Fladenbrot und Tee, während mein Rad (insbesondere der Computer) von den Kindern (es ist Sonntag!) bewundert wird.

Die erwachsene Bevölkerung möchte wahrscheinlich eher nicht mit mir tauschen, als ich mich wieder in den Sattel schwinge, um auf autobahnähnlich ausgebauter Straße, reizloses Schwemmland durchquerend, FINIKE zu erreichen. Kurz nach dem Ort mäandert die Straße, jeder Bucht folgend, direkt der Küste entlang - kein Verkehr, Traumstrecke! Auch wenn das tiefblaue Meer noch so einlädt, zum Baden ist es entschieden zu kalt, auch der Nordwind ist immer wieder spürbar. Vor DEMRE (bekannt durch die Felsengräber und als Wirkungsort von Bischof Nikolaus, jetzt bei uns Nikolo genannt), umrundet die Straße einen großen - vom Meer durch einen Damm getrennten - See. Sicherlich ist mir die Schildkröte dankbar, die ich von der Straße gehoben und in den Straßengraben gesetzt habe!


Nach Demre führt die Straße in weiten Kehren von der Küste weg und steigt langsam, aber stetig an. Ein frisch gepresster Orangensaft vom Straßenrestaurant mit schöner Aussicht auf die Küstenebene stärkt, denn es geht weiter bergauf (bis auf 680 m!). Bei einem Bauernhof mit angeschlossener Viehweide kommen plötzlich drei (kleinere) Hunde kläffend gelaufen, für eine Flucht bin ich auf der bergauf führenden Straße zu langsam. Irgendwie behindern die ums Rad tollenden, geifernden Köter doch meine Fahrt, sodass ich schon mit dem Einsatz des mitgeführten Pfeffersprays liebäugle, greife aber dann doch zum gelinderen Mittel: stehen bleiben und die Köter auf wienerisch anbrüllen - zumindest bei dieser Hundegröße doch wirksam (es sollte meine einzige unangenehme Begegnung mit unseren vierbeinigen Freunden bleiben).

Es ist schon später Nachmittag, als ich nach einer rasanten Abfahrt bei KAS wieder die Küste erreiche - hier gefällt es mir schon bedeutend besser als in Kemer. Der Ort konnte sich (wohl auch, weil kein Flughafen in der Nähe ist und die Transferzeit von Antalya oder Dalaman schon zu lange wäre) seine Ursprünglichkeit erhalten.



In einer der vielen kleinen Pensionen ist rasch ein Zimmer gefunden - Pizzeria und Internetcafe gibt's auch - also alles bestens. Auch hier kaum Fremde, nur am Hafenkai stehen zwei große Wohnmobile aus Österreich.

KAS - FETHIYE

Nach einem - im Vergleich zum Vortag bescheidenen - Frühstück geht's noch in der Morgenkühle die Küstenstraße - die jetzt ihrem Namen wieder völlig gerecht wird - weiter Richtung Westen. Links bieten sich immer wieder tolle Ausblicke auf die der Küste vorgelagerten Inselgruppen, rechts halten die hoch aufragenden Berge den Wind ab. Kurz vor dem nächsten Ort Kalkan ist aber Schluss mit lustig - die Straße wendet nach Norden und steigt zudem etwas an - die kräftigen Windböen sind nur ein Vorgeschmack dessen, was mich am Nachmittag erwarten wird. Die Straße führt hoch über den in einer Bucht gelegenen Ort KALKAN vorbei und wird nach der Ortseinfahrt schmäler und schlechter. Der höchste Punkt des heutigen Tages wird vor dem Dorf YESIKÖY auf 350 m Höhe erreicht - eine kurvenreiche mit Schlaglöchern gepflasterte Straße führt in die Ortschaft hinab.

Ein kurzes Stück geht es noch einmal dank des Rückenwindes mit ungeahnter Geschwindigkeit Richtung Süden, dann wird wieder eine perfekt ausgebaute breite Straße erreicht, die eine landwirtschaftlich genutzte Ebene durchquert. Trotz Griffhaltung auf der Unterseite des Rennlenkers fällt meine Reisegeschwindigkeit - je nach Intensität der Böen - bis auf 15 km/h ab. Der geplante Abstecher nach Saklikent in den dortigen Nationalpark (Empfehlung von einem Türken, dort sei eine tolle Schlucht zu bewundern) entfällt auch wegen weithin sichtbaren Schauerwolken, die sich über den Bergen entladen. In größerer Höhe scheinen tatsächlich Schneeschauer niederzugehen - in der weiten Ebene, in der ich gegen den Wind ankämpfe, bleibt es Allah sei Dank trocken.


Ein weiterer Schlag für die Moral ist ein auf dem Hinterrad aufgetretener Speichenbruch (wenigstens nicht auf der Zahnkranzseite, den Abzieher für die Shimano-Kassette habe ich nicht mit und die Suche nach einem solchen würde wohl einer Odysee gleichen...). Mit beunruhigend dahineierndem Hinterrad erreiche ich nach ein paar kurzen Anstiegen und Abfahrten (und unbehelligt vorbei an einer Radar-Kontrolle der türkischen Polizei) vor Fethiye wieder dichter besiedeltes Gebiet und zweige gleich bei der ersten Kreuzung von der Hauptstraße ab.

Die auf meiner bisherigen Fahrt bemerkte Fahrrad-Infrastruktur lässt mich nicht auf eine allzu rasche Erledigung meines Problems hoffen - aber siehe da, noch vor der Ortseinfahrt - in der für türkische Siedlungen typischen "Gewerbezone", wo Schlossereien und Autowerkstätten konzentriert etabliert sind, stehen vor einer offenen Garage ein paar Mopeds und verwahrloste Räder in bemitleidenswertem Zustand herum. Der Meister - offenbar gerade nicht sonderlich im Stress - ist froh, Kundschaft zu haben - ein halbes Dutzend interessierter Zuschauer jeglicher Altersstufe findet sich schnell ein. Mangels Montageständer wird der Lenker und Sattel meines (abgepackten) Rades auf vorgefertigte Holzstücke, die am Boden aufgelegt werden gestellt und so am umgedrehten Rad gearbeitet. Wie ich vermutet habe, ist die richtige Speichenlänge - da die Türken, wenn überhaupt, vorwiegend 26"-Räder fahren - nicht vorrätig, aber no problem: einer der umstehenden Jungs wird mit einem Bindfaden, der auf die benötigte Speichenlänge abgeschnitten wurde, zwecks Beschaffung einer solchen auf den Weg geschickt. Zwischenzeitlich werden die technischen Features meines Rades bestaunt und auf türkisch kommentiert - insbesondere die Clickpedale stoßen auf großes Interesse. Das Hinterrad ist schon in einem sichtlich selbstgebastelten, aber funktionellen Zentrierständer eingespannt - doch leider ist die gebrachte Speiche zu lang. In einer türkischen Werkstatt kein Problem - sie wird entsprechend abgeschliffen.

Erst nach mehreren Arbeitsgängen wird die Speiche vom Meister als nunmehr passend beurteilt und ins Rad eingesetzt. In den Genuss des folgenden, fast 15minütigen Zentriervorganges kommt wahrscheinlich nicht einmal das Hinterrad von Lois Armstrong zwischen zweier Tour-de-France-Etappen. Nach Bezahlung eines Spottgeldes, für das ein heimischer Mechaniker bestenfalls den Schnellspanner öffnet, rolle ich mit einem perfekt zentrierten Hinterrad durch die Vororte von Fethiye.

Auf der holprigen Strasse sind im Vergleich zu den anderen Orten bemerkenswert viele Radwerkstätten. Seltsamerweise werden in diesen Räder wirklich nur repariert, neu angeboten werden sie vor allem von Elektrohändlern, vor deren Auslagen neben Kühlschränken und Waschmaschinen auch eine Reihe Räder (vom Kinderrad bis zum Billig-MTB) bunt in der Sonne glitzern.

FETHIYE ist ein logisches Etappenziel - beim Hafen findet sich schnell eine etwas heruntergekommene, aber preiswerte Pension und so bleibt für einen Stadtbummel ausreichend Zeit. In den Fischständen am Markt wird frischer Fisch zum Kauf angeboten - in den gleich daneben liegenden Restaurants wird er zubereitet und mit Salat und Brot serviert - ein Angebot, von dem ich gerne Gebrauch mache.

Der Abend wird - wie fast täglich - im Internetcafe beschlossen, wo ich (preisgünstig, weil Telefonate sind sehr teuer) Kontakt zu meiner Familie aufnehmen und die neuesten Nachrichten sowie (wichtig !) die Wetterprognose für die Türkei für die nächsten Tage erfahren kann.

FETHIYE - MUGLA

Am nächsten Tag komme ich nicht so richtig in Schwung - erstens gibt's das für 8 Uhr versprochene Frühstück erst um 9 und zweitens fegen stürmische Windböen über die Bucht - die türkische Flagge am Mast gegenüber meines Hotelzimmers flattert nicht sondern steht im Wind. Mein Zeitplan wird noch zusätzlich durch den Umstand durcheinander gebracht, dass ich einem für Autos gesperrten, aber mit dem Fahrradsymbol gekennzeichneten Weg entlang der Bucht folge, der alsbald in einen Feldweg übergeht und später eine Art Villenviertel erreicht - der Weg zurück zur Hauptstraße gestaltet sich wegen zahlreicher Baustellen in diesem Neubaugebiet als etwas mühsam.

Auf der keineswegs steigungsfreien Weiterfahrt (es geht über zwei kleine Pässe) lässt der Wind erstaunlicherweise nach - angenehmes Radfahren auf landschaftlich schöner Strecke. Zu früh gefreut - nach der in einer kleinen Bucht gelegenen Ortschaft GÖCEK zwingen mich heftige Böen auf der keinesfalls heftigen Steigung bergauf zur Schrittgeschwindigkeit. Nach Überquerung eines weiteren Passes rolle ich in die Ebene von DALAMAN und finde gleich bei der großen Kreuzung mit der Abzweigung zum Flughafen ein wirklich empfehlenswertes Restaurant ("Palmiye Restaurant", gleich neben der Schule). Im schönen Gastgarten wäre ich gerne noch länger gesessen, aber mir ist bewusst, dass heute noch einiges an Radarbeit bevorsteht.

Wieder geht es kurz bergauf, dann ist KÖYCEGIZ mit dem gleichnamigen See (der von der Straße aus nur zu erahnen ist) erreicht. Kurz danach in einem Waldstück habe ich meine erste (und einzige) Begegnung mit einer "Natascha" (Prostituierte, die aus irgendwelchen ehemaligen Sowjet-Republiken kommen und die in der Türkei ihr Glück versuchen). Wasserstoffblond und mit grell rosa geschminktem Mund wirbt sie um mich besonders heftig, als sie mitbekommt, dass ich kein Türke bin und ihr daher vielleicht ein besseres Geschäft winkt. Die Arme weiß nur nicht, dass sie in dieser Aufmachung a) nicht ganz dem mitteleuropäischen Schönheitsideal entspricht und hat wohl b) auf diesem Standplatz nicht allzu viel Kontakt zu Radfahrern, deren Lust auf käuflichen Geschlechtsverkehr nach vielen Stunden am Flite-Sattel sitzend begrenzt ist. Da ich steigungsbedingt nur langsam vorankomme, habe ich ihr türkisch-englisches Gezeter noch einige Zeit in den Ohren.

Die Strecke führt jetzt durch relaxt durch Kieferwälder, bis zur nächsten Abzweigung Richtung MARMARIS. Links baut sich ein doch ziemlich hoher Berg auf, an dessen Flanke die nun kommende Herausforderung (750 Höhenmeter !) schon von weitem sichtbar ist.


Mugla

Die gut ausgebaute Straße windet sich in einigen langen Kehren den Hang hinauf. Entsprechend schnell kommt mir in der Gegenrichtung der einzige Radreisende, den ich auf meiner Fahrt gesehen habe, entgegen. Den tollen Ausblick zu genießen bleibt nur wenig Zeit, es ist schon ziemlich spät und als ich die Hochfläche erreiche, geht gerade die Sonne unter. Die in einem weiten Talkessel gelegene Provinzhauptstadt MUGLA - mein heutiges Tagesziel - erreiche ich schon in der Dämmerung.

Da ich jetzt nicht lange Quartier suchen möchte, checke ich mich gleich im ersten (und nach Aussage von Passanten) bestem Hotel der Stadt ein. Die Zimmerqualität kann mit der recht pompösen Empfangshalle nicht Schritt halten, aber es gibt immerhin eine (wenn auch wegen abgesplittertem Email nicht unbedingt einladende) Badewanne.

Im nächstgelegenen Friseursalon, wo ich mich rasieren lasse, komme ich in den Genuss einer unerwarteten Zusatzleistung: nach der Rasur werden mein Kopf, die Nackenpartie und die Arme einfach so ziemlich professionell massiert. Die von mir erwartete Touristenfalle im Form einer - für türkischen Verhältnisse - gesalzenen Rechnung stellt sich aber gar nicht ein. Schade, dass der gute Geist, der offenbar ahnt, was ein nach einer Tagesetappe doch etwas verspannter Radler braucht, am Friseurstuhl nicht auch meine Beine massieren kann - ein gutes Trinkgeld war ihm gewiss.

Beim Besuch im Internet-Cafe nachher prophezeien drei Wetternets gutes, und nur eine Webseite schlechtes Wetter für die nächsten Tage - scheint alles o.k. Die Prognosen rechnen zwar weiterhin mit starkem Nordwind, aber dieser wird für mich immer unbedeutender werden - geht es doch morgen nach Westen ins Landesinnere.

MUGLA - SERINHISAR

Der morgendliche Blick aus den Hotelfenster: wolkenloser Himmel. Nach dem Frühstück (das - müslilose ! - Frühstücksbuffet in Hotels, welches nur Schafskäse, Wurst, Oliven, Tomaten und Weißbrot offeriert, wird immer durch ein paar am Vorabend in der Konditorei gekauften Sweeties aufgepeppt) verlasse ich schon in morgendlicher Frische - es hat wohl kaum mehr als 5 Grad - die dunstige Talmulde von Mugla Richtung Osten. Wie schon gewohnt, weht stürmischer Wind - jedoch aus unterschiedlichen Richtungen. Sowohl nach der in Wien organisierten Karte des türkischen Fremdenverkehrsverbandes als auch nach einer in der Türkei gekaufte Straßenkarte befindet sich die nächste größere Ortschaft erst in knapp 80 Kilometern und tatsächlich säumen nur ein paar Bauernhäuser und Picknickplätze die Strasse, die langsam, aber stetig ansteigt. Tolle Landschaft (Nadelwälder vor schneebedeckten Bergen) und de facto verkehrsfreie Straße!

Weil mir bei der Abfahrt vom ersten, doch schon über 1000 Metern gelegenen Pass etwas kalt ist, möchte ich mich in einem neben der Straße gelegenen einfachen Rasthaus etwas aufwärmen - am Parkplatz steht ein großer Transit-Bus der "Jandarma". Von früheren Türkei-Reisen weiß ich zwar, was jetzt kommt, aber die Aussicht auf einen heißen Tee ist doch zu verlockend. In der zwar verrauchten, aber warmen Holzbude, die auch prima in einem Western passen würde, trinken die Ordnungskräfte, alle in Tarnanzügen und das Sturmgewehr zwischen den Beinen festgeklemmt, soeben ihren Tee. Ihr martialisches Outfit wirkt auf mich so, als ob diese Einheit den Befehl hat, in den Nordirak einzufallen. Der Ranghöchste verscheucht sogleich einen neben ihn sitzenden Rangniedereren, um mir den Sitzplatz neben ihm anbieten zu können (wär doch nicht nötig gewesen !). Der Arme muss sich zu zwei weiteren Kollegen in den kalten Bus zurückziehen - wird sich wohl noch 10 oder 20 Jahre hochdienen müssen, um einen gesicherten Platz in der Hütte zu haben).

Nun gut, ich lege Helm, Brille und Handschuhe ab und sogleich deutet der Commandante neben mir einem anderen, intellektueller Aussehenden, sich in unsere Nähe zu setzen. Letzterer eröffnet mir auf Englisch, dass sich sein Chef nun mit mir unterhalten möchte (das habe ich schon erwartet !) und er übersetzen wird.

Nach dem üblichen Woher ? Wohin ? Warum ? sind wir gleich beim Thema Nr. 1, dem Irak-Krieg. Commandante will von mir wissen, wie die Österreicher im allgemeinen und ich im speziellen darüber denken. Da trifft es sich gut, dass ich gestern in online-Standard von 50.000 Teilnehmern an einer Friedensdemo in Wien gelesen habe. Ich runde auf 80.000 auf und dies, sowie meine persönliche (nicht einmal gelogene) Meinung in Ergänzung dazu, ruft sein höchstes Wohlwollen hervor. Als ich dann noch einfließen lasse, dass ich schon zum fünften Mal in der Türkei bin und das es mir immer gut gefallen hat (auch nicht gelogen) bedankt sich Commandante für meine Meinungsäußerungen und spendiert sogleich noch eine große Tasse Tee.

Langsam muss ich aber an die Weiterfahrt denken - der Anstieg zum nächsten Pass scheint gleich bei der nächsten Kurve zu beginnen. Ich verabschiede mich also von meinen neu gewonnenen Freunden und arbeite mich wieder die Steigung hoch.

Nach der nächsten Passhöhe beginnt eine lange, fast zu lange Abfahrt in ein Flusstal, bei der ich ordentlich an Höhe verliere. Bis zur ersten größeren Ortschaft heute, dem am Rand eines Hochplateaus gelegenen KALE (hier gäbe es auch ein Hotel), geht es folglich auch andauernd bergauf. Auf den folgenden vollkommen flachen 24 km nach Tavas, am nördlichen Ende des Plateaus gelegen und gemeinerweise schon von weitem zu sehen, kann sich der Nordwind ungehindert austoben. Wenn wenigstens hie und da ein LKW oder Bus überholen würde, in dessen Windschatten ich ein paar leichtere Tritte hätte! Leider ist die Straße weiterhin völlig verkehrsfrei und Tavas will trotz heftiger Tretarbeit kaum näherkommen - bei manchen Böen muss ich alle Steuerungskunst aufbieten, um nicht von der Fahrbahn geweht zu werden!


Aber auch diese Prüfung hat einmal ein Ende - nach TAVAS (auch hier gäbe es ein Hotel) geht es noch kurz bergauf und das nächste baumlose Hochplateau - eine Etage höher - ist erreicht. Gleichzeitig wendet die Straße wieder nach Westen, sodass der Wind immerhin nur von der Seite kommt. Die schneebedeckten - unbewaldeten - Berggipfel lassen den Snowborder in mir auf neue Ideen kommen.... Kurz nach Erreichen der stärker befahrenen Hauptstraße Denizili-Antalya wird der mit 1243 Metern höchste Pass des heutigen Tages erreicht und danach geht es rasant bergab bis SERINHISAR, meinem heutigen Etappenziel.

Dass dieser Ort nicht einer der wärmsten der Türkei ist, lässt sich sogleich riechen. Alle die in der kälteren Jahreszeit schon in den ehemaligen Oststaaten unterwegs waren, kennen diesen Geruch, der durch das Heizen (womit ?) entsteht und der die Orte in eine an klaren Tagen auch deutlich sichtbare Dunstglocke legt. Das laut eingeholter Auskunft einzige Hotel am Platz befindet sich in einem Gebäude, dass auf den ersten Blick an eine Industrie- oder Lagerhalle erinnert. Ich trage mein bepacktes Rad durch ein finsteres, offenes Treppenhaus Stock für Stock nach oben. In jeden Stockwerk ist ein Tee- bzw. Kaffeehaus etabliert, auch Büros von politischen Parteien und ein "Advocat" befinden sich hier. Im obersten Stockwerk angelangt, ist der "Portier" über einen Gast - noch dazu aus dem Ausland - sichtlich überrascht, zeigt mir aber sogleich dienstbeflissen ein Zimmer. Die riesigen Fenster lassen auf den Hauptplatz und die dahinterliegenden Häuser, die sich dem oben schneebedeckten Berghang hinaufziehen, blicken, Heizung ist da, Bad und WC sogar neu renoviert ! Also o.k., außerdem ist es das billigste Hotelzimmer, in dem ich je gewohnt habe.

Bis zum Abendessen ist noch etwas Zeit, eigentlich könnte ich ja mein verschwitztes Radgewand waschen lassen! Mit kräftiger Mithilfe der Mitarbeiterinnen der nebenan gelegenen Bankfiliale versuche ich den Betreiber der örtlichen Putzerei klarzumachen, dass er mein Sportgewand bei nur 30 Grad waschen und nicht bügeln soll, was letztendlich gelingt, am nächsten Morgen bekomme ich es fein säuberlich in Zeitungspapier eingepackt freudenstrahlend ausgehändigt. Freudenstrahlend deshalb, weil der Dummkopf (wohl noch in der Erinnerung des lachhaft billigen Hotelzimmers) am Vorabend vergessen hat, nach dem Preis zu fragen, und so kann man wohl ein bisschen was verdienen und dem Dummkopf auch noch zwei Cays spendieren, ist bei dem Preis (8 Euro, für mich durchaus angemessen, nur für örtliche Verhältnisse sicher zu teuer !) schon noch drinnen.

SERINHISAR - BURDUR

Salzsee Salda Göl

Am nächsten Tag ist wieder strahlend schönes Wetter, der Wind scheint nachgelassen zu haben. Nach ein paar Kilometern auf dem breiten Seitenstreifen der in der Früh noch kaum befahrenen Hauptstraße führt die abzweigende Verbindungsstrasse nach Burdur schnurgerade nach Westen, steigt in schöner Berglandschaft einen Pass (1188 m) hoch und bietet danach schöne Blicke auf einen großen Salzsee, dem Salda Göl, an dessen Rändern auch die weißen Salzkrusten zu sehen sind. An den Seeufern sind zur Saison Hotels, Campings und Restaurants geöffnet - jetzt fast alles noch geschlossen.


Die Landstraße, die am südlichen Seeufer entlangführt, ist angenehm zu radeln, schöne Blicke auf den See, in dem sich die umliegenden Berge spiegeln!

In der einzigen größeren Ortschaft der heutigen Strecke, YELISOVA, ist Markttag und entsprechend geschäftiges Treiben. Da ich kein halbwegs einladendes Restaurant finde, verzwicke ich gleich am Markt zwei Döner und lasse das Marktleben ein bißchen auf mich wirken.

Kurz nach Yelisova noch eine kleine Ortschaft und dann - nur Gegend! Kilometerweit sieht man das dünne Band der Straße, das die Hochfläche durchschneidet.

Für uns Mitteleuropäer ziemlich ungewohnt, dass viele Kilometer "nichts" ist - kein Gehöft, keine Weide, keine Siedlung, auf dieser Nebenstraße nicht einmal eine Tankstelle, nur hie und da zweigen Fahrwege zu irgendwelchen hinter den Hügeln gelegenen Ortschaften ab.

Erst kurz vor dem nächsten See Obstkulturen und eine kleine Ortschaft, danach noch ein Marmorsteinbruch und dann wieder - Gegend ! Kilometerlang der schon gewohnte Anblick : Hochland, ev. See, dahinter aufragende Bergketten mit schneebedeckten Gipfeln.


Die Zivilisation wird erst wieder mit der Kreuzung der Hauptstraße Richtung Küste erreicht, kurz vor Burdur dann Blicke auf den schön gelegenen gleichnamigen See. BURDUR ist doch eine grössere Stadt und so geht es auf einer vierspurigen Straße zuerst kilometerlang durch Industrie- und Neubaugebiet, bis der eigentliche Stadtkern erreicht ist. Dort frage ich zuerst einmal in einem mit "Pansion" gekennzeichneten Gebäude nach einem Zimmer - leider nur Stockbetten und Gemeinschaftsduschen, sicher billig, aber eigentlich suche ich doch etwas komfortableres! Da der verdutzte Vermieter nur türkisch spricht, hat er mein "Room with own Shower and WC" wahrscheinlich gar nicht verstanden und so schwinge ich mich wieder aufs Rad und fahre Richtung Zentrum. Dann auf der Hauptstraße in unmittelbarer Nähe gleich drei Hotels zur Auswahl. In dem etwas abseits in der Nebenstraße gelegenen, empfehlenswerten Hotel finde ich gleich ein ruhiges Zimmer (mit Heizung, um diese Jahreszeit wichtig!).

Das örtliche Museum hat leider wegen Renovierungsarbeiten geschlossen, so wird der Tag bis zum Abendessen eben im Internetcafe verbracht.

BURDUR - ANTALYA

Vor dem sich über mehrere Morgen Landes erstreckenden Militärgelände im Norden der Stadt sind schon in der früh hunderte Menschen in langen Schlangen angestellt, Militärpolizisten organisieren und regeln den Verkehr auf der danebenführenden Hauptstraße Richtung Antalya. Die Frauen und Männer - vorwiegend reiferen Alters, mit Taschen und Bündeln bepackt, wundern sich sichtlich über den Radfahrer, der langsam die bergaufführende Umfahrungsstraße hochkurbelt, und dieser fragt sich, ob er irgendeine Entwicklung versäumt hat - Generalmobilmachung? Stehen die Iraker schon vor Ankara? Später klärt mich ein Teppichhändler auf: alle Rekruten erhalten eine dreimonatige Ausbildung in ihrer "Heimatkaserne" und werden dann in andere Landesteile versetzt - vor ihrer Abreise werden sie noch offiziell von Eltern und Verwandtschaft verabschiedet.


Froh, nicht nur mit der türkischen Army nichts zu tun zu haben, verlasse ich allmählich den am Morgen besonders stinkenden (aber ich kenne den Geruch mittlerweile) Dunstkessel Burdur und erreiche nach ein paar Kilometern wieder einmal ein Hochplateau. Die Straße ist zwar stärker befahren als ich es bisher gewohnt bin, aber der breite Seitenstreifen bewahrt mich vor Konflikten mit dem LKW- bzw. Busverkehr (Privatautos scheinen unterwegs zu sein). Obwohl Antalya 850 Meter tiefer als mein Übernachtungsort liegt, geht es vorerst langsam bis zum höchsten Punkt der Reise auf 1300 Metern, bergauf - die schöne Berglandschaft des Taurusgebirges entschädigt für die (geringen) Mühen der Passauffahrt.


Die Abfahrt endet nach nur 300 verlorenen Höhenmetern in einem Hochtal. Leider hat der Wind gedreht und weht nun von Süden - nur in punkto Wind kann mich nichts mehr erschüttern ! Es folgt eine kurze Auffahrt und dann die nächste Abfahrt ins nächste Hochplateau, wo es nach dem eher unattraktiven Ort BUCAK wieder kilometerlang schnurgerade eben dahingeht. Gegen den Südwind kämpfend bleibt mir nur der Trost, dass es irgendwann ja bergab gehen muss, der Höhenmesser meines Computers zeigt mir, dass ich mich immer noch auf 99 Meter Höhe bewege.

Kurz vor DAG ladet eine Tankstelle mit angeschlossener Raststation ein - also setze ich mich in den Garten und schlage mir einmal den Bauch voll.

Suppe, zwei Hauptgerichte und zwei Puddings liefern die notwendige Energie für den letzten Anstieg des heutigen Tages auf eine Passhöhe - danach fällt das anatolische Hochland steil Richtung Küste ab. Kurz davor sehe ich ein braunes Schild (diese markieren immer Sehenswürdigkeiten) mit "Assensos,
1 km". Warum nicht, also die kleine Teerstraße ein paar Kehren zu einem kleinen Tal hochgekurbelt, dort sind vorerst nur ein paar Almhütten zu erblicken. Erst nach der nächsten Kurve ist ein kleiner Parkplatz und eine Ruinenstätte (besonderes markant ein weiter oben liegendes, erhalten gebliebenes Tor) zu sehen, davor ein einsames Auto mit - erraten - Österreichern. Die Pensionisten sind mit dem Leihwagen von einer antiken Stätte zur anderen unterwegs, da sind sie in dieser Gegend einige Zeit beschäftigt.


Zwischen den Steinblöcken grast eine Ziegenherde und ich klettere einige Zeit - so gut es halt mit Radschuhen geht - im Ruinenfeld herum. Da stellen sich prompt wieder angenehme Erinnerungen an frühere Türkeireisen ein: wenn man von den absoluten "Highlights" wie Troja, Ephesos oder Nemrut-Dag absieht, hat man die oft gar noch nicht ernsthaft ausgegrabenen Stätten früherer Kulturen für sich - kein Eintritt, keine Andenkenläden, kein Rummel, natürlich aber - außer einer verwitterten Tafel - auch keine Information. Egal, der in dem windigen Hochtal gelegene antike Ort ist auch für Nichtarchäologen wie mich interessant.


Nach der von zwei auffälligen Sendemasten markierten Passhöhe geht es nun in weiten Kehren wirklich bergab. Die parallel in vielen Kurven verlaufende verkehrsfreie alte Schotterstraße wäre mit dem MTB interessant. Flott geht es in einem Tal weiter bergab Richtung Küstenebene, auch hier scheint daneben noch eine alte Straße zu verlaufen.


So, das Taurusgebirge habe ich endgültig hinter mir gelassen, jetzt noch 25 km bis Antalya. Wie öfters - vollkommen ebene gerade Straße, auf der mich nur hie und da kleinere Baumgruppen etwas vor dem Südwind schützen. Die Nähe der Großstadt zeigt sich durch immer mehr Industriebetriebe und Werkstätten. In einem weiten Bogen geht es die letzten 100 Höhenmeter direkt nach ANTALYA hinein, bei der Abfahrt noch ein schöner Blick auf die Stadt und das Meer.

Es ist weniger Verkehr als befürchtet, und so erreiche ich flott die von einer eingleisigen (!) Straßenbahn (angeblich von der Stadt Nürnberg geschenkt) begleitete Meerpromenade, die - abgesehen von der Straßenbahn - etwas an die promenade d´anglais in Nizza erinnert.

Ich brauche den Lenker nur in Richtung der auf einem großen Felskap gelegenen Altstadt drehen, schon werde ich von einem Schlepper zu einer Pension geleitet, ok., viele schauen gleich aus und durch den Konkurrenzdruck (und den fehlenden Touristen) ist auch der Preis angemessen. Den Rest des Tages verbringe ich damit, in Begleitung eines türkischen "Freundes" gefälschtes Markengewand für meine Tochter zu kaufen (ohne ihn hätte ich den Laden nie gefunden, klarerweise hat er sich für seine "Hilfe" den Rest des Abends von mir aushalten lassen - besonders die Altstadt von Antalya ist ein Touristenort, da gibt's nichts umsonst!). Wichtig ist nur gleich klarzustellen, dass keine Teppiche oder sonstige Mitbringsel gekauft werden, dann sind die Fronten geklärt und in Begleitung eines Türken wird man automatisch von allen anderen Personen, die auf das Geld der Touristen Jagd machen (Restaurantbesitzer, Zimmervermieter, alle möglichen Shopinhaber bzw. deren Schlepper) in Ruhe gelassen. Abends ruft mich noch meine besorgte Tochter an, ob ich ihr auch schon die gewünschten "DKNY", "Esprit" und "Hilfiger" Textilien besorgt hätte....

ANTALYA-City - mit Abstechern zum Flughafen

Der nächste Tag soll noch sinnvoll verbracht werden - mein Flugzeug geht erst am Abend. Durch den gestrigen Einkauf sind die Transportkapazitäten meines Rades entgültig erschöpft (die südwestlich führende Ausfallsstraße kenne ich schon, der Norden scheint nicht sonderlich attraktiv) und ich beschließe, die Küstenstraße in östlicher Richtung abzufahren. Schon bald geht diese durch Villenvororte und zwar neuerbauten, aber hässlichen Hochhausanlagen. Zwischen den Gebäuden ungepflegtes Brachland, dafür auf der anderen Seite Richtung Meer Parkanlagen und Gaststätten.


Am Ortsende dann der Düden-Wasserfall - jetzt im Frühling durch das Schmelzwasser ist es besonders eindrucksvoll, wie sich der Fluss über die Steilküste ergießt. Entsprechend der Attraktivität (und der leichten Erreichbarkeit) dieser Sehenswürdigkeit bin ich von vielen Bustouristen umgeben, die Schar der Andenkenhändler macht mit mir sowieso kein Geschäft.

Kurz danach leitet ein Wegweiser zum "Lara-Strand". Soll sein, wenn ich schon mal hier bin, schaue ich mich um. Eine schlechte Straße führt durch kieferbewachsenes sandiges Schwemmland - der Strand selbst ist durch Erholungsheime und den üblichen Hotelburgen weitgehend verbaut.


Dahinter neu gebaute Appartement-Hochhäuser und Hotels, das Brachland dazwischen wird als Müllhalde oder Viehweide benutzt - so manche Hotelanlage ist hunderte Meter vom Strand entfernt (wird dann im Reiseprospekt wohl als "strandnah" verkauft...). Verwöhnt durch die bisher gesehenen Küstenabschnitte verlasse ich diese Ansammlung von Scheußlichkeiten und folge dem Wegweiser zur Hauptstraße Antalya-Alanya um wieder einmal die Ausgrabungsstätte in Perge (war schon zwei mal da) zu besuchen.

Eine sehr schlechte Straße führt durch landwirtschaftlich genutztes Gebiet am Rande des riesigen Flughafengeländes - zuerst auf der Nebenfahrbahn, an der Flughafeneinfahrt auf dem Seitenstreifen der Hauptstraße sind die Ruinen schnell erreicht. Leider ist das monumentale Theater derzeit wegen Renovierungsarbeiten geschlossen - von der schmalen Landstraße hat man aber einen schönen Blick auf die Ausgrabungsstätte.

Da es erst Mittag ist, geht sich noch ein Abstecher zu den Kursunlu-Wasserfällen fünf Kilometer nördlich der Hauptstraße aus. Diese liegen aber in einem großen eingezäunten Gelände - auf dem Parkplatz davor wieder mehrere Touristenbusse. Irgendwie habe ich keine Lust, mich in den Trubel zu stürzen und so radle ich lieber die Straße weiter Richtung Norden durch dichten Wald, in der Hoffung, bald eine Ortschaft zu erreichen. In leichtem Auf und Ab führt der Weg kilometerlang durch Waldgebiet - landschaftlich attraktiv und durch die Topografie auch ein gutes Intervalltraining, ich habe aber schon Hunger! Essen gibt's erst nachdem ich umgekehrt bin in einem der zahlreichen Lokale, die "Gökleme" (hoffe, ich hab mir den Ausdruck richtig gemerkt!) anbieten.

Es handelt sich dabei um eine Art Palatschinkenteig, der entweder nur mit Öl bestrichen oder mit kleingehackten Kartoffeln oder einer Schafkäse/Kräutermischung gefüllt wird. Wer mehr als zwei Portionen dieses überaus preisgünstigen Gerichtes (knappe 50 Cent) schafft, muss wohl schon einige Kilometer geradelt sein...

Mittlerweile ist es nachmittag geworden und ich muss langsam daran denken, mein Rad und das Gepäck für den Rückflug vorzubereiten. Die paar Kilometer bis zum Flughafen sind rasch zurückgelegt und ich verziehe mich vorerst in ein ruhiges Eck, um ungestört loswerken zu können. Aus einer zerschnittenen Wasserflasche entsteht Umwerfer- und Schaltungsschutz, die Bike-Schuhe schützen die STI-Hebel und der Helm den Sattel. Letzterer und der quergestellte Lenker werden mit den schon bekannten AUA-Plastik-Säcken bedeckt und alles mit Klebeband fixiert. Beim Nachmittagskaffee in dem Restaurant östlich des Flughafengebäudes (VORSICHT: Wucherpreise, die nur noch durch die Gastbetriebe im Inneren des Flughafengebäudes übertroffen werden !!!) betrachte ich zufrieden mein Werk.

Auch das lange Warten bis zum Einchecken hat einmal ein Ende und das (verpackte) Rad wird von einer Mitarbeiterin des Flughafens persönlich am Gepäckschalter übernommen - wieder muss ich die Luft aus den Reifen lassen, obwohl im Internet alle flugerfahrenen Traveller beteuern, dass die modernen Maschinen auch im Laderaum über Druckausgleich verfügen.

Und irgendwann am Abend hebt sich die "Bob Marley" der Lauda-Air in den dunklen Nachthimmel - güle güle Türkei, ich komme sicher wieder, hier gibt's noch genug interessante Strecken zu radeln!