GRUNDZÜGE DER ALTORIENTALISCHEN MUSIKTHERAPIEvon Gerhard Tucek1.

GRUNDZÜGE DER ALTORIENTALISCHEN MUSIKTHERAPIE

von Gerhard Tucek


1. Historische Grundlagen und Wirkweise

"Der Körper ist krank, wenn die Seele geschwächt ist und er ist beeinträchtigt, wenn sie beeinträchtigt ist. Daher geschieht die Heilung des Körpers durch die Heilung der Seele, indem ihre Kräfte wieder hergestellt und ihre Substanz in die rechte Ordnung gebracht wird mit Hilfe von Klängen, die dies bewirken können und dafür geeignet sind." - Al Farabi (870 -950 n. Chr.)

Altorientalische Musiktherapie (AM) ist ein seit ca. eintausend Jahren dokumentiertes, empirisch bewährtes System von praktischer, therapeutischer, prophylaktischer und rehabilitativer Relevanz.

Die Wurzeln dieser Therapieform reichen bis in die Zeit musikalischer Heilzeremonien zentralasiatischer Schamanen zurück. Im Zuge der Entwicklung des "Makamsystems"
1) (Tonsystem) innerhalb der islamischen Medizin erfährt dieses Behandlungssystem maßgebliche Differenzierungen: Musik wird Bindeglied zwischen physiologischem und psychischem Geschehen.

1) Makamen sind neuntönig (ein Ganzton wird in neun Teiltonschritte geteilt) mikrotonal ausgerichtete Tonskalen. Spezifische Klangstrukturen bauen auf einem bestimmt festgelegten Grundton auf und sind damit, anders als im temperier ten System, nicht beliebig transponierbar.

Altorientalische Musiktherapie ist eine Behandlungsmethode mit direkter organspezifischer Wirkung. (Zuordnung Körperzonen-Makam). Ihr Wirkmechanismus läßt sich in fünf Dimensionen beschreiben:

1. Aktivierung und Stabilisierung des Immunsystems (speziell unspezifische Immunabwehr);
2. Kompensation physiologischer Belastungszustände (z.B. zur Reduktion der Nebenwirkungen von Zytostatika);
3. Reduktion von akuten und chronischen Schmerzzuständen;
4. Förderung kognitiver Kompetenzen (z.B. Konzentrations- oder Lernfähigkeit);
5. Öffnung für Freude als Grundgestimmtheit des Menschen (antidepressiogene Wirkung; Ausgleich pathologischer Affektzustände, indirekte Wirkung auf das Immunsystem etc.) Integration aller Persönlichkeitsdimensionen durch Akzeptanz und Transformation.


2. Menschenbild, Behandlungsziele

AM begreift den Menschen als physisch - geistig - mentale Einheit. Ähnlich wie die heutige Verhaltens- therapie die "gesunden" Persönlichkeitsanteile therapeutisch in den Mittelpunkt rückt, stellt AM das Bild des "heilen Menschen" in ihr Zentrum: die Entfaltung der Person zur ihr wesenhaft zugrunde liegenden Essenz.

Sie fördert die Hinwendung des einzelnen Menschen in sinnenhafter Offenheit zur Außen-, Innen- und transzendenten Welt, sein individuelles "Heilsein" (seine "Ganzheit") zu entwickeln.
Dieser Erkenntnisprozeß ist seinem Wesen nach offen und zieht keine scharfen Trennlinien zwischen physischen, psychischen und spirituellen Seinsdimensionen.
Therapie zielt hier innerhalb ihres medizinischen Auftragsprofils wesentlich darauf ab, den Patienten zur Umsetzung von Lebensprinzipien als Konkretion eines höheren Ordnungsprinzips zu bewegen ("e-movere").

Dies erklärt den therapeutischen Ansatz, durch die Stärkung der Geistigkeit des Menschen auch seine seelische und körperliche Natur zu kräftigen.
Ein nach heutigen Kriterien effizientes therapeutisches Vorgehen im Rahmen der AM verlangt vom Musiktherapeuten fundierte theoretische wie praktische ethnologische und kulturanthropologische Kenntnisse, sowie Kenntnisse in Musikwissenschaft, Musikpsychologie, Humanpathologie und westlicher Therapiemethodik. Das Konzept der AM macht sich darüber hinaus die im Menschen grundgelegte Fähigkeit zu intuitivem Erkennen und Handeln nutzbar.


3. Die angewendeten Methoden und ihre Funktionsweisen

3.1. Grundlagen der rezeptiven AM
Die historische Grundlage der Wirktheorie der rezeptiven AM die "Ethoslehre" in der Musik: Ihr Grundgedanke in der Musik ist die Theorie einer engen, auf dem Prinzip von Bewegung beruhenden Wechselbeziehung zwischen Klang und Rhythmus einerseits und dem menschlichen Gemütsleben andererseits. Ihr Kernsatz lautet: "Die hörbare Bewegung vermag die Bewegung der Seele nicht nur darzustellen und widerzuspiegeln, sondern auch zu erzeugen" (nach H. Albert (L 1899) in: Kümmel 1977). Auffallend ist hier die Beziehung zur Idee der heilenden Potenz von Musik wie sie Platon in seinem naturwissenschaftlichen Werk Timaios vertritt - ein Ansatz, der sich bis ins 20. Jahrhundert zieht: das naturgestzhaft ontische (also auch humane) Ordnungsprinzip, in Klangform Gestalt.

Die methodische Ausrichtung der AM ist "allopathisch" konzeptioniert, folgt also dem Prinzip des physiologischen und seelischen Ausgleichs von Defiziten oder Überschüssen durch Harmonisierung und Stärkung. Dieses Phänomen findet heute seine methodologische Antwort in Akupunktursystemen, Biophoton-Konzepten und letztlich sogar in pharmakologisch orientierten psychiatrischen Schulen, die zwischen stimulierenden, sedierenden und psychisch ordnenden Medikamenten unterscheidet. AM liegt ein in sich konsistenter, nicht konfliktorientierter, sondern, ähnlich den Paradigmen von Homöostase und Equilibration in der Psychosomatik, auf dem Prinzip des Ausgleichs beruhender Behandlungsplan zugrunde. Sie begreift dabei Musik als Bindeglied zwischen physiologischem und psychischem Geschehen im Menschen. Das Altorientalische Behandlungskonzept beinhaltet gleichermaßen therapeutische, prophylaktische wie auch posttherapeutische Aspekte.

Der therapeutische Effekt der rezeptiven AM beruht auf einer Abfolge bestimmter Modi und Melodien (Makamen). Ihr strukturell-intuitiver Weg unterscheidet sich dabei wesentlich von Musikstück-Sequenz-Plänen westlicher Musiktherapien, die einen mehr analog-heuristischen Ansatz vertreten. Makamen sind neuntönig (d.h. daß ein Ganzton in neun Teiltonschritte geteilt wird) mikrotonal ausgerichtete Tonskalen, die mit spezifischen Klangstrukturen auf einem bestimmten Grundton aufbauen und somit nicht beliebig transponierbar sind. Von den heute 375 namentlich bekannten Makamen sind gegenwärtig noch etwa 50 Makamen tatsächlich in Verwendung.
Die beiden Tabellen veranschaulichen diesen aus heutiger Sicht "holistischen" Ansatz.
Abbildung 1 und 2


3.2. Das Konzept der aktiven AM
Das Konzept der aktiven AM, im modernen westlichen Sprachgebrauch als "Bewegungs(bewußtseins)therapie" beschreibbar, besteht aus einer Abfolge zunächst festgelegter Bewegungselemente, die später improvisatorisch vom Patienten erweitert werden. (vgl. Tucek 2000) Therapeutische Bewegungen haben dabei nicht nur funktionalen Charakter, wie etwa physiotherapeutisch-rehabilitative Bewegungsübungen, sondern sind darüber hinaus auch Träger und Vermittler universeller geistiger Prinzipien.

3.2.1. Wurzeln der aktiven AM

* Das Riyazed - Konzept 2) leitet sich aus diätetischen Lebensregeln ab, die sich in der Medizinge- schichte weit zurückverfolgen lassen. Medizingeschichtlich dokumentierte Wirktheorien belegen den Einfluß von Bewegung (ebenso wie jenen des Klangs der Musik, des Worts oder des Geschmacks/ Geruchs) auf die Wahrnehmung und das Denken des Menschen. Ziel des Riyazed ist es, den Menschen unter Bedachtnahme auf seine physio- psychologisch - spirituellen Dimensionen Hilfestellungen anzubieten, die ihn in einen Zustand größtmöglicher physischer und psychischer Ausgeglichenheit führen und stabilisieren. Bezogen auf die verschiedenen Sinnesbereiche, wurden deshalb spezielle Konzepte zur Schulung und Wahrnehmungsverfeinerung des Gehörs, der Augen, des Gruchsinnes, des Verdauungstraktes, des Tastsinnes, der Stimme und des Bewegungs- apparates entwickelt. Auf diese Weise wurden die sozialen und psychologischen Grundlagen für eine seelische und körperliche Genesung der Patienten geschaffen und die Wirkung etwaiger chirurgischer oder anderwertiger medizinisch- medikamentöser Behandlungsmethoden verstärkt. 2) Hier zeigen sich Parallelen zu polyästhetischen Therapiekonzepten.
* Schamanische und sufischen Heil- und Gebetstänze Zentralasiens
Eine weitere historische Quelle für die aktive AM bilden zentralasiatische schamanische und sufische Heil- und Gebetstänze. Da diese in früheren Publikationen (Tucek 2000 1996 / 97) bereits eingehender besprochen wurden, soll hier aus Platzgründen lediglich darauf verwiesen werden, daß sie als Inspiration und Grundlage für ein therapeutisch angewandtes Set harmonisierender, entspannender bzw. aktivierender Bewegungsmuster im Rahmen der aktiven AM verwendet werden. (vgl.Tucek 2000)

Heutige aktive und rezeptive Anwendungsmethodik verbindet die Evozierung leicht veränderter Zustände des Wachbewußtseins (VWB) über den akustischen bzw. akustisch - kinästhetischen Weg.
Im geschützten therapeutischen Setting treten häufig Phänomene auf, die Dietrich & Scharfetter (1987: 38) als gemeinsamen Kern aller VWB's beschreiben :

* Veränderung von Denkabläufen
* Veränderung des Zeiterlebens
* Intensive Emotionen
* Körperschema - Veränderungen (bis "Körperlosigkeit")
* Optisch - halluzinatorische Phänomene, Synästhesien (abnorme Mitempfindung)
* Verändertes Deutungserleben

Diese beobachteten Wirkphänomene der AM verweisen unserer Meinung nach auf eine möglicherweise vielversprechende Richtung für weiterführende Forschungen.


3.3. Das therapeutische Beziehungsmodell der AM

läßt sich in wesentlichen Elementen mit dem im Westen bereits bekannten Buberschen Beziehungsmodell vergleichen. Bei Buber geht es um eine prozeßhafte Überführung des Wesens des Anderen aus der Potentialität in die aktuelle Konkretion. Er verweist im pädagogischen Prozeß auf die Bedeutung einer personalen Lehrer - Schülerbeziehung. Ahnliches gilt auch für einen therapeutischen Beziehungsprozeß im Sinne der AM. Buber schreibt: "
... Einflusswille bedeutet dann (wenn der andere in seinem Wesen bejaht wird I.B.) nicht die Bestrebung, den anderen zu ändern, ihm meine eigene "Richtigkeit" einzupfropfen, sondern die, das als richtig, als recht, als wahr Erkannte, das ja eben darum auch dort, in der Substanz des anderen angelegt sein muß, dort, eben durch meinen Einfluß, in der der Individuation angemessenen Gestalt aufkeimen und erwachsen zu lassen ....". (Buber M. 1960, S. 36.f)

Die Konkretisierung dieses Gedankens in einer therapeutische Beziehung verlangt vom Therapeuten/in den/die Patienten/in in eine Seinsdimension zu führen, die er/sie selbst lebt. Entscheidend hierfür ist die zwischenmenschliche Beziehung, die ontologisch auf eine transzendente Beziehung Gott - Mensch verweist. Das Wesen dieses eigentlich gemeinten Ich - Du - Bezugs ist nicht primär an eine inhaltliche Mitteilung, sondern an die durchtönende transzendente Realität geknüpft, der es unmittelbar gewahr zu werden gilt. Hier wird der Rahmen von rein zwischenmenschlich - kommunikationstheoretischen Ansätzen um eine transzendente Dimension erweiter. Diesert Idee folgt auch die AM im musikalisch- therapeutischen Handeln und Gespräch.
3) Dennoch: AM vertritt - vergleichbar mit dem Buberschen Dialogkonzept - die Idee, daß eine Mitteilung in ihrer höchsten Form auch wortlos sein kann, womit u.a. der Raum für eine Gegenwärtigung der subjektivitätsüberschreitenden Ich - Du - Beziehung im künstlerischen Ausdruck geöffnet ist. Dies übersteigt reine Rationalität und verweist auf eine transrationale Dimension der menschlichen Existenz. Buber geht noch darüber hinaus wenn er schreibt: " ... Aber in seinen höchsten Momenten langt der Dialog auch über diese Grenzen hinaus. Er vollendet sich außerhalb der mitgeteilten oder mitteilbaren Inhalte, auch der persönlichen, und doch nicht etwa in einem "mystischen", sondern in einem genauen Sinn faktischen, durchaus der gemeinsamen Menschenwelt und der konkreten Zeitfolge eingefügten Vorgang, ... "- aber eben nur eingefügt, und nicht ihnen selbst unterworfen. (Buber 1997; S. 130 ) 3) Hier klingen auch Ideen von Carl Roger´s Gesprächspsychotherapie und dessen Konzept von therapeutischer Empathie an.

Für den abendländischen Menschen, der gewohnt ist, Gehalte an Inhalte gebunden zu wissen, mag dieser Gedanke zunächst schwer nachvollziehbar sein. Er ist gewohnt, eine persönlich wahrgehabte Wirklichkeit, die eine mit sich selbst und anderen gemeinsam geteilte Realität sein bzw. werden soll, in Worte zu fassen. Einen nicht sprachlichen Zugang zur Vermittlung und Gegenwärtigung derartiger Erfahrungsdimensionen vermögen hier die Künste zu erschließen.
4) Hier, am Punkt derartiger sprachlich- rationaler Unvermittelbarkeit, würde nach Buber das vom Individuum Wahrgehabte aus dem Ich - Du - Verhältnis herausfallen, dessen Wesensmerkmal ja die Überwindung der Subjektivitätsschranke ist. Für Buber bleibt die dem Ich - Du - Bereich zugeordnete Beziehung letztlich ein Gnadenakt und somit unplanbar. Buber schreibt hierzu:
" ... Ich werde am Du. Das Du begegnet mir von Gnaden - durch Suchen wird es nicht gefunden. Aber das ich zu ihm mein Grundwort spreche, ist Tat meines Wesens, meine Wesenstat. Das Du begegnet mir. Aber ich trete in die unmittelbare Beziehung zu ihm. So ist die Beziehung Erwähltwerden und Erwählen, Passion und Aktion in einem. ..." (vgl. Buber M. a.a.O. S.15)
4) Hierunter fällt auch die Poesie, deren Wesen es ja ist, nicht aus der Ratio geboren zu sein; ja diese sogar dem schöpferisch poetischen Akt störend entgegensteht.

Für Buber, der tief in seinem religiösen Denken verankert ist,
" ... schneiden sich die verlängerten Linien der Beziehung im ewigen Du ...". Die möglichen Beziehungen des Menschen sind also von Gott her personal umfaßt. Analog dazu umfaßt auch der Lehrer den Schüler bzw. der Therapeut den Patienten in seinem Wesen und ermöglicht so eine pädagogische / therapeutische Begegnung, in der er (der Lehrer / die Therapeutin) die Werte der Welt in ihrem Bezug zu Gott repräsentiert und sich zugleich an den Bedürfnissen des Schülers / der Patientin orientiert. Hier schließt sich wiederum der gedankliche Kreis zum islamisch- mystischen Weltbild der vahted - al vucud (Philosophie der Einheit). Hier geht es seitens der Therapeutin um Teilhabe am Wesen und Sein des Anderen, ohne Überschreitung der Grenze der Eigensphäre der Person. "Umfassung ist ... Erweiterung der eigenen Konkretheit, Erfüllung der gelebten Situation , vollkommene Präsenz der Wirklichkeit, an der man teilhat ...". (vgl. Buber M.: Über das Erzieherische. In: ders. Reden über Erziehung a.a.O. S. 11 - 40, hier S. 31) Dieser erzieherische / therapeutische Akt ist ein einseitiger. Dennoch, auch der Schüler / die Patientin antwortet, indem er/sie dem Therapeuten / der Lehrerin sein Vertauen schenkt. Der Therapeut /die Lehrerin sucht das, was er/sie in sich selbst als das Rechte erkannt hat, auch in der Seele des Anderen, als darin angelegt zu finden und zu fördern. Auf der Basis einer religiösen Fundierung ist weder Scheinbegegnung noch Mißbrauch denkbar.
Die heutige AM fußt explizit auf diesen - aus meiner Sicht sehr wohl auch mit westlichen Werten kompatiblen- Interpretationen des Islam und darf nicht mit Konzepten der islamischen Scharia- Orthodoxie und heutigen fundamentalistischen Strömungen verwechselt bzw. vermischt werden. Liebe in obigem Sinne als Leitbild und Ideal einer therapeutischen oder pädagogischen Beziehung (in welche Begriffe sie auch immer gekleidet sein mag) darf Universalität zuerkannt werden.

Der große Wert des Ansatzes, wie ihn Buber und die AM vermittelt liegt in der Durchbrechung rationaler Reduktionismen hin zu einem Weltbild, welches sich nicht der transzendenten Dimension verweigert.

4. Die Behandlungspläne der AM
Die Behandlungspläne der AM zielen auf eine größtmögliche Reintegration des Patienten auf fünf Ebenen ab:

* Körperliche Ebene
* Emotionale Ebene
* Kognitive Ebene
* Soziale Ebene
* Geistige Ebene (siehe Absatz Beziehungskonzept der AM und M. Bubers)

Am Beispiel der Arbeit bei Schädel - Hirn - Trauma - Patienten soll kurz ein Therapieplan skiziert werden:

4.1. Die Arbeit mit AM auf der körperlichen Ebene durch:

* Bewegungsübungen: Durch die an die jeweilige Remissonsphase des Patienten angepaßten Bewegungsübungen zu rhythmisch speziell strukturierten Klang- und Melodienfolgen wird auf eine für den Patienten spielerische Art Kontakt zum eigenen Körper aufgenommen. Bei Patienten in einer frühen Remissionsphase übernimmt der Cotherapeut die Aufgabe, durch sanfte Berührungs- bzw. geführte Bewegungsimprovisationen zu live gespielter Musik, den Patienten zu stimulieren. Berührung wird in der konkreten therapeutischen Situation oft zur nonverbalen Frage: "Ist Dir dies angenehm? Willst Du auf mein Angebot eingehen? Dabei ist es wichtig, daß das Therapeutenteam gut aufeinander eingespielt ist, um den Patienten nicht zu überfordern.
* Rezeptives Musikerleben ausgewählter organ -bzw. körperzonenspezifischer Tonarten: Gemäß dem Altorientalischen Musiktherapieansatz werden Organ-, Körperzonen- bzw. emotionsspezifische Tonarten ("Makamen") in konzentrativen Hörsitzungen appliziert. Beispielsweise kommen bei Patienten mit Schädel - Hirn - Trauma bevorzugt die Makamen Rast und Segah zum Einsatz, da sie konzeptionell gezielt auf den Kopfbereich des Menschen wirken. (vgl. Abb. 1)
* Aktives gemeinsames Musizieren von Therapeuten und Patienten: Aktives Musizieren des Patienten mit Rhythmusinstrumenten (Rahmentrommel, Maultrommel etc.) und einfachen Zupf - und /oder Blasinstrumenten (Dombra, Harfe, Mundharmonika, etc.) gemeinsam mit dem Therapeuten bzw. eventuell auch in der Kleingruppe. Hiebei wird der Patient aktiv in das musikalische Geschehen miteingebunden. Dort wo Schwellenängste bezüglich der unbekannten Instrumente auftreten, werden dem Patienten Wasserschalen angeboten, mit denen er in einem großen Gefäß Wasser gießt. Das so entstehende Geplätscher wird oft mit dem beruhigenden Geräusch eines Zimmerbrunnens assoziiert. Der Patient erlebt sich auf diese Weise in einem prozeßhaften Wandel von der Lage eines "passiv erleidenden" - zu einer Position eines "kreativ handelnden" Menschen. Sein "Handeln" wird für ihn und die Umwelt (dem Therapeuten, eventuell auch den anwesenden Angehörigen des Patienten) taktil und akustisch wahrnehmbar. Durch die Stimuli des aktiven Musizierens werden noch vorhandene physiologische Kompetenzen angesprochen, vom Patienten erforscht und vertieft. Die Wiedererlangung von Vertrauen in den eigenen Körper durch sinnenhaftes Erfahren und Erleben steht hier im Mittelpunkt. Dieser Zugang ist erst für Patienten geeignet, die bereits ein hohes Ausmaß an kognitiven Kompetenzen wiedererlangt haben.
* Imaginative und sensorische Körpersensibilisierungsübungen zu Musik: Durch speziell auf die Situation des Patienten abgestimmte Imaginations- und sensorische Sensibilisierungsübungen zu Musikbegleitung, soll die Kontaktaufnahme des Patienten zu beeinträchtigten Körperzonen gefördert werden. Dadurch wird ein Neuaufbau und eine Integration des subjektiven Körperschemas angestrebt.

4.2. Die Arbeit mit AM auf der emotionalen Ebene

Vor allem in einer frühen Behandlungsphase im Übergang von Akut- zur Rehabilitationsphase erweist sich AM als ein den Patienten psychisch stabilisierender Faktor.
Erfahrungen mit AM erlauben den Schluß, daß sich der Bewegungsaffekt über den auditiven Kanal besser, weil spielerisch leicht und ohne primären Leistungsanspruch an den Patienten, beeinflussen läßt. Musikhören ist ein psychischer Akt der nur bedingt der Willkür unterliegt und stimuliert per se Bewegung ohne Leistungsdruck.

AM bezieht ihre emotionale Wirkung aus:

* der emotionalen Stimulation durch die musikalische Hörerfahrung (in allen Stadien des Rehabilitationsverlaufes)
* der Motivation durch den Bewegungserfolg beim aktiven Mitmusizieren und Bewegen zu Musik (in fortgeschrittenen Remissionsphasen).

Hiebei steht prozeßorientiertes Vorgehen mit Bedachtnahme auf ein möglichst freudvoll - spielerisches Erleben des Patienten im Mittelpunkt. Dieser Prozeß der Motivationssteigerung wird durch Evozierung von positiven, freudvollen Gefühlen eingeleitet. Dies geschieht in früheren Remissionsphasen durch die Auswahl spezieller Tonarten und Musikstücke durch die Musiktherapeuten. Von Beginn an wird gleichzeitig versucht, mit dem Patienten eine vertrauensvolle Beziehungsebene aufzubauen, die sich zunächst auf körpersprachlichem Ausdruck gründet. Speziell in dieser Phase ist die Intuition des Therapeutenteams gefordert, da die Patienten über weite Strecken nicht in der Lage sind, ihre Gefühle und Wahrnehmungen zu verbalisieren.
In einer späteren Remissionsphase wird versucht, den Patienten über assoziative Regression in eine positiv erlebte Emotionslage der Vergangenheit zurückzuführen. Es wird biographisch zu ergründen versucht, was dem Patienten in seinen "emotionalen Hochzeiten" wichtig und wertvoll war.

Vier Aspekte werden durch aktives Bewegen und Musizieren sowie rezeptives Musikhören auf der emotionalen Ebene gefördert:

* Die oftmals angstbesetzte Rückkehr des Patienten nach einem Schädel -Hirn- Trauma in das Alltagsbewußtsein wird durch spezielle Tonarten und Musikstücksequenzen begleitet. Musik hat hier beruhigende, schützende und vertrauensfördernde Funktion. Die vielfältigen Umweltimpulse (wie Geräusche, Gerüche, etc.) überfordern die psychischen Verarbeitungsmöglichkeiten des Patienten in frühen Remissionsphasen. So dauern Musiktherapien in den ersten Phasen oft nur wenige Minuten. Die einstimmige Musikstruktur der AM scheint hier auf den Patienten ordnend und beruhigend zu wirken.
* Wiedererweckung des Patienteninteresses an einer für ihn neu zu ordnenden und zu gestaltenden Umwelt.
* Emotionale Offenheit gegenüber der neuen Situation.
* Spielerisches Erforschen momentaner körperlicher Funktionskompetenzen, prozeßhafte, positive Bezugsaufnahme zum Körper.

Aus der Psychoneuroimmunologie wissen wir, daß eine positive Emotionslage stärkend auf das Immunsystem wirkt und somit unspezifisch den Genesungsprozeß fördert (vgl. Schleicher 1997, S. 18, Abb. 4). Bei jenen Patienten, bei denen nach gegenwärtiger medizinischer Ermessenslage keine wesentliche Remission des Zustandsbildes zu erwarten ist, liegt das Therapieziel primär auf der Ebene einer Lebensqualitätsstabilisierung und -verbesserung.

Die Symbolebene
Als sehr inspirierend und förderlich zeigte sich bisher die Arbeit mit Patienten auf symbolsprachlicher Ebene. Hiebei wird vor allem die assoziative (bild- und sinnenhafte) Kompetenz des Patienten zusätzlich zur kognitiven Ebene gefördert.

* Elementsymbolik
  Wasserklänge: Der Patient oder Cotherapeut spielt mit Wasserschalen zu live gespielter Improvisationsmusik, indem er zwei kleinere Schalen in ein größeres mit Wasser gefülltes Becken taucht und auf diese Art das Geplätscher eines Springbrunnens imitiert. Geier zeigte, daß sich beispielsweise eine körperliche Kontaktaufnahme zu autistischen Personen in einem mit Wasser gefüllten Becken leichter bewerkstelligen läßt. (1995) Wasser gilt kulturanthropologisch betrachtet als Symbol des Lebens, Urgrund für Wandlung, Entwicklung und Reinheit 5). (in allen Rehabilitationsphasen)
Arbeit mit Naturfarben (Mineral-, Pflanzenfarben) zu Musik (in späteren Phasen der Rehabilitation)
ev. Einsatz von therapeutischem Reiten in Kombination mit Musik (in späteren Phasen der Rehabilitation)
5) vgl. z.B.Wasseranwendungen im Asklepiuskult.
* Poesie und Lehrgeschichten stellen ein Destillat aus den Gedanken vieler Jahrhunderte dar. Sie können viele Bedeutungsebenen haben, selbst wenn sie oberflächlich "nur" humorvoll zu sein scheinen. Wer kann lachen, und innerlich angespannt bleiben? Hier schließt sich Kreis zu einem wesentlichen musikalischen Wirkprinzip: Anxiolyse. Gleichzeitig vermag die Aussage der Geschichte in tiefere - vor- oder unbewußte - Bewußtseinsebenen vorzudringen und dabei den Raum für Perspektivenerweiterung bzw. -änderung vorzubereiten. Derartige Geschichten werden benutzt, um Dinge zu illustrieren, die Aufmerksamkeit der Zuhörer zu fokusieren, sowie auf bestimmte Aspekte des eigenen Lebens aufmerksam zu machen, die beispielhaft für Positives und Negatives sind. Derartige gezielt im therapeutischen Kontext eingesetzte Geschichten sollen dem Patienten dabei helfen, neue Perspektiven für den Genesungsprozeß bzw. sein Leben nach dem Krankenhausaufenthalt zu entwickeln. Sie sind vom Therapeuten auch als Angebot ohne Leistungsdruck auf den Patienten intendiert. (in späteren Rehabilitationsphasen)
* Imaginations- und Assoziationsarbeit zu Musik: Zu Musikimprovisationen werden vom Therapeuten angeleitete und / oder vom Patienten frei assoziierte Imaginationsreisen in den eigenen Körper unternommen (in späteren Remissionsphasen). Dadurch soll eine Reintegration der geschädigten Körperzonen, Förderung der Akzeptanz des eigenen Schicksals sowie eine Körpersensibilisierung bewirkt werden.

4.3. Die Arbeit mit AM auf der kognitiven Ebene

Diese Ebene ist bei einer erheblichen Zahl unserer Patienten (Station der Schwerstversehrten) nicht bzw. kaum möglich, da sie in ihrem Remissionsprozeß nicht kognitiv reflexionsfähig sind.
Bei Patienten, bei denen diese Voraussetzung wenigstens zum Teil erfüllt ist, steht die Förderung kognitiver Verarbeitungsmechanismen durch ressourcenorientiertes therapeutisches Vorgehen im Vordergrund. Speziell in der Phase der bevorstehenden Entlassung des Patienten in sein gewohntes Umfeld rückt die therapeutische Bearbeitung der Frage in den Mittelpunkt, wie der Patient sein Lebensumfeld im Hinblick auf seine nunmehr veränderte Lebenssituation in Hinkunft
subjektiv sinnerfüllend gestalten kann.
Auch hier ist das therapeutische Vorgehen patientenseitig ressourcenorientiert: Das heißt, daß nicht primär vorhandene Defizite im Mittelpunkt stehen, sondern die Suche nach Möglichkeiten, noch bzw. schon wieder vorhandene Fähigkeiten ins Bewußtsein zu bringen und für den Genesungsprozeß zu nutzen. Hiefür bietet sich die Arbeit auf einer Symbolebene an, die in weiterer Folge in psychologische Gespräche münden kann.

4.4. Die Arbeit mit AM auf der sozialen Ebene

* Patientenseitig: Musiktherapeutische Einzel- und Gruppensitzungen verfolgen neben den bisher besprochenen Aspekten vor allem das Ziel, den Patienten durch den Prozeß einer sozialen Wiedereingliederung zu begleiten. Gemeinsames Musizieren, rezeptives Musikhören und Körpersensibilisierungsübungen zu Musik sollen den Patienten in fortgeschrittenen Remissionsphasen aus einer häufigen Isolations- und reaktiven Depressionssymptomatik helfen. Wo immer es sinnvoll erscheint, bezieht AM Verwandte und Angehörige in den musiktherapeutischen Prozeß mit ein. Vom Therapeutenteam ist abzuschätzen, ab welchem Zeitpunkt dies angezeigt erscheint und wo eine gemeinsame musiktherapeutische Arbeit beiden Teilen - den Patienten wie ihren Angehörigen - nützt.
* Angehörigenseitig: In der Phase der notwendigen Umstrukturierung der Lebensrhythmen aller Betroffenen kann AM wichtige Impulse zur Entspannung und Burn - out - Prophylaxe geben. Erfreulicherweise wird die Notwendigkeit einer gezielten Angehörigenbetreuung in den letzten Jahren zunehmend anerkannt und gefördert. Angehörige sind es, die - im Gegensatz zu apallischen oder akinetisch - mutistischen Patienten ihre Betroffenheit, ihre Hilflosigkeit, Trauer, Wut und ihren Schmerz auch artikulieren können. Viele unserer gemeinsamen Bemühungen in der Angehörigenbetreuung gehen naturgemäß in die Richtung einer leistungsorientierten Schulung von Behindertenbetreuern und geben oftmals zuwenig Raum, oben genannte Gefühle zuzulassen und bearbeiten zu können. Angehörige wirken daher oft - wie viele unserer Patienten - gespannt, unsicher, bisweilen aggressiv. Sie verleugnen mitunter die Realität des schicksalshaften Unfallereignisses in seiner vollen Tragweite (zumindest im direkten Gespräch).Hier hat AM von Anfang an ein außerordentlich positives Echo bei den Angehörigen dadurch hervorgerufen, daß diese hier Gelegenheit finden, sich zu entspannen, mit Hilfe der angebotenen Musik in sich zu gehen und je nach individueller Bereitschaft und Möglichkeit entstehende innere Bilder erleben und bearbeiten zu können - ohne darüber Auskunft geben zu müssen. Wesentlich ist aus unserer Sicht, daß diese Stunde einen innerpsychischen und äußeren Raum für gemeinsames Erleben, gegenseitige Annahme und Zuneigung eröffnet. Dies wird erkennbar, wenn sich etwa Patienten und deren Angehörige an der Hand nehmen oder streicheln. Dieses individuelle wie auch alle Beteiligten verbindende Erleben in der Gruppe, fördert auch den Kontakt zwischen den einzelnen Angehörigen und bereitet oft den Weg für weiterführende psychologische Gespräche. Es zeigte sich, daß die zunächst erwarteten kulturbedingten Schwellenängste gegenüber der Fremdartigkeit der Instrumente und der dargebotenen Musik im klinischen Umfeld keine Rolle spielen.

Übersicht über das Zusammenspiel von Tonart, Emotion, Körperorgan, Astrologie und Tageszeit

Weiterführende Literatur zu diesem Thema erhalten Sie auf Anfrage bei dem Autor:
Gerhard Tucek: Kulturwissenschaftler, Studiengangsleiter für Altorientalische Musiktherapie , Musiktherapeut.
INSTITUT FÜR ETHNOMUSIKTHERAPIE
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