| Dieses Kapitel ist von Herrn Dr. Lutz Tittel verfaßt worden und, anläßlich des 8. Treffens des Arbeitskreises Erzgebirge der AMF, am 08.10.2006 in Zwickau vorgetragen worden. Darüber hinaus werden, falls sich neue Erkenntnisse ergeben, gelegentliche Ergänzungen bzw. Änderungen vorgenommen.
1. Der Name Dietel/Tittel
Der Familienname Tittel ist die patronymische Kurz- oder Koseform eines altgermanischen Rufnamens.1 Patronymisch heißt vereinfacht übersetzt "der Name des Vaters". Die historische Kurzform lautete Dieto oder Tieto und Dietel/Tittel bedeutet demnach der Sohn, Nachkomme, Angehörige eines Dieto/Tieto.
Dietel/Tittel geht auf das alte Namenelement Diet zurück. Germanisch hieß es theudo, altfriesisch thiade, althochdeutsch diot, mittelhochdeutsch diet und bedeutete "Volk, Leute". Beim germanischen Rufnamen Dieto/Tieto schwächte sich im Laufe der Zeit das o zu einem e ab, so daß die die Formen Diete/Dietel und Tiete/Tietel, später auch Dittel/tittel entstanden. All diese Schreibweisen sind in unserer Stammlinie in den verschiedenensten Quellen vom 15. bis einschließlich dem 18. Jahrhundert anzutreffen. Kurz sei noch auf einige andere Herleitungsmöglichkeiten des Namens Tittel eingegangen, die aber im vorliegenden Fall als weniger wahrscheinlich erscheinen. Da ist einmal das mittelhochdeutsche tütel in der Bedeutung von schmeicheln. Ludwig Igálffy-Igály wies in einem Aufsatz noch auf das tchechische 'ditè' hin, aus dem der erste Satz zitiert sei:
"Wenn man sich in Erinnerung ruft, daß das mitelhochdeutsche 'diet' Mensch/Leute oder Volk bedeutet, daß das angelsächische 'titt' die Brustwarze und das tchechische 'ditè' bis heute Kind bedeutet, dann kommt man zu dem Schluß, das 'dittel' wie auch 'tittl' in alter Zeit ein Ausduck für 'Kindl' bzw. 'Mensch' mit dem Unterton des Kleinseins war."2
Diese These erscheint etwas gewagt, da hier aus unterschiedlichen Sprachkreisen verschiedene Bedeutungen vermengt und auf ein Ziel hin interpretiert werden.
Die bisher frühesten Namensnennungen, welche in Beziehung zu Dietel/Tittel stehen, seien noch kurz erwähnt.3 1296 ein weingartischer Zinsmann, Conrad Diethe, 1343 Konrad der Tütler aus Eßlingen, 1361 Dityl = Dietrich Luerlin, 1375 Burkhard Tüttel aus Reutlingen,1384 ein Dietel, 1460 ein Dittl, 1472 ein Dietel in Zettlarsgrün4 und mit Stephan Dittel 1491 sind wir schon möglicherweise bei unserer Stammlinie.5
2. Ursprung und Verbreitung des Namens Dietel/Tittel
Diese Ausführungen stützen sich auf die Methode der Telefonbuchanalyse, wie sie Konrad Kunze in seinem dtv-Atlas "Namenskunde" dargelegt hat.6
Telefonbücher sind die umfangreichsten Namensverzeichnisse, die wir haben. Sie sind gut erschlossen und geben für die verschiedensten Fragestellungen interessante Auskünfte. Um das mittelalterliche Ursprunggebiet eines Namens näher lokalisieren zu können, sind zwei Begriffe von Bedeutung: Die absolute und die relative Namendichte. Die absolute Namendichte gibt an, wie oft der Name in einem Ort anzutreffen ist. Die relative Namendichte ist die Prozentzahl, in welcher der Name zur Einwohnerzahl des betreffenden Ortes steht. Dabei ist jeweils der faktor 2,8 pro Telefonanschluß zu beachten, da dieser Faktor pro Anschluß (2,8 Personen pro Anschluß) berechnet wurde.
An einem Beispiel soll das erläutert werden. Im Zwickauer Telefonbuch gibt es 24 Tittel-Eintragungen, mal Faktor 2,8 = 67,2 Namensträger Tittel als Zahl für die absolute Namendichte. Zwickau hat ca. 100.000 Einwohner, geteilt durch 67,2 = 0,00672% als Prozentwert für die relative Namendichte. Gelingt es nun, die Orte mit der höchsten relativen Namendichte festzustellen, dann könnte der mittelalterliche Ursprungraum des jeweiligen Namens näher bestimmt werden.
Vom Namenselement 'diet' ausgehend ist die Schreibweise Dietel mit einiger Sicherheit als die ältere anzusehen. Bemerkenswert ist es, daß die im Telefonbuch Dietel 1.080 mal und Tittel mit 1.165 mal nahezu in gleicher Größenordnung vertreten sind. Bei der geografischen Auswertung der Verbreitung des Namens Dietel ergibt sich ein überraschendes klares Bild. Als Grundlage für die nachfolgende Aufstellung wurde die fünfstellige Postleitzahl und Orte mit einer doppelzahligen absoluten Namendichte zugrunde gelegt.
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Auch die Erschließung der Saydaer Gegend vom Kloster Ossegg in Böhmen aus steht dieser Namensherkunft nicht im Wege. Das Kloster Ossegg war eine Tochtergründung des mächtigen Klosters Waldsassen in Franken, und es ist davon auszugehen, daß die Mönche von Waldsassen Bauern aus ihrer Umgebung zu den Rodungsarbeiten mitnahmen, so daß wir wiederum im Ursprungsgebiet des Namen Dietel wären.
3. Die Stammbaumlinie Tittel
Es ist schon erwähnt worden, daß sich unsere Stammlinie möglicherweise bis ins 15. Jahrhundert zurückverfolgen läßt. Der entscheidende Hinweis auf Clausnitz kam vom Hamburger Genealogen Hans-Peter Wessel. Am 06.02.1570 heirateten in Clauswitz Urban Dietel und Ursula Bieber. Ursula Bieber war eine Tochter des 1563 in Clausnitz vom dortigen Pfarrer Wolfgang Uhle erschlagenen Lehnrichters Georg Bieber. 7
In Clausnitz sind die Dietels offenbar seit dem Ende des 15. Jahrhunderts nachweisbar. Die bisher frühesten Erwähnungen fiden sich im Saydaer Gelübde-Buch von 1490-1515 8, in welchem die Namen Steffan Dittel, Caspar Dittel, Valten Dittel und auch ein Lorenz Dittel von Wolkenstein erwähnt sind. 9
Von besonderer Bedeutung ist es, daß in der Türkensteuerliste der Herrschaft Purschenstein von 1501 nur ein einziger Dittel (ohne Vornamen) erwähnt ist, und zwar in Clausnitz. Von dort aus scheint sich der Name schnell ausgebreitet zu haben, denn in der Türkensteuerliste 1542 der Herrschaft Purschenstein findet man diesen Namen neben Clausnitz (Steffen Dittel) und in Neuhausen (Simon Dittel), Dittersbach (Hans Dittel) und Nassau (Philip Dyttel).
Doch die weitaus meisten Namensnennungen finden sich in den Clausnitzer Gerichtsbüchern 226 (1487-1540), 227 (1542-1576) und 228 (1564-1610). Hier nur einige Beispiele: 1501 Barbara tyttellyn parttell tyttels weib mit ire Sonne .... phylypp tytel; 1537/38 werden bei der Erbaufteilung genannt mateus Dyttel, Steffan Dyttel, Paul Dittel, Steffen Dittel, Ewald Dyttel, valten Dyttel, Matz Dyttel, die alde Dittelyn; 1543 Mutter Dittely, Stephan Dyttel und sein Bruder Matteus Dytell; 1552 Erbkauf von Stefan Dittel; ab 1570 meherer Kaufeintragungen von Urban Dietel, Peter Dietel und George Dietel.
Dies Fülle an Material muß erst einmal sorgfältig ausgewertet werden. Es ist aber davon auszugehen, daß Clausnitz der "Ursprungsort" unserer Linie der Dietels/Tittels war, die sich dann von dort aus in der Herrschaft Purschenstein (und darüber hinaus) ausbreiteten.
4. Weitere Erklärungen und Namensfunde zu dem Namen Tittel
Die Ursprünge des Namen Tittel sind nicht klar belegbar, obgleich es hierzu umfangreiche Literatur und Interpretationen gibt (siehe unten). Der praktische Umgang mit den Kirchenbüchern und der Austausch mit Genealogen hat jedoch gezeigt, daß der Name TITTEL den unterschiedlichsten Schreibweisen folgt. Durch Lautverschiebungen, wie sie sich in den Kirchenbüchern widerspiegeln, variiert dieser Name zu wechselhaftem Charakter. Teilweise findet der Name über Generationen seine alte Schreibform wieder um dann erneut anders geschrieben zu werden. Der Name TITTEL erscheint also in den unterschiedlichsten, variierenden Schreibformen, anglizistische Varianten nicht berücksichtigt:
TIDEL, DIETEL, TIEDE, TIEDEL, TITHEL, DIETTEL, TIETTEL, TITEL, DITTEL, TIETEL, DIETL, TITTL, TITTUL, TITUL, TÜTTEL und TITELIUS (lateinisiert)
Belegt ist auch der Nachweis eines "von TITEL". Hier ist die Rede von einem gewissen Zacharias von Titel, der 1520 von Karl V. wegen Tapferkeit vor dem Feinde mit dem Goldenen Blietz belohnt und geadelt worden sei. Erwähnt sei auch der frühe schriftliche Nachweis des Namen DITTEL, wie er der Türkensteuerliste für Neuhausen, aus dem Jahre 1542, zu entnehmen ist. In diesem Verzeichnis der Lehnsherrschaft Purschenstein ist namentlich Simon DITTEL genannt.
In Ergänzung der unter 1. aufgeführten Erklärungen seien noch die nachstehenden Hinweise gegeben:
Brechenmacher 10 führt Tittel (Tittelmann), auch mit D geschrieben, auf die Koseform zu der Kurzform Dieto, Dieto, Dietel zurück. Auch nach Gottschald 11geht Tit- auf Diet zurück, dem das gotische thiuda, das althochdeutsche diot, deot und mit- telhochdeutsche diet in der Bedeutung Volk zugrundeliegt (daraus bildete sich übrigens "deutsch"). Ähnliches findet sich auch bei Heintze-Casorbi.12 Seiner Herkunft nach weist der Name nach Südwestdeutschland und dürfte im Zuge der "Ostkolonisation" in das neue Siedlungsgebiet in das Erzgebirge gelangt sind. Nach Naumann13 wird die Bedeutung des Namens Diet(e)l, Tietel und, Tittel wie folgt erklärt: 1361 Dityl = Diterich luerlin, 1384 Dietel, 1450 Dittl. KF (Kurz-, Koseform, kontrahierte Form) zum Rufnamen Diederich oder Rufnamen althochdeutsch thiot-, diot-helm 'Volk, Menschen' + 'Helm' bzw. thiot-, diot-walt 'Volk, Menschen' + 'Gewalt, Macht' oder 'walten, herrschen'; Tittel zum Teil auch Übername zu mittelhochdeutsch tütel deminutivisch zu 'Zitze, Brustwarze' oder zu mittelhochdeutsch tütelen 'schmeicheln'.
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| 1 |
Die folgenden sprachgeschichtlichen Ausführungen stützen sich auf ein Schreiben von Sandra Berndt MA, Gesellschaft für Namenkunde e.V., Sitz: Universität Leipzig vom 13.01.2004 |
| 2 |
Ludwig Igálffy-Igály. Adelige und bürgerliche Träger des Namens Tittel im mitteleuropäischen Raum in verschiedenenen Namensformen und Schreibweisen, in: Adler (Zeitschrift für Genalogie und Heraldik, 22. Band, Juli/September, Heft 3, S. 73 |
| 3 |
Die Aufzählung nach Hinweisen aus dem Brief in Anm. 1 und den Namenslexika Hans Bahlow, Deutsches Namenslexikon, Suhrkamp TB Nr. 65, 1995 sowie "Das große Buch der Familiennamen", Bassermann, 1999 |
| 4 |
Mitteilungen von Klaus Wagner/Winterhausen in einem Schreiben vom 28.06.2006 |
| 5 |
Saydaer Gelübde-Buch 1490-1500, Hauptstaatsarchiv Dresden, Loc. 9876/3, f.6 |
| 6 |
Konrad Kunze, dtv-Atlas Namenkunde, 5. Auflage, München 2004, S. 198-221. Benutzt wurde die Telefonbuchausgabe 2006/7 |
| 7 |
Hans-Peter Wessel, Der Clausnitzer Richter Georg Bieber (+1563), in: Familie und Geschichte, Band V, Heft 2, April-Juni 2006, S. 433-444 (mit weiterführenden Literarturangaben) |
| 8 |
Wie Anm. 5 und Loc. 9876/4, 1501-1515 |
| 9
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Bei einem Besuch im Hauptstaatsarchiv Dresden konnten erst einmal nur die Namen und Daten erhoben werden. Die zahlreichen Dokumente, auch aus dem Gerichtsbuch Clausnitz, sind noch nicht ausgewertet. |
| 10 |
Brechenmacher,Josef Karlmann: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Familiennamen, C.A. Starke Verlag, Limburg a.d. Lahn, 1957/63, Band I und II |
| 11 |
Gottschald, Max: Deutsche Namenskunde (Unsere Familiennamen), Walter de Gruyter, Berlin-New York, 1982 |
| 12 |
Heintze-Casorbi: Die deutschen Familiennamen, geschichtlich, geografisch, sprachlich 1933, Buchhandlung des Waisenhauses Halle/S.-Berlin |
| 13 |
Naumann, Horst: Das große Buch der Familien-Namen, Alter, Herkunft, Bedeutung. Mit Unterstützung der Gesellschaft für deutsche Sprache, Bassermann Verlag, ISBN 3-8094-0720-1 |
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