Gefangen im Koma  Wachkoma

Gefangen im Koma Reportage im ZDF am 16.10.2002

Im Wachkomahaus:
Uwe Pohl besucht seine Frau Bärbel

Dietmar Baumhof - Initiator
des Wachkomahauses

Dietmar Baumhof hat seine Tochter Ilona verloren. Mehrere Jahre lag das Kind im Wachkoma, wurde im Elternhaus gepflegt - bis es schließlich starb. Die Tragödie veränderte das Leben der Familie Baumhof und gab ihr eine Aufgabe: Die Eltern beschlossen, andere Komapatienten bei sich aufzunehmen und diese zu pflegen. Es ist möglich, aus dem Wachkoma zurück ins Leben zu kehren, daran halten die Baumhofs nach ihren Erfahrungen fest.

Wachkoma - haben die Patienten noch eine Chance?

Sie können nicht sprechen, zeigen kaum Reaktionen, scheinen zu schlafen. Lasst sie sterben, sagen die einen. Andere glauben an ihre Genesung - und haben einige Erfolge vorzuweisen. ZDF-Reporter Carsten Rüger besuchte ein "Wachkoma-Haus".

Austherapierte bekommen eine Chance
Ihr Haus in Bergneustadt wurde umgebaut, heute ist es ein Rehabilitationszentrum, ein 'Wachkomahaus'. Die Baumhofs nehmen vorübergehend Patienten auf, die Ärzte als nicht rehabilitierbar bezeichnen. Sie unterstützen Angehörige und motivieren sie, mit ihrer Pflege fortzufahren. Intensive Zuwendung und spezielle Therapie stehen in ihrem Haus gegen 'industrialisierte Zustandserhaltung' der staatlichen Fürsorge.

Wenn neue Patienten aus der Klinik zu Dietmar Baumhof verlegt werden, beginnt die Umstellung: Statt über eine Magensonde werden die regungslosen Menschen im Wachkomahaus von Pflegern ernährt - mit einem Löffel, denn sie sollen wieder schlucken lernen. Alle nicht lebensnotwendigen Medikamente werden nach und nach abgesetzt, zu häufig sind Beruhigungsmittel darunter. Die Körperfunktionen sollen reaktiviert werden, da sind Schlafmittel nicht erwünscht.

Zuwendung ist die beste Medizin
Baumhof ist der Ansicht, dass Zuwendung die beste Medizin ist, Zuwendung, die nur zu Hause gegeben werden kann. Den Angehörigen der Koma-Patienten will er darum Hilfe zur Selbsthilfe geben. Sie sollen sich zutrauen, ihre Angehörigen selbst zu betreuen. Wie pflege ich richtig, wie trainiere ich aber auch, darauf gibt er Antworten. Im Wachkomahaus wird vermittelt, wie die wachen und doch schlafenden Menschen gefordert und gefördert werden können.

Dietmar Baumhof hat erlebt, dass hoffnungslose Fälle aus dem Wachkoma zurückkehrten und wieder am Leben teilnehmen konnten. In seinem Team arbeitet Krankenschwester Hedi, die als Kind selbst sechs Monate lang im Koma lag. Sie berichtet: "Ich habe selbst ein orange-gelbes Licht gesehen und wollte da hin. Meine Oma saß sehr viel bei mir und hat Geschichten vorgelesen. Bei meinem Lieblingsmärchen von den Drei kleinen Schweinchen habe ich es gepackt zurückzukehren und bin wieder wach geworden."

Aktiv gegen Sterbehilfe
Nicht immer sind die Fortschritte so spektakulär, doch Dietmar Baumhof will die Möglichkeit nie ausschließen. Beim Thema Sterbehilfe wird er darum kämpferisch. In dem aktuellen Fall des Komapatienten Peter K., den sein Vater sterben lassen will, hat er eine Gegenklage angestrengt. Er will dem Vater das Recht nehmen, Entscheidungen im Namen seines Sohnes zu treffen.

'Wir sind die Sprecher für die, die nicht sprechen können' - dies ist das Motto der Baumhofs. Sie werben laut darum gehört zu werden. Sicher können sie nicht sein, dass sie die richtigen Worte für die Sprachlosen finden. Trotz vieler Pflege schaffen wenige den Sprung zurück aus dem Dämmerschlaf. Die anderen machen Fortschritte, ganz kleine zwar, doch sie zeigen, dass in ihnen Leben steckt.

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Quelle: www.zdf.de