Interview mit Dr. András Zemlényi
(Vater
von Zoltán Zemlényi)
Übersetzt von Gizella und Sandra Hemmer
Wie müssen sich die Eltern in einer solchen Situation verhalten, wenn dem
eigenen Sohn solch' eine Tragödie widerfährt?! Wir wussten es nicht. Und wir
waren auch ratlos. Aber wir haben gehofft und vertraut, wie jedermann. Man hofft
doch ein ganzes Leben lang, nicht wahr? Ich glaube, das ist das Natürlichste
auf der Welt.
Als wir plötzlich bemerkten, dass er bei Bewusstsein war, und sahen, wie
schwerwiegend die Folgen des Unfalls waren, haben wir versucht, von allen möglichen
Seiten Rat einzuholen, wie man diese ganze Situation angehen soll. Wir waren
gezwungen, eine ganze Menge Dinge kennen zu lernen, von denen wir früher keine
Ahnung hatten. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass Manches, was wir
ausprobierten, zunächst erfolglos schien. Später aber zeigte sich, dass man
nur mehr Ausdauer haben muss, und der Erfolg stellt sich ein.
Es gab eine ganze Menge Dinge zu lösen, an die noch keiner gedacht hatte, für
die niemand einen Lösungsweg, eine Richtung, vorgezeichnet hatte. Zoltán
konnte zunächst nur seine Augen öffnen und schließen. Dann bemerkten wir,
dass er einigermaßen bei Bewusstsein ist - wir sahen es an seinen Augen und
seinem Blick. Durch seine Blicke konnte man spüren und verstehen, dass er etwas
sagen möchte, er kann es nur nicht. Können Sie sich vorstellen, wie schwierig
es ist, eine Kommunikationsform mit einem Kind, das vollständig gelähmt ist,
sich überhaupt nicht rühren kann, zu finden oder sogar zu erfinden? Man muss
sich also die verrücktesten Sachen einfallen lassen. Und das ist nicht einfach.
Zunächst konnte er nur die Augen öffnen und schließen. Wir begannen damit,
dass er bei "Ja" die Augen schließen, bei "Nein" offen
lassen soll. Diese Lösung erwies sich nicht lange als brauchbar, denn er konnte
die Augen nicht lange offen halten; war das jetzt ein Ja oder ein Nein? Diese
Methode hat nicht funktioniert. Viele Wochen später konnte er sein rechtes Bein
etwas bewegen. Dann kam die erste "Tafel" mit "Ja" und
"Nein". Ich habe mir gedacht, ich teste mal, ob der Junge normal
geblieben ist, oder ob er durch den Unfall zum Idioten geworden ist. Ich wollte
von ihm wissen, was die Hauptstadt von Griechenland ist. Ich habe die Städte
aufgezählt und dabei das Blatt mit der Aufschrift "Ja" und
"Nein" zu seinem rechten Zeh gehalten. Rom ... London ... Paris ...
Athen . Und er zeigte jedesmal auf "Nein". Ohhhh! - dachte ich.
Dieser Junge ist doch ein Idiot geworden. Monate später, als wir mit der Tafel,
die er auch in seinem Buch "Hopparesimi!" beschreibt, zu kommunizieren
begannen, war sein allererster Satz: "Apuschka, bevor mich dieser Trabi überfahren
hat, wusste ich auch nicht, was die Hauptstadt von Griechenland ist, wie soll
ich das jetzt nach dem Unfall wissen?"
Wir haben die Tafel weiterentwickelt. Da man mit "JA" und
"NEIN" allein nicht gut kommunizieren kann, haben wir verschiedene Wörter
wie "schon", "vielleicht", "später" usw. eingefügt.
So entstand die Tafel, worauf außer allen Buchstaben des Alphabets viele Schlüsselwörter,
Bindewörter usw. notiert waren. So konnte er mit Hilfe dieser Tafel viel
schneller ganze Sätze bilden, er musste nicht umständlich buchstabierend
"Ich habe Hunger" zeigen, sondern er konnte direkt auf diese drei Wörter
zeigen. Die Präpositionen wie "mit, auf, an, von, zu" usw. erwiesen
sich ebenso als optimale Hilfe. Mit dieser von uns erstellten Tafel konnten wir
sehr gut miteinander kommunizieren. So miteinander zu kommunizieren war für uns
viel leichter, als die Umgebung davon zu überzeugen, dass man mit meinem Sohn
kommunizieren kann. Das war am schwierigsten. Das war eine harte Nuss. Neun
Monate lang lag er horizontal. Dann begannen wir, ihn mit Gurten an den Stuhl zu
binden, damit er so langsam auch in die vertikale Lage kommt. Wir begannen mit 2
Minuten, 3 Minuten, 4 Minuten ... für ihn waren es fürchterliche Schmerzen.
Der Junge hat früher alles auf Zeit gemacht. Er hat beim Kanu-Training mit der
Stopp-Uhr gelernt, dass man alles auf Zeit machen muss und kann. Und hier,
jetzt, wollte er auch einen Rekord nach dem anderen aufstellen. Nach etwa 3
Wochen waren wir bei anderthalb Stunden, und dann stagnierte es 2 Monate lang.
Der Junge hat ständig auf's Bett gezeigt, dass er sich wieder hinlegen will.
Irgendwann gab es wieder einen Punkt, von da an ging alles wieder viel schneller
... schneller (!) ... also schneller als bisher. Da bekam ich wieder neuen Mut
und dachte, wenn dieses Kind sitzen kann, dann ist es nur noch ein Schritt, und
er kann auch stehen. Er wird lernen zu stehen. Aber wie? Ich habe meine
Kollegen, den Spengler, der bei uns etwas repariert hatte, dann alle möglichen
Leute angesprochen. So auch die Bauarbeiter, die auf dem Dach angegurtet
gearbeitet haben. Und siehe da, die nächste Technik entstand: Wir montierten
zwei Haken in den Türrahmen, daran haben wir die Gurte gebunden, und den Jungen
praktisch darin aufgehängt. Nun, ein bisschen bequem war er schon, er hat seine
Knie gebeugt und sich einfach hängen, einfach baumeln lassen. So wird das
nichts - dachte ich -, so wird er nie aufrecht stehen. Deshalb griff ich zu
einer drastischeren Methode: Die Länge des Gurtes wurde so eingestellt, dass er
in seinen Po schneidet, wenn er die Knie beugt. Aber damit er auch ein wenig Spaß
an der Sache hat und motiviert ist, haben wir ihm gegenüber das Fernsehgerät
hingestellt und seine Lieblingszeichentrickfilme und Lieblingsvideos
eingeschaltet. Er war ein sehr großer KISS-Fan, und in dieser Zeit durfte er
sich die KISS-Video-Kassetten nur "beim Stehen" anschauen. Es war eine
wahre Freude zu sehen, wie wunderbar er wieder gerade stehen konnte, und wie
schnell er lernte, auch ohne Gurt zu stehen. Diese Übungen praktizierten wir
freitags bis sonntags, als er aus der Klinik nach Hause durfte. Schließlich
waren wie soweit, dass er sicher stehen konnte, auch ohne Gurt. Na denn, dachte
ich, jetzt werden wir es denen in der Klinik zeigen. Eines Montags, als ich ihn
in die Klinik zurückbrachte, stellte ich ihn in die Mitte des Krankenzimmers.
"Bleib' hier stehen, ich hole gleich den Herrn Oberarzt!" Er kam,
schaute als erstes auf Zoltáns Bett, ihm wäre nicht einmal der Gedanke
gekommen, dass Zoltán in der Mitte des Zimmers stehen könnte. Dann zeigten und
erklärten wir, wie er stehen gelernt hatte. "Ohhh, jaaa, wir haben im
Gymnastikraum nebenan solche Gurte, wo die Patienten ihre Übungen machen, aber
bei Zoltán hätten wir es nie für möglich gehalten, dass er jemals wieder
wird stehen können!" Wir können nicht vergessen, dass nicht alles nur zum
Lachen war.
Innerhalb von 2 Jahren 16 Institute, 12 Operationen. Es war eine furchtbar harte
Zeit, besonders für ihn. Er selbst musste zu der Erkenntnis kommen, dass er
entweder für immer im Rollstuhl sitzen bleibt, oder alles dafür tut, aus dem
Rollstuhl raus zu kommen. Denn eine Querschnittslähmung hatte er nicht. Unter
schrecklichen Schmerzen haben wir täglich in 1 1/2-stündiger Arbeit versucht,
seine in Kontraktur nach hinten stehende Hand mit Chloretyll, Salbei und Eis
nach vorne zu ziehen. Er sagte mir: "Apuschka ... komm ... hol' meine Hand
nach vorne ... lass' es uns wieder versuchen ..." Und diese Erfolge ... wie
soll ich sagen ... diese Erfolge sind einfach Erfolge hoch 100. Denn als der
Junge klein war und laufen lernte, haben wir uns sehr gefreut. Aber das war die
natürlichste Sache der Welt ... Und jetzt, nach dem Unfall, als er einen
einzigen Finger das erste Mal bewegt hat ... also ... also ... eine größere
Freude kann es im Leben eines Vaters nicht geben ! ... und dann der zweite
Finger ... der dritte Finger ... und so weiter. Sein Leben fängt erst jetzt an.
Ich würde mich freuen, wenn er ein erfolgreicher Schriftsteller werden würde
... oder Journalist ... oder Angestellter ... ich würde mich freuen, wenn er
ein glücklicher Familienvater werden würde ... alles ist möglich."
www.hopparesimi.de