Umgang mit typischen Besonderheiten im Verhalten der Personen mit Schädel

Umgang mit typischen Besonderheiten im Verhalten der Personen mit Schädel-Hirn-Trauma

(aus dem Buch "Erfahrungen mit dem Bobath-Konzept" von Bettina Paeth Rohlfs, ISBN3-13-116261-9)

Das Herstellen einer persönlichen Beziehung zu einem anderen Menschen, die geprägt ist von einer gewissen Nähe bei Einhaltung der notwendigen Distanz, ist eine Exitations- und Inhibitionsleistung des Zentralnervensystems. Eine mangelnde hemmende Kontrolle zeigt sich in diesem Bereich häufig in Form von Distanz- und Taktlosigkeit, Aufdringlichkeit, manchmal auch Aggression. Während meiner Arbeit mit den oft jungen Menschen mit Zustand nach einem SHT, musste ich auf die verschiedensten Varianten von Annäherungsversuchen, unmoralischen Angeboten, Beleidigungen, Liebeserklärungen, Drohungen, Versuchen mich zu schlagen oder anzuspucken reagieren. Ich erinnere mich dann immer wieder daran, dass ich nicht als Person gemeint bin, sondern dass diese Reaktionen Folge der mangelnden Hemmung sind. Ein tiefes Durchatmen und beruhigendes "Bis-10-zählen" regulieren dann meine Reaktion auf dieses Verhalten. Das Aufzeigen von Grenzen, von akzeptablen und nicht akzeptablem Verhalten, ist in diesen Fällen äußerst wichtig. Das Schließen von Verträgen, die von beiden Seiten strikt eingehalten werden müssen, ist sehr hilfreich.

Beispiel: K., ein junger Mann von 19 Jahren, ist seit Monaten entweder im Krankenhaus oder im Rehazentrum. Er vermisst zärtlichen Körperkontakt. In der Physiotherapie kommt es notwendigerweise zu Körperkontakt mit der jungen Therapeutin. Nach Ende einer Behandlung kommt er im Rollstuhl angefahren und fast die Therapeutin am Knie. Sie nimmt seine Hand weg, sieht ihn entschlossen an und sagt in ernstem, entschiedenen Ton, dass er sie nicht so anfassen soll. Er fragt warum nicht, in der Therapie dürfe er das doch auch. Sie erklärt klar, dass das in der Therapie hin und wieder notwendig ist, außerhalb der Therapie jedoch nicht toleriert wird. Nur so kann K. die Grenzen erkennen, die er im Umgang mit dieser jungen Frau einhalten muß.

Beispiel: P., ein junger Mann von 21 Jahren, beschimpft die Therapeutin mit unglaublichen Ausdrücken. Diese reagiert eine Zeit lang gelassen, überhört die Beschimpfungen, geht gleichmäßig höflich mit ihm um, in der Hoffnung, dass er ruhiger wird. Als dies nicht geschieht und er immer beleidigendere Schimpfworte benutzt, macht sie ihm ganz klar, dass sie nicht mehr kann, dass sie ihre Ohren nicht mehr länger auf "Durchzug" stellen will und dass es beginnt, sie persönlich zu treffen. Sie fragt ihn, ob er nicht mehr weiter von ihr behandelt werden will. Er sagt doch, er möge sie gern und wolle weiter mit ihr arbeiten. Sie sagt, dass sie ihn nur unter der Bedingung weiter therapieren könne, wenn er die Beschimpfungen sein lasse, und zwar sofort und vollständig. Er verspricht das. Nach einigen Minuten beginnt er erneut. Sie sagt, dass er die Abmachung gebrochen habe und beendet ohne weiteren Kommentar abrupt die Behandlung. Sie sagt ihm, dass sie noch nicht wisse, wer ab dem nächsten Tag mit ihm arbeiten werde. Er fragt, ob sie denn nicht wiederkomme, worauf sie ihn an die Abmachung und an seinen Bruch erinnert. Er verspricht hoch und heilig, dass dies in Zukunft nicht wieder vorkomme. Sie sagt okay, sie komme dann am nächsten Tag für einen letzten Versuch noch einmal wieder. Am nächsten Tag erinnert sie ihn noch einmal an die getroffene Vereinbarung. Es folgt eine engagierte Therapie ihrerseits und konzentriertes Mitmachen seinerseits ohne jeglichen unflätigen Ausdrücke oder Beschimpfungen. Sie versichert ihm sehr ernsthaft, dass sie sofort die Therapie abbrechen wird, wenn er die Abmachung brechen sollte. Es geht gut, beide arbeiten konzentriert, er ist am Ende richtig stolz auf sich, dass er es geschafft hat, sie bedankt sich dafür und beide vereinbaren, es am nächsten Tag genau so zu machen.

Ich versuche stets, das Einverständnis des Patienten für einen entscheidenden Behandlungsschritt zu erhalten. Wenn er zugestimmt hat, kann er schwerer wieder "nein" sagen. Dabei formuliere ich die Fragen so, dass eine Ja-Antwort zu dem führt, was ich für notwendig halte. Es ist aus der Rhetorik bekannt, dass wir Menschen lieber mit ja als mit nein antworten. Es ist leichter, kostet weniger Energie, zuzustimmen als mit nein abzulehnen. Ähnlich wie bei Personen mit Sprechstörung stelle ich keine Entweder-oder-Fragen, wie z.B. "Möchtest du lieber im Sitzen weiter arbeiten oder im Liegen?" Eine solche Frage formuliere ich suggestiv: "Ich glaube, es wird einfacher für dich, im Liegen weiter zu arbeiten, meinst du nicht auch?" Der Patient soll sein Einverständnis verbal oder nonverbal geben. Ich überlasse es aber nicht dem Zufall, womit er einverstanden ist, ich lenke ihn mit allen mir bekannten rhetorischen Tricks zu dem, was ich therapeutisch für notwendig halte.

Gibt der Patient sein Einverständnis allerdings nicht, auch nicht nach ein wenig Diskussion, dem Versuch der Überzeugung etc., so muss das akzeptiert werden! Vertrauen ist die Basis der Zusammenarbeit, das Einhalten der Vereinbarungen ist die Grundlage dieses Vertrauens.


Umgang mit sprachgestörten Personen

Bei der Kommunikation liegt die Verantwortung zu 50% beim Sprecher und zu 50% beim Zuhörer!

Zuhören bedeutet Warten! Personen mit Aphasie brauchen mehr Zeit für ihre Äußerungen.

Sprechen steckt an! Was die Person mit Aphasie sagt, wird häufig vom Gesprächspartner beeinflusst. Man soll deshalb nicht zu früh mit Wortvorschlägen helfen. Wenn es doch erforderlich ist, sollte man unbedingt die Bestätigung der Person mit Aphasie abwarten und nicht einfach annehmen, dass das richtige Wort vorgeschlagen wurde.

Eselsbrücken benutzen! Man sollte ein Wort das nicht passt, nicht gleich verwerfen. Es könnte später zum beabsichtigten Wort hinführen.

Die Dinge sprechen lassen! Man sollte ständig mitdenken und die Situation genau beobachten. Das hilft beim Verstehen.

Das Thema suchen! Man sollte versuchen, gemeinsam mit der betroffenen Person herauszufinden, worauf sich diese Aussage bezieht. Dazu bieten sich geschickte, systematische Fragen an.

Durch die Sprache hindurchhören! Bei unverständlichen Äußerungen sollte man nicht ständig unterbrechen, sondern abwarten, ob sich der Sinn nachträglich ergibt.

Nur auf den Inhalt achten! Oft ist es besser, die Form zu übersehen und nicht ständig zu verbessern. Dauerndes Verbessern kann beim Gegenüber den Fluss und den Rhythmus stören und die Probleme verstärken.

Nachsprechen ist keine echte Kommunikation! Man sollte nicht nur auf sprachliche Äußerungen bestehen sondern auch nicht sprachliche akzeptieren.

Konzentrieren hilft nicht! Ein Schlüsselsatz ist oft: "Vielleicht kannst du es später sagen." Das Erlebnis auf ein ganz bestimmtes Wort nicht "zu kommen", kennen auch viele Nicht-Aphasiker. Nach einem Moment der Ablenkung fällt es einem leichter ein.

Bei Perseverationen ablenken! Bei hartnäckigen Wortwiederholungen sollte man unterbrechen und ablenken.

Nicht aufgeben! Hier ist der Schlüsselsatz: "Wir werden es herausfinden! Fang noch einmal an!" Wenn es jetzt immer noch nicht geht, kann man es später noch einmal versuchen.

Tageszeit und Stressanforderung beachten! Abends und in aufregenden Situationen kann die Sprachleistung schlechter sein als frühmorgens und in entspannten Augenblicken. Wichtiges sollte man nicht unbedingt zu ungünstigen Zeiten besprechen wollen.

Verständigung am Telefon ist ungleich schwerer als beim persönlichen Kontakt!

Ruhe ist sehr wichtig. Hintergrundgeräusche stören das Verstehen. Zweiergespräche sind leichter als Gruppengespräche.

Die Lautstärke sollte nicht erhöht werden. Man sollte ruhig, nicht zu schnell und natürlich in normaler Lautstärke sprechen.

Der Wortlaut sollte variieren. Bei Nichtverstehen müssen andere Formulierungen gewählt werden.

Kürze kann helfen. Je nach den individuellen Möglichkeiten der betroffenen Person müssen nach kürzeren Abschnitten, Satzteilen, Sätzen oder kurzen Passagen kleine Pausen eingelegt werden.

Ja/Nein-Fragen sind zu bevorzugen. Offene Fragen und Alternativfragen sind oft zu schwer.

Es hilft, nonverbale Signale einzusetzen. Neben Tonfall, Mimik und Körpersprache können auch Schrift und Bild genutzt werden.

Es ist empfehlenswert, sich in das Blickfeld der betroffenen Person zu stellen.